«Wir müssen stören, um gehört zu werden»

Renovate Switzerland blockiert seit Anfang Jahr Autobahnen in der ganzen Schweiz. Was diese Blockaden mit der Sanierung von Gebäuden zu tun haben, erklärt Aktivistin Marie im Gespräch mit Roxane Steiger.

 

In der ganzen Schweiz haben Mitglieder der Bewegung «Renovate Switzerland» in den letzten Wochen Sitzblockaden organisiert, um den Verkehr lahmzulegen, auch in Zürich. Wie laufen diese Blockaden ab?

Marie*: Eine Blockade ist immer sehr gut geplant und organisiert. Wir wollen Autounfälle oder dass eine Ambulanz blockiert wird, um jeden Preis vermeiden. Diese Szenarien gehen wir im Vorfeld der Blockade alle durch. Am Abend vor der Aktion machen wir schliesslich ein Briefing mit allen Teilnehmenden. Dort gehen wir alle Szenarien durch, damit es möglichst schnell und einfach geht, die Strasse zu sperren. An der Aktion selber gibt es neben den Leuten, die auf der Strasse sitzen, auch Leute, die mit den Autofahrenden sprechen, um das Gewaltpotenzial zu deeskalieren. Sie erklären den Leuten, was passiert, dass es nicht lange dauern wird und dass die Polizei wahrscheinlich schon Bescheid weiss. Wenn die Aktion beginnt, rufen wir zudem direkt bei den Krankenhäusern an, um sie da­rüber zu informieren, welche Strasse gesperrt ist. So wissen die Ambulanzen, welchen Weg sie vermeiden sollten. Falls tatsächlich eine Ambulanz durchfährt, wird der Weg natürlich sofort freigegeben. Deshalb schauen wir immer, dass die Leute, die sich auf der Strasse ankleben, dort platziert sind, wo der Weg rasch freigemacht werden kann. Die Teilnehmenden der Aktion müssen alle ein ganztägiges Training zu gewaltfreiem Widerstand absolvieren. Dort lernen sie, wie sie gewaltlos auf mögliche Gewalt antworten.

 

Was ist die Entstehungsgeschichte dieser Kampagne in der Schweiz? 

Sie wurde von vier guten Freunden gestartet, die früher bei Extinction Rebellion dabei waren. Sie haben gemerkt, wo dort die Grenzen liegen und wollten das Ganze mit einer konkreten Forderung wiederbeleben und auffrischen. So haben sie einen Kampagnenplan entworfen und angefangen zu mobilisieren, vor allem in der Romandie. Im April fand die erste Aktionswelle statt. Sie haben vier Blockaden innerhalb von zwei Wochen gemacht. Seitdem sind sie immer grösser geworden. Die Kampagne ist sehr gut organisiert und es wird stark mobilisiert. Am Anfang waren sie 16, jetzt sind es etwa 100 Leute, die eine aktive Rolle innerhalb der Kampagne haben. 

 

Wer macht mit bei diesen Aktionen? 

Das ist sehr unterschiedlich. Der jüngste Teilnehmer ist 16 und die älteste Person ist 78. Das Durchschnittsalter ist ungefähr 40 Jahre. Es sind StudentInnen, Eltern, pensionierte Leute, Menschen die schon aktiv waren und andere, die das zum ersten Mal machen. Ich würde sagen, dass es nicht die typischen KlimaaktivistInnen sind. Einige kommen von Extinction Rebellion, aber die meisten haben einen anderen Hintergrund. 

 

Und was bewegt diese Menschen dazu?

Der Hauptgrund ist, dass wir in einem Klimanotstand sind. Die ganze Menschheit ist bedroht und wir haben nur sehr wenig Zeit, um zu handeln. Der kürzlich veröffentlichte UN-Gap-Report zeigt klar auf, dass die 1,5-Grad-Grenze höchstwahrscheinlich nicht erreichbar ist. Was auf uns zukommt, ist der Horror. Heute habe ich erfahren, dass mein Bruder und seine Frau ein Kind kriegen. Ich musste den ganzen Vormittag weinen, weil ich mich für sie nicht freuen kann, wenn ich darüber nachdenke, was auf uns zukommt und wie das Leben dieses Kindes aussehen wird. Das macht mich unglaublich traurig. Wir wissen alle nicht mehr, was wir tun können, um uns Gehör zu verschaffen und die Aufmerksamkeit für das grösste Problem, das es in der Menschheit je gegeben hat, zu kriegen. 

