Wladimir Putin und der Orden der Cancel Culture

Was haben die Kinderbuchautorin der Welt und Wladimir Putin gemeinsam? Wenn es nach letzterem geht, sind beide Opfer der sogenannten Cancel Culture. «J.K. Rowling wurde kürzlich gecancelt, weil sie den Fans der sogenannten Gender-Freiheit ein Dorn im Auge war», sagte Putin vergangene Woche an einer Pressekonferenz. Die Autorin der Harry Potter-Reihe hatte in den letzten Jahren vor allem mit transphoben Aussagen von sich reden gemacht und dafür berechtigte Kritik geerntet. Und jetzt, so der Kreml-Chef weiter, versuche der Westen Russland, seine Bevölkerung und seine Kultur zu canceln. Nun ist der Vergleich zwischen der Kritik, die Rowling erhält, und den Konsequenzen, die die russische Bevölkerung ertragen muss, natürlich lächerlich. Es ist der Vergleich eines Mannes, der, wenn er nicht Autokrat geworden wäre, heute wohl regelmässig Gastbeiträge für das deutschsprachige Feuilleton schreiben würde.

 

Trotzdem: Der Vergleich steht stellvertretend für eine politische Strategie, die Putin seit einem Jahrzehnt erfolgreich verfolgt und mitunter erklärt, warum zu Beginn der Invasion am rechten politischen Rand Putin-Apologeten wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie alle eint die Erzählung eines Westens, der traditionelle Werte wie die bürgerliche Kernfamilie und patriarchale Geschlechterrollen aufgegeben hat und sich stattdessen lieber um vermeintlich dekadente Themen wie die Rechte von homosexuellen und transidenten Menschen kümmert. Der Gegenpol dazu ist in dieser Erzählung Russland: ein Rückbesinnungsort auf konservative Familienwerte mit klaren Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Hierarchien. Wie sich diese Erzählung in der Praxis anhört, konnte man just an dem Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschierte, in der ‹Weltwoche› lesen. Dort schrieb Roger Köppel, Wladimir Putin sei «eine wandelnde Kriegserklärung an den Zeitgeist, an die ‹Woke-› und ‹Cancel-Culture› und hoffentlich der Schock, den der Westen braucht, um wieder zur Vernunft zu kommen.» 

 

Dass Roger Köppel und andere rechte Scharfmacher diese Erzählung mitentwickeln und verbreiten, ist kein Zufall: Pa­triarchale Männlichkeitsbilder und autoritäre Tendenzen sind bei rechtskonservativen Parteien äusserst anschlussfähig. Wie die feministische Politikwissenschaftlerin Leandra Bias bereits vergangenen November im Interview mit P.S. bemerkte, können wir seit Längerem einen «anti-feministischen Rückschlag von Wladiwostok bis Bern» beobachten, mit dem hart errungene Normen rückgängig gemacht werden sollen. Ein Teil dieses anti-feministischen Rückschlages ist die politische Homophobie: das willentliche Schüren und Instrumentalisieren von Hass gegen queere Menschen als politisches Instrument zur Machtdurchsetzung. Sie hat auch in Russland eine lange Tradition und war stets eingebettet in eine Diskussion über das Verhältnis von Russland zur Welt.

 

Nachdem die Bolschewiki mit der Machtübernahme 1917 das imperiale Strafgesetzbuch der Zarenzeit abschafften, fiel auch das Verbot für männliche Homosexualität. Das änderte sich 1933, als Stalin diese erneut verbot. Der Grund? Homosexuelle Aktivität sei «eine Form der bourgeoisen Degeneration». Gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen wurde hingegen – wie in vielen anderen europäischen Ländern zu dieser Zeit – zumindest strafrechtlich nicht sanktioniert. Politische Homophobie war und ist immer auch männliche Identitätspolitik, die abweichende Formen der Männlichkeit regulieren und sanktionieren soll. Und genau das steckt auch hinter der Renaissance der politischen Homophobie unter Wladimir Putin. 1993 fiel zwar das Verbot aus der Stalinzeit. Doch zur gleichen Zeit erlebte Russland eine regelrechte Männlichkeitskrise: Die Umstrukturierung der Gesellschaft und die rasante Einführung der Marktwirtschaft führten in den 1990er-Jahren laut der Politikwissenschaftlerin Valerie Sterling dazu, dass viele Männer auf einen Schlag ihrer patriarchalen ‹Ernährerrolle› nicht mehr gerecht werden konnten. Gleichzeitig erlangte die LGBTIQ-Community das erste Mal eine gewisse Sichtbarkeit. Ein weiterer Schlag für die kriselnde traditionelle Männlichkeit. 

 

Putin begegnete diesen beiden Entwicklungen mit einem regelrechten Machokult: Fast schon ikonisch sind die Bilder von dem alternden Autokraten auf einem Pferd in Sibirien, oben ohne. Spätestens seit der Einführung des Schwulenpropagandagesetzes 2013 stehen zudem Organisationen, die sich für die Rechte von homosexuellen und transidenten Menschen einsetzen, unter dem Generalverdacht, ausländische Agenten zu sein. Als die russische Bevölkerung 2020 über eine Verfassungsänderung abstimmte, welche die Macht von Putin massiv ausweitete, warb eine staatliche Mediengruppe mit einem Video, das zwei geschminkte Männer und ein trauriges Kind in einem Kinderheim zeigte. «Stimmen Sie für Verfassungsänderungen ab oder alle russischen Kinder landen in einem Haushalt von Schwulen», stand im Begleittext. 

 

Diese Rückbesinnung auf patriarchale Männlichkeit war aber nie nur nach innen gerichtet. Während den Demonstrationen auf dem Euromaidan 2013/2014 verwendeten die staatlichen russischen Medien oft die plumpe Wortschöpfung «Gayromaidan». Die Motivation der DemonstrantInnen wurde so pervertiert. Statt für mehr demokratische Teilhabe und europäische Integration standen die Demonstrationen plötzlich für die Zerstörung der traditionellen Familie – im Auftrag des Westens. Dass sich Wladimir Putin nun in den Diskurs um eine vermeintliche Cancel Culture einschreibt, ist nur eine Fortsetzung dieser Strategie. Der Westen soll zum einen als hypersensibel und verweichlicht entlarvt werden, zum anderen wird er aber gleichzeitig zur Gefahr für Russland hochstilisiert – der letzten Bastion der traditionellen Werte. Dieser Westen ist natürlich ein Konstrukt, aber ein wirkungsmächtiges. Bis in Feuilletonartikel der NZZ dringt es durch, die anhand von Anekdoten eine Cancel Culture herbeireden wollen, in der bürgerlichen Kritik an der feministischen Aussenpolitik der deutschen Aussenministerin Annalena Baerbock als schwach, im Ruf nach Aufrüstung als einziges Mittel einer ‹vernünftigen› Verteidigungspolitik – und aus dem Mund eines Nationalrats der stärksten Partei der Schweiz.

 

Auf das Gedöns der vermeintlichen Cancel Culture rund um J.K. Rowling einzugehen, ist müssig: Es ist der pubertäre Reflex einer Generation, die Kritik mit Zensur verwechselt. Doch wo dieser Reflex als Teil des anti-feministischen Rückschlags und als Konstruktion eines Westens funktioniert, muss man entschlossen entgegentreten – und sich solidarisch mit all jenen zeigen, deren Kampf für mehr Sichtbarkeit und Freiheit politisch ausgeschlachtet wird. 

 

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