- Im Gespräch
«Wir müssen uns als Kirche positionieren» – «Niemand wartet darauf, von der Kirche belehrt zu werden»
Mona Schatzmann, Sie treten für die Wahl mit dem «Team Schatzmann – für eine Kirche auf Augenhöhe» an. Ist denn die Reformierte Kirche aktuell nicht auf Augenhöhe mit ihren Mitgliedern?
Mona Schatzmann: Die Reformierte Kirche hat sehr weit verzweigte Anspruchsgruppen, die gehört und abgeholt werden wollen: Familien, kirchenfernere Mitglieder, einsamere Menschen, Kulturaffine und still Gläubige. Als Präsidentin der Kirchenkreiskommission im Kreis 7/8 kenne ich die Basis der Reformierten Kirche. Wir müssen präsent sein, auf allen Ebenen Vertrauen schaffen und auf Augenhöhe kommunizieren.
Als neue Kandidatin für die Kirchenpflege treten Sie auch gleich als Kandidatin für das Präsidium an. Wie kam es dazu?
Schatzmann: Hinter meiner Kandidatur steht eine Wähler:innenvereinigung, bestehend aus Kirchenparlamentarier:innen und zwei Mitgliedern der Reformierten Kirche, die sich überlegt hat, welche Qualitäten sie für Kirchenpfleger:innen wichtig finden. Sie haben dann eine Art Casting durchgeführt. Seitdem arbeiten wir als Team Mona Schatzmann zusammen, mit vier neuen und zwei bisherigen Kandidat:innen.
Res Peter, Ihr Team nennt sich 7G, für die Werte «Gasgeben, Geistreich, Gwundrig, Grundehrlich, Gelassen, Gottvertrauen, Gut». Sie sind aktuell bereits in der Kirchenpflege und zusätzlich als Pfarrer in Baden tätig. Für Ihre Wahl werben Sie mit dem Spruch: «En Pfarrer als Präsident. Isch doch klar.» Scheinbar sehen das in der reformierten Kirche aber nicht alle so.
Peter: Ich kann das in diesem Fall schlicht nicht nachvollziehen. Bei einer kleineren Kirchgemeinde finde ich es sinnvoll, dass man nicht eine Pfarrperson als Kirchenpflege haben will. Aber die Kirchgemeinde Zürich hat 63 000 Mitglieder. Wäre sie eine Landeskirche, wäre es die siebtgrösste. Es kann doch nicht sein, dass man für so ein wichtiges Amt aufgrund seines Berufes nicht kandidieren sollte. Zudem wäre ich als Präsident der Kirchenpflege gar nicht mehr als Pfarrer tätig. Das Präsidium ist als 70-Prozent-Pensum vergütet, ich würde es aber als Vollzeitstelle ausüben und kaum mehr als Pfarrer arbeiten.
Wie sehen Sie das, Frau Schatzmann: Sollte eine Pfarrperson eine Kirchenpflege leiten?
Schatzmann: Die Kirchenordnung sieht eine Gewaltentrennung vor: Die Kirchenpflege besteht aus sieben Mitgliedern, vier Pfarrpersonen sind als wichtige Berater zugeordnet und an jeder Sitzung dabei. Sie sind für Theologie zuständig und für moralische oder ethische Fragen. Entscheide trifft und verantwortet aber die Kirchenpflege. Sie ist auch dazu da, den anderen Akteuren innerhalb der Reformierten Kirche den Rücken freizuhalten. Dafür muss sie sich klar von den anderen Organen abgrenzen. Auf persönlicher Ebene fände ich es schade, mit Res Peter einen ausgebildeten und herausragenden Pfarrer zu verlieren, der sich dafür dann um Finanzen und Personalgeschäfte kümmern würde.
Peter: Bei den letzten Wahlen fandest du das offensichtlich noch nicht so schlimm. Schliesslich hast du mich damals noch als Kandidat für das Präsidium unterstützt. Mich im Pfarramt «versorgen», wie du das am Podium gesagt hast, widerspricht dem Kern meiner Lebenshaltung. So heisst es in der Bibel: «Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht. Steht nur fest, dass ihr nicht wieder die Zügel der Unfreiheit anzieht.» Einzig die Wahlbevölkerung entscheidet, wer im Amt des Präsidiums ausstrahlt.
Schatzmann: Ich habe dazugelernt.
Diese Wahlen um die Kirchenpflege sind eine Besonderheit: Das erste Mal gibt es mehr Kandidat:innen als Plätze im Gremium. Auf sieben Sitze kommen fünfzehn Kandidat:innen. Hat Sie das überrascht?
Schatzmann: Nicht wirklich. Für mich ist es ein positives Zeichen, wenn sich Leute engagieren und Führungsverantwortung übernehmen wollen.
Peter: Ich finde es ebenfalls positiv. Dass es nun mehr Kandidat:innen als Sitze hat, führt zu mehr Debatte, was ich immer befürworte. Vermutlich hat es auch damit zu tun, dass das Kirchenparlament die Löhne für die Kirchenpflege erhöht hat.