 

Im Internet kursieren viele Videos von wütenden AutofahrerInnen bei Ihren Aktionen. Wieso greifen Sie dafür auf diese Protestform zurück? 

Erstens, weil es für viele der letzte Ausweg ist. Wir waren an Demos, haben an Klimastreiks teilgenommen, Petitionen unterschrieben, bei Initiativen mitgemacht. Wir merken, dass wir uns immer noch in einer Sackgasse befinden. Ziviler Widerstand ist für uns der letzte Ausweg. Zudem ist es eine Strategie, die sich in der Geschichte bewährt hat, um schneller soziale Veränderungen herbeizuführen. Zum Beispiel wie die Bürgerrechtskampagne der Freedom Riders, die sich an der Abschaffung der staatlich sanktionierten Rassentrennung beteiligten. Sie haben mit ihren Aktionen, ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit viele Leute inspiriert. Auch uns inspirieren sie mit ihrer Methode heute.  

 

Viele PolitikerInnen aus dem links-grünen Lager kommentierten die Aktionen nach dem Motto: Klimaschutz ist wichtig, aber nicht auf diese Art und Weise. Wie erleben Sie die Reaktionen auf diese Aktionen?

Für uns war von Anfang an klar, dass wir nicht hier sind, um beliebt zu sein. Wir wussten, dass wir sehr viel Wut und Hass provozieren werden. Wenn unsere Aktionen dazu führen, dass PolitikerInnen sich zu unseren Forderungen äussern müssen und von JournalistInnen gefragt werden, was sie eigentlich für den Klimaschutz machen, ist das allerdings für uns ein Beweis, dass unsere Aktionen wirken. Wir wollen mit unseren Aktionen nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen. Wir wollen, dass die Leute nicht mehr den Kopf in den Sand stecken können. Wir sollen endlich der Realität in die Augen schauen und erkennen, dass wir uns in einem Notstand befinden und jetzt handeln müssen. Das ist eine sehr unangenehme Wahrheit, für die wir es in Kauf nehmen, uns unbeliebt zu machen. 

 

An den Klimastreiks gehen tausende Leute für ihre Forderungen auf die Strasse. Bei Renovate kleben sich ein paar dutzende auf Autobahnen. Das schlägt Wellen, aber der Klimastreik, an dem Ende September 8000 Leute auf die Strassen gingen, scheint die mediale Öffentlichkeit kaum zu interessieren. Ist das nicht verkehrt?

Unsere Strategie basiert auf dem, was wir aus den Bewegungen aus der Geschichte beobachtet haben. Nämlich, dass es nicht ohne Störung geht. Bei der Blockierung von Autobahnen handelt es sich um eine öffentliche Störung: Wir blockieren Autos und hindern sie an der Durchfahrt. Das löst eine Reaktion aus. Entweder die Menschen finden unsere Botschaft und unsere Methode gut, oder nicht. Für uns ist die Hauptsache, dass es eine Reaktion gibt. Ich glaube viele, die bei Renovate mitmachen, konnten nicht aushalten, dass in unserer Gesellschaft komplett ignoriert wird, was hier eigentlich gerade passiert.

 

Sprechen wir darüber, wen man bei diesen Aktionen stört. AutofahrerInnen sind nicht die direkten HauptverursacherInnen dieser Krise. Der Klimastreik setzt dort an, wo die Hebel sind. Er besetzte Banken, oder vor kurzem eine Öl-Raffinerie in Neuenburg …

Ich begrüsse diese Aktionen. Alle Protestformen sind wichtig und wir brauchen diese Vielfalt. Nur, wer berichtet darüber? Zur Blockade der Ölraffinerie gab es vielleicht zwei, drei Artikel, und ein paar Tage später ist es wieder vergessen. Es wäre anders, würde man solche Orte in einer gewissen Regelmässigkeit und so tatsächlich den Betrieb blockieren. Für uns ist klar, dass es eine spürbare Störung und Entschlossenheit in der Strategie braucht. Wenn es nur einmalige Aktionen sind, dann hat es viel weniger Wirkung. 

 

Hinter den Autobahnblockaden steckt eine konkrete politische Forderung. Können Sie diese näher beschreiben? 

