Widerspruchsloses Unterordnen

Die Voranstellung der amüsanten Komponente in Barbara Freys Inszenierung ist das perfekte Ablenkungsmanöver für die zwischen den Zeilen lauernden Abgründe in Lukas Bärfuss’ «Frau Schmitz».

 

Der Mensch sei Manövriermasse und mit dieser Rolle gefälligst zufrieden, wenn nicht gar dankbar, denn eine Abweichung vom machtbewussten und dominierenden Ideal von «weiss, männlich, heterosexuell» muss zwangsläufig mit Nachteilen, Behinderungen und willkürlicher Schikane bezahlt werden. Wo kämen wir denn hin, wenn…? ist die zentrale Suggestiv-Korrektionsmasche, um Abweichende irgendwelcher Art zurück ins Glied zu beordern. Drei Figuren – dargestellt von Gottfried Breitfuss, Milian Zerzawy und Dominik Maringer – sind die selbsterfüllende Prophezeiung, dass den drei Grundmerkmalen zu genügen ausreicht, um im Schutz der Obrigkeit komplett versagen, ausfällig werden oder sogar die physische Integrität von anderen nachhaltig zerstören zu können, ohne auch nur im Geringsten mit Folgen rechnen zu müssen. Unterstützung erhält dieses tendenziell duckmäuserische Mitläufertum, und seis aus fehlendem Hirnleistungsvermögen, von der einzig durch das Geschlecht abweichenden Frau. Die schnippelgeile plastische Chirurgin mit Allmachtsfantasien (Henrike Johanna Jörissen), die sich gänzlich im Unternehmenswohl das eigene Rückgrat verlierende Chefflattiererin (Carolin Conrad), wie auch die sich in eine eigene Realität zurückgezogen habende Mutter (Susanne-Marie Wrage) wie auch die Tochter (Las-Katrina Mayer) sind allesamt ausserstande – oder nicht Willens, worauf die Gretchenfrage des Textes zuletzt natürlich abzielt – sich auch nur schon im Ansatz auf eine individuelle Gegenwehr festzulegen, von solidarischem Aufstand von verschieden benachteiligt gehaltenen Minderheiten ganz zu schweigen. Die Perfidie besteht in der Gefahrenlage für den über allen thronenden Chef (Markus Scheumann) – und seinem Urteil und der Gefühlslage nach richten sich selbstredend alle anderen auch. Solange sein derzeit liebstes Herumschubsspielzeug Frau Schmitz (Friedrike Wagner) sich einer Eindeutigkeit der physischen Beschaffenheit entzieht oder später (Lambert Hamel) körperlich sichtbar entstellt ist, verortet er sie selbstgefällig zur Manövriermasse, worüber er nach Gutdünken verfügen kann. Erst als sich Frau Schmitz qua professioneller Verstümmelung, oder etwas gesitteter ausgedrückt der operativen Anpassung an die beschränkte Vorstellung einer Dualität der herrschenden Vorstellung von Ideal anpasst, wird sie durch diesen nachgerade subversiven Akt der Unterwanderung eben dieser Ideale zur Gefahr, die die gesamte bequeme Herrschaftskonstruktion bedroht. Oder im Fall des schleimenden Kopfnickers (Breitfuss) einen Nachahmereffekt der Herstellung von plastischer Perfektion auslöst und im Fall des in vermeintlichen Witzchen seine Aggressionen versteckenden Lüstlings (Zerzawy) die Hemmschwelle zur Tat niederreisst. In dieser kurzen Sequenz vermeintlicher Entsprechung des vorgegebenen und engen Rasters des körperlichen Ideals droht aber auch noch die amouröse Gefühlsentgleisung, die unter allen Umständen verhindert gehört. Denn das wäre das Eingestehen einer emotionalen Abhängigkeit statt des klar definierten Machtgefälles, an dessen Spitze das Leben doch schon ohne diese neue, aber kaum abschliessend einschätzbare Gefahr einsam und gefährlich genug ist. Die Last der Verantwortung scheint bei Markus Scheumann ein dermassen überbordendes Gewicht angenommen zu haben, dass er sich nur mit sehr viel Mühe bei Sinnen halten kann. Natürlich ist das hochgradig sarkastisch. Damits nicht so auffällt, besetzt Barbara Frey dieses Stück mit den grossen komischen Begabungen aus dem Ensemble, die eine Scheinheiligkeit des gekünstelten Frohsinns auf die Bühne bringen können, dass der eigenen Hirnleistung mehrfach der Zwerchfellreflex zuvorkommt. Die grosse Kunst der Verführung ist in ihrer Wiedergabe dabei von noch sehr viel eindringlicherer Sogkraft als ihre platte Entsprechung, die doch bloss Geld, Geltung und Egoschmeichelei als Waffen kennt.

 

«Frau Schmitz», bis 31.12., Schauspielhaus, Zürich.

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