Jährlich gibt die Reformierte Kirche für die Vergütung aller sieben Kirchenpfleger:innen rund eine halbe Million Franken aus. Wobei der Grossteil auf das Präsidium entfällt, das ein 70-Prozent-Pensum ist, während die anderen Mitglieder ein Pensum von 30 Prozent haben. Wie stehen Sie dazu?
Peter: Ich habe gemischte Gefühle: Einerseits denke ich, dass sich die Kirche solche Entschädigungen vielleicht noch zehn Jahre leisten kann und danach wird sie reduzieren müssen. Andererseits sehe ich aber auch, dass sich berufstätige und insbesondere auch junge Menschen eher für das Amt interessieren, wenn es finanziell interessant ist. Ein Engagement in der Kirchenpflege bedeutet schliesslich für die meisten, dass sie ihr Pensum an einem anderen Ort reduzieren.
Schatzmann: Ich finde den Lohn schon hoch. Die letzten zwölf Jahre habe ich mich vor allem ehrenamtlich in der Kirche engagiert, für mich müsste es also nicht so viel Geld sein, wobei das auch mit meiner Lebenssituation zu tun hat, die ein grosses Privileg ist.
Peter: Der Lohn verlangt auch eine gewisse Leistung, die man bringt. Obwohl das Wort in der Kirche nicht gerne gehört wird, finde ich es wichtig. Man steht in der Verantwortung und darf in dieser Funktion auch kritisiert werden. Ich bin der Überzeugung, dass ich diese Leistung bringen kann.
Schatzmann: Ich bringe einfach einen ganz anderen Erfahrungsschatz mit. Zusätzlich zu meiner kirchlichen Tellerwäscherkarriere von der Freiwilligen bis hin zur Kreispräsidentin bin ich gelernte Buchhändlerin, Gastronomin, studierte Künstlerin, Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern, Leiterin unseres Mehrgenerationenhauses und habe Altersarbeit geleistet. Ich habe die Erfahrung an der Basis der Kirchengemeinde Zürich, du warst immer Pfarrer oder in der Kirchenpflege. Das ist einfach eine andere Sicht auf die Dinge.
Peter: Das stimmt so nicht. Ich habe viel Erfahrung in vielen Positionen, immer auch mit der Basis, mit wem denn sonst? Lange in der Westschweiz und seit einigen Jahren in der Stadt Zürich. Ich finde das einen komischen Vorwurf.
Schatzmann: Es ist auch kein Vorwurf. Ich habe dafür keine Erfahrung in den Positionen, in denen du warst.
Die Fusion der Kirchgemeinden in der Stadt Zürich sorgt bis heute für viel Gesprächsbedarf. 2019 wurde aus 32 Kirchgemeinden eine einzige. Wie beurteilen Sie diesen Schritt heute?
Schatzmann: Für mich ist die Fusion ein Erfolgsmodell. Da hat die ganze Kirche etwas geschafft, was eigentlich unmöglich ist. So viele Organisationen zu vereinen, ist eine riesige Herausforderung, die wir gut gemeistert haben. Natürlich gibt es auch heute noch Baustellen. Wir müssen noch besser zusammenwachsen. Zurück zum alten System sollten wir trotzdem nicht gehen.
Peter: Wenn wir nicht bereits fusioniert hätten, müssten wir es heute machen. Meiner Meinung nach müssen wir als Organisation den Menschen wieder mehr Freiräume gewähren. Sie müssen in einem ausgehandelten Rahmen selber Entscheidungen treffen können. Das ist die DNA der Kirche.
Ein weiteres Thema, das die Reformierte Kirche umtreibt, sind die Liegenschaften. Viele Häuser, die der Reformierten Kirche gehören, werden zu wenig genutzt. Immer mehr kommt es zu Vermietungen.
Schatzmann: Das ist ein grosses Thema, das wir gerade bearbeiten. In meinem Kirchenkreis etwa haben wir gemeinsam mit dem Pfarrkonvent beschlossen, uns auf die vier grössten Kirchen zu reduzieren und eine Kirche anderweitig zu nutzen. Das ist natürlich für unsere aktiven Mitglieder nicht einfach.
Peter: Ich bin in der Kirchenpflege, neben dem Vizepräsidium und der Nachhaltigkeit, seit sieben Jahren für die Finanzen zuständig und habe deshalb einen guten Weitblick auch in diesem Thema. Grundsätzlich haben wir Liegenschaften im Wert von 1,2 Milliarden Franken, davon sind zwei Drittel im Verwaltungsvermögen, und ein Drittel im Finanzvermögen. Nun stammt unsere Liegenschaftsplanung aus einer Zeit, in der wir noch 240 000 Mitglieder hatten, nun sind es 63 000. Wir müssen also dieses Verhältnis umkehren. Zwei Drittel der Liegenschaften müssten wir sozial, ökologisch, aber eben auch ökonomisch sinnvoll bewirtschaften und ein Drittel im Verwaltungsvermögen behalten. Damit finanzieren wir ein blühendes und wucherndes Gemeindeleben.
