Wie harmlos ist die Mitte?

 

Mitten in den Wahlen gab es einen Aufruhr um Daniel Jositschs Ansicht, die SP müsse ihre Klientel vermehrt in der Mitte suchen und nach rechts wachsen. Dieser Sichtweise wurde bisher hauptsächlich mit Argumenten des Parteienkalküls und in Bezug auf zu gewinnende oder wegfallende Wähleranteile widersprochen. Mir fällt etwas anderes auf. Man geht da von der Prämisse aus, die angepeilte Mitte sei so etwas wie der Hort der Mässigung und Vernunft, wo sich die Extreme ausglichen und der gesunde Menschenverstand regiere, während die Linke wie die Rechte von radikalen Ansichten geprägt sei. Sich der Mitte anzunähern hiesse daher, im Dienste vernünftiger Lösungen Mehrheiten zu gewinnen und damit mehr Macht zu erlangen, um die eigenen Anliegen durchzusetzen.

 

Diese Sicht teile ich nicht. Sich in die Mitte zu bewegen, um mehr Stimmen zu bekommen, heisst rein an Masse gewinnen. Es ist das Gegenteil davon, für die eigenen Überzeugungen Mehrheiten zu gewinnen, sondern die Überzeugungen müssen an den Geschmack dieser Mehrheit angepasst werden. Es ist auch das Gegenteil davon, den eigenen Ansichten zu mehr Einfluss zu verhelfen, sondern im Streben nach Einfluss müssen diese Ansichten zugunsten von Bündnissen mit Mächtigen geopfert werden. Auch von dieser Mitte, um die gebuhlt wird, besteht in meinen Augen ein falsches Bild. Es ist mir direkt unverständlich, wie man die Kräfte der Massen, die Gewalt des Mainstreams so nah am 20. Jahrhundert schon nicht mehr kennen kann. Wir leben in einer Zeit allgemeiner Rechtstendenz. Das zeigt sich an der vermehrten Abschottung gegen Flüchtlinge, an der Hetze gegen Bedürftige, am Generalverdacht der Faulheit und des Missbrauchs, mit dem die Schwachen belegt werden, an der Art und Weise, wie im Zuge der Ökonomisierung die Mitmenschlichkeit bis in hinterste Winkel des Zusammenlebens hartem Kalkül weichen muss. Der heutige Mainstream ist mit milliardenschweren Kampagnen, mit Weissbüchern aus Thinktanks, mit dem steten neoliberalen Grundgeräusch in allen Debatten von rechtslastigem Gedankengut durchtränkt. Es ist eine heftig nach rechts taumelnde Mitte.

 

Das einzige, was man als Linke tun kann, ist der Versuch, diese abgerutschte Mitte wieder mehr nach links zu ziehen. Dafür fehlt natürlich das Geld, das auf der Gegenseite vorhanden ist. Es fehlt auch die Verlockung mit Sieg und Macht. Zu denken, dass man nur das Richtige tun müsse, um zu siegen, ist ein weiterer Irrglaube. Es ist genau umgekehrt: Die Masse siegt, nicht die Wahrheit. Die Masse kann eine Absurdität als Wahrheit setzen. Die Geschichte zeigt, dass allerschlimmste Ideen über sehr lange Zeit die Führung erlangen können. Diese Dynamik der Masse und des Mainstreams sagt nichts über die Richtigkeit der obsiegenden Ideen aus. In einer Aufarbeitung der Rolle des IKRK im Zweiten Weltkrieg hielt der Historiker Daniel Palmieri kürzlich im Radio SRF fest, das IKRK habe damals den moralischen Kompass verloren. Obwohl ein Appell zuhanden der Öffentlichkeit nichts verändert hätte, wäre es wichtig gewesen, gegen die Gräuel der Nazis Stellung zu beziehen. Damit eine moralische Instanz das Bewusstsein von Recht und Humanität aufrecht erhalten hätte.

 

Wer also überzeugt davon ist, das Richtige zu tun, muss wissen, dass dies wahrscheinlich nicht zum Sieg führt. Selbst in einem restlos richtig geführten Leben ist Ohnmacht eine Grundtatsache. Dies ist keine Aufforderung zur Resignation. Wir Linke müssen an unseren Prinzipien festhalten: Vielleicht sind wir ohnmächtig, aber wir können solidarisch sein, integer bleiben, die Augen nicht vor noch grösserer Ohnmacht verschliessen. Und vor allem: Die Stimme gegen das Unrecht erheben. Darin sehe ich heute, gerade weil wir noch nicht wieder so weit sind, die Verpflichtung der Linken: In den Herzen und Köpfen der Menschen eine Gegenwahrheit möglich zu machen, ohne nach der Macht zu schielen.

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