- Gedanken zur Woche
Wie zu Gotthelfs Zeiten?
Am letzten Samstag verabschiedete die SVP Schweiz an ihrer Delegiertenversammlung ein Schulpapier mit den üblichen Schlagworten: «Masslose Zuwanderung, gescheiterte Reformen und Bürokratie-Wahnsinn – unsere Volksschule in der Krise.» Sebastian Briellmann fasst ein paar der zentralen Forderungen (Rechnen, Lesen und Schreiben, mit Diktaten, weniger Bildschirmzeit, mehr handwerkliche Fächer, sowie das Auswendiglernen von Gedichten und die Berücksichtigung von lokalen Bräuchen) so zusammen: «Phasenweise liest sich das Pamphlet wie ein Schema für eine Gotthelf-Schweiz, die es so nie mehr geben wird (sofern es diese je gegeben hat).» Persönlich erinnert es mich allerdings eher an meine Primarschulzeit in den 1950er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich rechnete viel und gerne, schrieb unlustig viel von der Schultafel in ein Reinheft ab, da es noch kaum Drucker in den Schulhäusern gab. Von Tell, Gessler und den Bündner Helden hörten wir auch einiges. Ich ging durchaus gerne in diese Schule. Allerdings mehr – was heute immer noch bei vielen der Fall ist – wegen den Pausen und dem Spielen nach der Schule mit den anderen Kindern als wegen des Unterrichts. Wir hatten als Kinder unsere eigene Welt. Das Einzige, das ich mir für die heutigen Schüler:innen auch wünschte: Etwas mehr Ruhe von ihren Eltern in der Schule.
Ginge es nach der SVP, hätte ich allerdings ein Problem gehabt. Wegen des Berufs meines Vaters lebten wir als Deutschschweizer in meiner Primarschulzeit im Bergell. Dort spricht man in der Schule Italienisch, das ich absolut nicht sprach. Da die SVP das Beherrschen der Schulsprache beim Schuleintritt (zumindest für Ausländer:innen) verlangt, hätten mich meine Eltern entweder zuerst in einen Kurs schicken müssen oder hätte die dortige Schulpflege für mich und zwei andere Kinder eine Förderklasse einrichten müssen.
So ging ich halt einfach in die italienische Schule und lernte recht schnell genügend Italienisch, um dem Unterricht zu folgen und vor allem um mit meinen Klassengspänli die Freizeit zu verbringen. Eines war allerdings durchaus anders: Obwohl unsere Eltern unterschiedliche Berufe und Bildungshintergründe hatten und auch unterschiedlich viel verdienten, waren die Unterschiede zwischen uns Schüler:innen und auch innerhalb der Gesellschaft deutlich kleiner. Eine integrierte Schule, die heute ja das grosse Feindbild der SVP und auch der FDP ist, war damals unnötig, da es recht wenig zu integrieren gab. Das ist heute wirklich anders: Nicht nur in meinem Quartier Aussersihl. Die Lebensstile, die Bräuche, aber auch die finanziellen Verhältnisse sind sehr unterschiedlich. Will man sich halbwegs verstehen, muss man sich um das Gemeinsame deutlich mehr bemühen. Das kann man gut oder schlecht finden, aber man kann es nicht zurückdrehen. Die Schweiz der 1950er- Jahre kann es nicht mehr geben, selbst wenn wir alle SVP-Initiativen mit hohem Mehr annehmen. Und die Schule sollte auf ein Leben in der heutigen Zeit mit den heutigen Anforderungen vorbereiten. Dazu als kleine giftige Bemerkung: Ein halbwegs passabler Umgang mit digitalen Welten ist heute in fast allen Berufen sehr viel zentraler als Rechnen. Wenn jemand heute die Schule verlässt und mit den digitalen Instrumenten nicht halbwegs umgehen kann, ist das mindestens so gravierend wie die Unfähigkeit zum Lesen und Rechnen. Diese digitale Unwissenheit können sich nur pensionierte Lölis wie ich noch leisten.
Bei der SVP spielt natürlich auch in der Schule die Zuwanderung eine zentrale Rolle. Sie fordert von Kindern einen Sprachtest (in Deutsch natürlich) vor dem Eintritt in die Schule. Wird dieser nicht bestanden, gibt es entweder obligatorische 20 Stunden pro Woche Deutsch oder den Besuch einer jährigen Förderklasse. Weigern sich die Eltern, droht der Entzug der Aufenthaltsbewilligung. Ob man so zu den nötigen Fachkräften kommt?
Dazu soll eine Klasse höchstens einen Ausländeranteil von 30 Prozent haben. Die letzte Forderung ist teilweise ziemlich weit von der Realität weg. Die Gentrifizierung hat teils Auswirkungen auf die Schule: Obwohl der Anteil der Ausländer:innen etwa in den Zürcher Schulkreisen 4 und 5 hoch ist, gleichen einige Schulhäuser eher einer Zürichbergschule als einer alten Arbeiterschule. Der Anteil derjenigen, die ins Gymnasium wollen, ist hoch und auch erfolgreich. Für die Schulchancen ist bekanntlich die Schulnähe der Eltern viel relevanter als die Sprache.
Ich gebe gerne zu, dass wir uns vor allem in den Arbeitsgruppen mit Migrant:innen einen Schüleraustausch zwecks Verbesserung der Chancengleichheit auch ernsthaft überlegt haben. Wir wollten einen Teil unserer Aussersihler Schüler:innen mit jenen des Zürichbergs austauschen, mit Schulbussen einen Ausgleich schaffen. Ganz abgesehen davon, dass die Genoss:innen im Zürichberg für ihre Kinder nicht so begeistert reagierten (unsere Genoss:innen im Kreis 4 lösten das Problem oft mit Zügeln, wenn die Kinder das Schulalter erreichten), kam ich auf die Welt, als ich als Kindergartenpräsident so ein Manöver durchführen musste. Wir hatten plötzlich in einem Kindergarten im Kreis 5 unerwartet 30 Kinder und in einem im Kreis 4 nur noch deren 8. Ein zusätzlicher Kindergarten im Kreis 5 war auf die Schnelle nicht möglich. Also beschlossen wir, 10 Kinder mit Taxis bis Ende des Schuljahres in den Kreis 4 zu transportieren. Der Aufstand der Eltern war gewaltig. Auch weil wir ja eine Auswahl treffen mussten, da sich nicht genügend Freiwillige meldeten und die Ausgewählten das als persönliche Beleidigung empfanden. Zumal es keine klaren Kriterien gab. Die gibt es bei der Zuteilung in der Regel schon: Man kommt fast immer in das nächstgelegene Schulhaus und das ist durchaus ein nicht ganz unwichtiger Pfeiler unsere Volkschule.
Das Kriterium «Ausländer» als Obergrenze trifft die heutige Realität oft nicht. Die Anzahl der Schüler:innen, die in einer Klasse ohne Deutschkenntnisse sitzen, spielt aber eine Rolle und das verlangt auch Massnahmen: Eine Förderklasse für eine grössere Gruppe ist heute immer noch eine Möglichkeit und könnte finanziell erleichtert werden. Intensiver Sprachkurs bei einem kleineren Anteil oder eine zweite Lehrkraft für eine bestimmte Zeit eine andere. Ich finde allerdings, dass die Politik und die Politiker:innen sich bei der konkreten Umsetzung heraushalten sollen. Sie dürfen und sollen das Budget dafür bestimmen, aber das Wie bitte den Schulpflegen und den Lehrkräften überlassen. Ebenso die Unterrichtsmethoden.