Schatzmann: Das lässt sich in der Kirchenpflege natürlich einfach sagen, eine Stufe weiter unten, in den Kirchenkreisen, wo man den Mitgliedern dann erklären muss, dass sie in eine andere Kirche gehen müssten, ist es deutlich unangenehmer. Obwohl ich das Ziel grundsätzlich teile.
Peter: Das hat ganz einfach mit Kommunikation zu tun. Man muss es halt den Leuten einfach immer und immer wieder liebevoll erklären.
Die zu wenig genutzten Liegenschaften liegen vor allem am starken Rückgang von Mitgliedern. Wie würden Sie mit diesem Thema umgehen?
Schatzmann: Ich glaube, es gibt kein einfaches Rezept, das man anwenden könnte. Aber wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, was für gesellschaftliche und spirituelle Ansprüche es gibt und wie wir diesen Ansprüchen gerecht werden. Dafür müssen wir vielleicht auch einmal an Orte gehen, wo die Kirche sonst nicht ist, zum Beispiel an einen Techno-Rave oder in Cafés, wo ältere Damen und Herren gerade Kuchen essen, und versuchen, mit diesen Gruppen ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist mir, dass die Reformierte Kirche ein Gegenpol zur gewinnorientierten Welt bleibt und Freiräume schafft.
Peter: Natürlich haben alle Menschen in der Reformierten Kirche, von Mitarbeiter:innen und Freiwilligen bis zur Kirchenpflege, das Ziel, etwas gegen den Mitgliederschwund zu machen. Das finde ich wichtig. Gelassen denke ich aber, dass wir gegen den gesellschaftlichen Trend nicht ankommen. Als Kirche sagen und tun wir Relevantes und Wichtiges! Das müssen wir auch nach aussen vertreten. Ich bin eine glaubhafte Stimme, um die Reformierte Kirche in der öffentlichen Debatte zu vertreten. Und dort müssen wir hin. Als wir letztes Jahr über die Senkung der Unternehmensgewinnsteuern abgestimmt haben, wollte man mir verbieten, im Namen der Kirchenpflege darüber zu reden, wie viel Geld uns das als Kirche kosten würde. Das kann es doch nicht sein. Auch wenn es zum Beispiel um die Konzernverantwortungsinitiative geht, die nun noch einmal zur Abstimmung kommt, müssen wir uns als Kirche positionieren.
Schatzmann: Ich finde es wichtig, dabei alle Leute abzuholen. Die Kirche muss ein Ort für alle sein, egal wo sie politisch stehen. Wir müssen schauen, dass wir nicht mit politischen Botschaften unsere Mitglieder vegraulen. Wenn wir uns also öffentlich äussern, dann in guter Absprache mit der Basis und nachdem wir unsere Position erklärt haben. Niemand wartet darauf, von der Kirche belehrt zu werden.
Peter: Das sehe ich diametral anders. Wenn ich in ein Amt gewählt werde, dann vertrete ich dort meine Werte. Dafür wurde ich schliesslich gewählt.
Was sind Ihre Ziele, falls Sie in das Präsidium der Kirchenpflege gewählt werden?
Peter: Das erste, was ich erreichen will, ist dass die Menschen gerne bei der Reformierten Kirche arbeiten und stolz darauf sind, Teil der Kirche zu sein. Zweitens möchte ich, dass wir eine «gepflegte Religion» sind, die inhaltlich, ästhetisch, sozial und spirituell Anregendes und und Gescheites sagt und tut. Und drittens will ich, dass wir einfach machen. Das wir Projekte unterstützen, Neues anreissen und den Mut haben Dinge auszuprobieren, die auch scheitern dürfen.
Schatzmann: Ich finde es wichtig, dass wir die Teamarbeit stärken, was gut läuft, laufen lassen und an unserer Fehlerkultur arbeiten. Frauenförderung – nicht nur bei freiwilligen und informellen Tätigkeiten, sondern auch in Ämtern mit Entscheidungsmacht. Wir müssen unseren Mitarbeitenden und unseren Freiwilligen gut schauen, die enorm viel für die Kirche leisten. Als Kirche können wir echte Begegnungen anbieten, was heute extrem gefragt ist. Dort müssen wir uns stark positionieren.
Peter: Ich will eine selbstbewusste Kirche. Das biblische Gleichnis von den anvertrauten Talenten lehrt uns: Gottgegebene Gaben sollten aktiv genutzt und entfalten werden. Genau das dürfen wir machen! Wir dürfen ‹wuchern› mit unseren schlummernden Potenzialen und unseren Talenten. So werden begabte Menschen durch ihren Einsatz und ihre Leidenschaft in die Gesellschaft ausstrahlen.
Mehr Informationen zu den anderen 13 Kandidat:innen finden Sie unter reformiert-zuerich.ch.