Wo können 200’000 Tiere im Jahr geschlachtet werden?

Anahí Frank

 

Der Stadtrat wird den Mietvertrag mit dem Schlachtbetrieb an der Hohlstrasse nicht mehr verlängern. Stattdessen soll auf dem Areal eine neue Gewerbe- und Begegnungszone entstehen. 

 

 

Seitdem der Schlachthof 1905 im Quartier Aussersihl gebaut worden ist, hat sich viel verändert – sowohl in der Stadt wie auch auf dem Teller ihrer BewohnerInnen. Die umliegenden Felder wurden zu Wohnblöcken, Altstetten wurde eingemeindet und das Areal liegt nicht mehr Stadtrand, sondern mittendrin. Wegen des Bevölkerungswachstums ist die Nachfrage nach Fleisch hoch geblieben, auch wenn die Fleischeslust bei den einzelnen SchweizerInnen in den letzten Jahren nachgelassen hat. Mehr als 200 000 Tiere schlachtet der Schlachtbetrieb Zürich pro Jahr und gehört damit zu den fünf produktivsten Schlachthöfen des Landes. Doch wenn dessen Mietvertrag 2029 abläuft, wird die Stadt ihn nicht mehr verlängern. Das verkündete der Stadtrat in einer Medienmitteilung am vergangenen Mittwoch. 

 

Mehr Grün- und Freiraum

Die drei Hauptmieterinnen des Areals, darunter der Schlachtbetrieb und eine Metzgerei, müssen also wegziehen oder sich auflösen. An deren Stelle sollen auf dem Areal andere Gewerbe einziehen und eventuell auch eine Schule, Parkanlage oder Kulturräume entstehen. Verschiedene Nutzungsmöglichkeiten wurden bereits 2020 und 2021 in sogenannten Echoräumen von Quartierbewoh­nerInnen und VertreterInnen der Politik und des Gewerbes diskutiert. Dabei kam, wie den Protokollen zu entnehmen ist, von vielen der Wunsch nach mehr Grün- und Freiraum auf. Die Stadt hat zwanzig mögliche Nutzungsvarianten erarbeitet und wird in einem nächsten Schritt ein konkretes Bebauungskonzept entwerfen. 

 

Auch die SP würde das Areal gerne anders nutzen. «Das Areal muss zugänglicher werden, damit eine Verbindung zwischen den Quartieren geschaffen werden kann», meint Marcel Tobler, SP-Gemeinderat der Kreise 4 und 5. Ihn stört, dass das Gebiet wegen des Schlachtbetriebs nur bedingt nutzbar sei. «Eine Schule gleich neben dem Schlachtbetrieb wäre beispielsweise nur schlecht vorstellbar», so Tobler. Dass in einem urbanen Zentrum geschlachtet wird, ist heute eher eine Ausnahme. 2006 wurde der letzte, der Berner Schlachthof geschlossen, wodurch sieben der fünfzig Angestellten arbeitslos wurden. Ein weiterer, schon 1914 umfunktionierter Schlachthof dient als Theater und in Biel setzt sich eine Interessensgemeinschaft dafür ein, dass ein lang verlassener, denkmalgeschützter Schlachthof als Kultur- und Begegnungszone genützt wird. Auch in Zürich müsste ein Grossteil der Schlachthofgebäude auch nach einer Umnutzung stehen gelassen werden, weil sie denkmalgeschützt sind.  

 

Ein Schlachthof braucht Platz

Doch was soll aus dem Zürcher Schlachtbetrieb werden, wenn das Areal 2030 umfunktioniert wird? Zwar wäre der Schlachthof auch in der Stadtumgebung ähnlich gut erschlossen, befand eine Studie im Auftrag der Stadt. Doch geeignetes Land zu finden und einen neuen Hof aufzubauen, wäre nicht nur teuer, sondern auch schwierig: «Es ist nicht einfach, eine Gemeinde zu finden, die einen Schlachthof auf ihrem Gebiet will», erklärt Verwaltungsratspräsident der Schlachtbetrieb Zürich AG Ronny Hornecker. Die von der Stadt Zürich als Ersatz angebotene Fläche sei hingegen zu klein. «Als würde man einer sechsköpfigen Familie eine Zweizimmerwohnung anbieten», sagt Hornecker. Die Studie unterstreicht diesen Standpunkt: Aus logistischen, tierrechtlichen und hygienischen Gründen könne die Fläche nicht einfach reduziert werden. Würde der Betrieb sich stattdessen auflösen, könnte die Produktion auch von anderen Schlachthöfen aufgenommen werden. Nur die Versorgung mit Schaffleisch könnte nicht gewährleistet werden. Doch mit dem Schlachthof in Zürich würde auch die Regionalität verloren gehen, meint Hornecker. «Wir verkaufen viel Fleisch an Zürcher Metzgereien, die auf unsere Regionalität angewiesen sind». 

 

Im Fall des Stadtzürcher Schlachthofareals bedeutet Regionalität nicht unbedingt kürzere Fahrstrecken, ein Grossteil des Fleisches wird sowieso ausserhalb des Kantons weiterverarbeitet. Es bleibt also offen, ob eine Auflösung oder Verlagerung des Betriebs die Transportwege für die lebendigen Tiere und das Fleisch verlängern oder verkürzen würde. Und natürlich müsste auch ein allfälliger Neubau in die Klimarechnung miteinbezogen werden. 

 

Doch für Marcel Tobler spielen ökologische Überlegungen in diesem Fall eine nur untergeordnete Rolle: «Unser zentrales Motiv ist die Stadtentwicklung», meint er.

 

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