Wo Jugendliche mit Behinderungen «mehr können lernen»

von Arthur Schäppi

 

Sie gehört zu den grössten und auch vielfältigsten Institutionen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung oder Lernbehinderung in der Deutschschweiz: Jetzt kann die Stiftung Bühl in Wädenswil ihr 150-jähriges Bestehen feiern. Ein Augenschein bei der Jubilarin.

 

Die eigenen Fähigkeiten nutzen und ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen und sich beruflich und sozial in der Gesellschaft integrieren: Dazu will die Stiftung Bühl in Wädenswil Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung oder Lernbehinderung soweit wie nur möglich befähigen. Mit menschlicher Zuwendung, fachlicher Betreuung und individualisierten Bildungsangeboten. «Mehr können lernen» lautet denn auch das Leitmotiv der Stiftung. Jetzt kann die Institution, in der gut zweihundert Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung oder Lernbehinderung zur Schule gehen oder einen Beruf erlernen und teils auch wohnen, einen hohen Geburtstag feiern: Das 150-Jahr-Jubiläum. 

Bei unserem Rundgang durch das Bühl-«Dörfli» auf dem Rötiboden ob Wädenswil treffen wir auch auf den 20jährigen Robin Kölla. Der junge Mann mit Lernbehinderung absolviert eine zweijährige Berufsattestlehre als Schreiner. Aus Lärchenbrettern hat er zuerst für eine Sitzbank Holzlatten zurechtgeschnitten und sie an der Maschine gehobelt. Jetzt kehlt er die Latten gerade an einer anderen Maschine unter Anleitung von Ausbildner Michael Abegg. «Hier darf ich mir die Zeit nehmen, die ich brauche, um eine Arbeit genau zu erledigen», sagt Robin Kölla. Und wenn er etwas nicht verstehe, dürfe er auch mehrmals nachfragen, ohne dass er irgendwelche negativen Kommentare zu hören bekomme.

 

Sprungbrett zum ersten Arbeitsmarkt

 

So wie Robin Kölla absolvieren im Bühl weitere 60 Jugendliche mit einer leichten geistigen Behinderung oder einer Lernbehinderung eine zweijährige Berufsausbildung: etwa auf dem Bio-Bauernhof, in der Metallwerkstatt, der Gärtnerei, der Gastronomie oder in einem andern von insgesamt neun Betrieben. Hinzu kommen 28 Lernende, die bei Partnerfirmen im ersten Arbeitsmarkt eine analoge Stifti machen. Und die Erfolgsaussichten sind vielversprechend. «50 bis 60 Prozent aller LehrabgängerInnen finden später eine Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt», sagt Bühl-Direktorin Brigitte Steimen beim Rundgang. Messen lasse sich der Wert der Berufsausbildung indes nicht alleine daran. «Wenn ein Jugendlicher mit Handicap zwei Jahre lang die Ausbildung durchsteht und einen Abschluss macht, ist auch das ein sehr schöner Erfolg, der es den Absolventen etwa erleichtert, später in einer Erwachseneneinrichtung eine geschützte Arbeitsstelle anzutreten.» 20 solcher Stellen für Erwachsene mit reduzierter Leistungsfähigkeit bietet auch das Bühl selber an. Während der Ausbildung können die Lernenden bei Bedarf in einer der vier zur Stiftung gehörenden sozialpädagogisch betreuten Wohngruppen in Wädenswil oder Horgen wohnen.

 

Aufs Erwachsenenleben vorbereiten

 

Zum Bühl gehört auch eine heilpädagogische Schule für Kinder und Jugendliche. Gegen Ende der Schulzeit werden dort die Jugendlichen mit Spezialprogrammen bei der Berufswahl, Lebensgestaltung und auf dem Weg zum Erwachsenwerden unterstützt. Dazu gehören auch praktische Einsätze in diversen Berufsfeldern.

Der Unterricht orientiert sich an den individuellen Fähigkeiten der SchülerInnen, wobei Alltagssituationen, Wohnen und Freizeit als natürliche Lern- und Übungsfelder einbezogen werden. Von den derzeit rund hundert SchülerInnen wohnen etwa zwei Drittel in internen, alters- und geschlechterdurchmischten Wohngruppen. Die andern sind extern zu Hause, etwa bei ihren Eltern. Finanziert wird die Stiftung zu fast 80 Prozent mit Geldern der Herkunftsgemeinden und des kantonalen Volksschulamtes sowie im Bereich der Berufsbildung von der IV. Hinzu kommen die Erlöse der Bühl-Betriebe sowie Spenden. 

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