Der Bundesrat muss eine Generalmobilmachung für die thermische Gebäudesanierung verfügen, als ersten offensichtlichen Schritt, um aus den fossilen Energien auszusteigen und den ökologischen Übergang zu schaffen. Wir fordern, dass der Bund sofort vier Milliarden Franken bereitstellt, damit 100 000 Personen ein Stipendium erhalten, um sich in den Berufen des Baugewerbes umzuschulen.

 

Das ist sehr konkret …

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb wir so konkret sind. Gebäude sind die zweitgrösste Emissionsquelle im Land. Dort müssen wir ansetzen, wenn die Schweiz ihre Klimaziele erreichen will. Ohne konkrete Forderungen ist es viel einfacher für die Politiker­Innen zu sagen, dass wir nichts vorschlagen. Uns ist bewusst, dass das Problem viel zu gross ist, als dass wir es in kleine Stücke zerkleinern können. So können wir den Politiker­Innen ihre Arbeit aber in einzelnen Stücken vorkauen. Eine solche Forderung ist für unsere Bewegung gewinnbar. Forderungen wie «System Change» kann man nicht gewinnen, weil es sehr breit ist. Konkrete Kampagne  wie unsere können aber die Grundlage für weitere Erfolge schaffen. Wir brauchen diese ersten Schritte, um aus dieser Sackgasse rauszukommen.

 

Und was hat die Blockade von Autobahnen mit der Sanierung von Gebäuden zu tun?

Die Blockade von Autobahnen ist eine rein strategische Überlegung. Erstens schaffen wir so eine grosse Störung. Und, wie gesagt, müssen wir leider stören, um endlich gehört zu werden. Zweitens ist es ein öffentlicher Ort. Indem wir Autobahnen blockieren, richten wir eine Frage an die gesamte Gesellschaft: Jeder und jede muss Stellung dazu nehmen. Denn die Klimakrise ist ein gesellschaftliches Problem und wir müssen diese als Gesellschaft lösen.

 

Wurde bisher etwas von Politiker­Innen aufgegriffen? 

Simonetta Sommaruga hat uns nach der ersten Aktionswelle im April einen Brief geschrieben. In diesem erklärt sie, was sie derzeit macht und woran sie mit dem CO2-Gesetz dran ist. Es ist jedoch einfach nicht genug und entspricht nicht dem Ausmass der Krise. Wir haben Ende Oktober einen offenen Brief an Frau Sommaruga geschrieben, in dem wir ihr ein Treffen vorschlagen. Wir warten gespannt auf eine Antwort.

 

Sie finanzieren sich aus Privatspenden. 30 Prozent kommen aus dem Climate Emergency Fund, der mehrere ähnliche Zivilwiderstandskampagnen auf der ganzen Welt unterstützt. Was steckt hinter diesem Fonds? Und wofür setzen Sie das Geld ein?

70 Prozent kommen aus Privatspenden, 30 Prozent aus diesem Fonds. Es ist ein Fonds in den USA, der in erster Linie von Major Donors gespeist wird. Dieser Fonds ist spezifisch für Kampagnen von zivilem Widerstand gedacht, um solche Kampagnen wie Renovate Switzerland zu finanzieren. Renovate ist Teil eines Netzwerks, das A22 heisst. Neun zivile Widerstandskampagnen in verschiedenen Ländern sind Teil von diesem Netzwerk. Zum Beispiel Letzte Generation in Deutschland, aber auch in weiteren Ländern wie Kanada, Frankreich oder England gibt es ähnliche Kampagnen. 

Sie haben zum Teil andere Forderungen. In Deutschland ist es zum Beispiel das Neun-Euro-Ticket und die Forderung nach Geschwindigkeitsgrenzen von 100 Stundenkilometern. Es handelt sich aber immer um eine sehr konkrete Forderung, die mit der gleichen Methode angegangen wird. Das Geld wird für legale Aktivitäten verwendet. Wir brauchen es, um Trainings zu organisieren oder Infoabende zu veranstalten.

 

Wie geht es nun weiter? 

Für uns ist klar: Wir werden nicht aufhören, solange wir keine substanzielle Antwort vom Bundesrat kriegen. Wir sind sehr entschlossen und werden weitermachen bei allem, was wir gewaltfrei machen können, damit wir gehört werden. Es gibt keine Alternative, wir müssen das tun.

 

*Richtiger Name der Redaktion bekannt

 

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