«Wieder zur Pionierstadt werden»

Finanzvorsteherin Yvonne Beutler möchte erste Stadtpräsidentin Winterthurs werden. Was sie an diesem Amt besonders reizt, erklärt sie im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Erst nach dem ersten Wahlgang, bei dem Sie alle MitbewerberInnen weit hinter sich liessen, stellten Sie sich auch für das Präsidium zur Verfügung. Laut dem ‹Landboten› vom 21. März wurden Sie deswegen auf Facebook als «Fahne im Wind» bezeichnet. Warum wollen Sie doch noch Stadtpräsidentin werden?

Yvonne Beutler: Es ist völlig legitim, dass man nach dem ersten Wahlgang nochmals eine Analyse der Lage vornimmt. Christa Meier hat einen hervorragenden Wahlkampf gemacht und ist verdient in den Stadtrat gewählt worden. Das weitere Vorgehen haben dann die Partei sowie Christa Meier, Nicolas Galladé und ich gemeinsam diskutiert und beschlossen, den zweiten Teil des Stadtpräsidiumswahlkampfs mit mir zu bestreiten.

 

Sie sind seit 2012 Finanzvorsteherin und haben dieses Amt in schwierigen Zeiten übernommen. Sie haben seither erfolgreich gearbeitet; heute steht die Stadt finanziell viel besser da. Wäre es nicht reizvoller, das Erreichte zu konsolidieren, statt etwas Neues anzufangen?

Selbstverständlich wäre dies viel bequemer gewesen. Bei meiner Entscheidung standen zwei Punkte im Vordergrund: Erstens war das Resultat des ersten Wahlgangs sehr klar. Wenn eine Partei so deutlich gewinnt wie die SP am 4. März, ändert sich auch die städtische Politik. Damit sind die GewinnerInnen aber auch in der Pflicht, die Verantwortung für das Vertrauen zu übernehmen, das die Stimmberechtigten in sie gesteckt haben. Das mache ich, indem ich fürs Präsidium kandidiere. Zweitens bedeutet das Stadtpräsidium eine sehr spannende Aufgabe und eine grosse Chance, die künftige Entwicklung meiner Stadt mitzuprägen und der Stadt gegen Aussen ein Gesicht zu geben. Auch auf die Weiterentwicklung der Verwaltungsführung kann die Stadtpräsidentin Einfluss nehmen.

 

Steht denn diesbezüglich ein grösserer Entwicklungsschritt an?

Die Verwaltung weiterzuentwickeln ist ein dauernder Prozess. Wie jemand diese Aufgabe angeht, hat viel mit seinem bzw. ihrem Führungsverständnis zu tun: Wie werden die MitarbeiterInnen gefördert? Oder wie aktiv soll beispielsweise die Digitalisierung angepackt werden? Soll die Stadtverwaltung eine Vorreiterrolle einnehmen oder vor allem nachvollziehen, was andere ausgeheckt haben?

 

Wo stehen Sie in dieser Frage?

Für mich ist klar, dass Winterthur wieder zur Pionierstadt werden soll, wie sie es zu Sulzer- und Rieter-Zeiten war. Sie sollte aber auch wieder die entsprechende Ausstrahlung gegen Aussen bekommen. Ich möchte mehr innovative Unternehmen nach Winterthur holen und sehe unsere Stadt als fortschrittliche Smart City.

 

Die Smart City ist in aller Munde, doch offensichtlich verstehen unter diesem Begriff nicht alle dasselbe. Welches ist Ihre Definition?

Eine Smart City ist eine innovative, fortschrittliche und vernetzte Stadt, die Menschen und Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Sie zeichnet sich durch eine hohe Lebensqualität und einen effizienten Ressourceneinsatz aus. Bei der Energie beispielsweise durch eine intelligente Strassenbeleuchtung, beim Verkehr mit einer optimierten Steuerung der Ampeln oder beim Abfall mit Füllstandsmeldern. Solche gibt es in Winterthur übrigens bereits: Sensoren melden, wenn der Container voll ist, womit der Kehrichtwagen erst losgeschickt wird, wenn es garantiert etwas zu holen gibt. Das spart unnötige Fahrten und damit auch Zeit und Energie.

 

Welche politischen Schwerpunkte würden Sie als Stadtpräsidentin setzen?

Eine fortschrittliche, ökologische, soziale und urbane Politik entspricht meiner Grundhaltung und meiner ganzheitlichen Betrachtungsweise. Eine gute Balance der Interessen der Wohnbevölkerung und der Unternehmen ist mir wichtig. Soziale und ökologische Aspekte im Auge zu behalten, steht bei einer urbanen Politik zudem generell im Vordergrund. Die Vielfalt unserer Stadt zu erhalten, ist mir ebenso wichtig wie eine nach vorne orientierte Politik. Wir sollten uns aber nicht nur mit neuen Technologien befassen, sondern genausoviel daran setzen, unsere lebendige Kulturszene zu erhalten und weiterzuentwickeln.

 

Was schwebt Ihnen in der Kulturpolitik konkret vor?

Von meinem Kulturverständnis her soll es keine Konkurrenz geben zwischen Grossartigem der etablierten Kunst wie auch Experimentellem von heute.

 

In der jüngeren Vergangenheit hörte man aus Winterthur mehr über die Parkplatzverordnung als über Fortschritte der Velostadt. Würde das unter Ihnen so bleiben?

Für mich steht im Vordergrund, dass wir den Verkehr effizient abwickeln. Vor allem die Veloschnellrouten gilt es rasch auszubauen. Damit der öV ebenfalls gut voran kommt, sollte der Bus möglichst nicht im Stau stecken bleiben; dafür braucht es ein Prorisierungssystem.

 

Im Streitgespräch mit Ihrem Konkurrenten Michael Künzle (CVP) im ‹Landboten› vom 21. März wird die Wirtschaft als «Gretchenfrage» behandelt. Dort entsteht der Eindruck, es bestehe die Gefahr, dass Stadtpräsidentin Beutler als erstes die Steuern erhöhen würde.

Das Schreckgespenst, das im ‹Landboten› heraufbeschworen ist, zielt ins Leere. Wie hoch die Steuern sind, hängt vor allem von der wirtschaftlichen Lage ab. Die Auswirkungen der Steuervorlage 17 sind zurzeit noch offen, eine Prognose ist entsprechend schwierig. Eins weiss ich aber bestimmt: Wenn «Steuern erhöhen» mein einziges finanzpolitisches Instrument wäre, hätte ich in den letzten sechs Jahren viel weniger arbeiten müssen.

 

Kommen wir zum Schluss: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie tatsächlich erste Stadtpräsidentin von Winterthur werden?

Meine Wahlchancen sind intakt angesichts der klaren Willensäusserung der Stimmberechtigten im ersten Wahlgang. Dennoch ist das Rennen offen; Wahlen sind immer ein Risiko. Entscheidend wird die Mobilisierung sein: Wenn wirklich alle, die mir im ersten Wahlgang ihre Stimme gaben, erneut an die Urne gehen, sieht es gut aus.

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