Widerhakenglitzer

Glitzer und Widerhaken, Champagnerseligkeit und Patriarchatskritik: Das Opernhaus bringt Johann Strauss’ bekannteste Operette «Die Fledermaus» neu heraus und schafft schlau, ihr szenisch und musikalisch Biss zurückzugeben.

Bünzlig grau ist Eisensteins Haus, alles nur (fahrbare) Fassade. Rosi, eigentlich Rosalinde – aber wer heisst noch so?, – einst Popstar, fristet darin offenbar ein langweilig bürgerliches Leben: «Hit me Baby one more time» wäre schön, als ihr Gatte in den Arrest muss, ist das in Anna Bernreitners Inszenierung auch Rosis Chance – und sie nutzt sie am Schluss radikal und verweigert das Happyend für ihren Ausbruch. Sopranistin Golda Schultz gestaltet das etwas seriös, aber stimmlich wie darstellerisch überlegen bis hin zu ihrer grossen Szene, wo die «Klänge der Heimat» zu «Klängen der Freiheit» werden – soviel textliche Freiheit nimmt sich die Inszenierung zum Glück, ohne dabei je das Stück zu verraten. Als ihr gefoppter Mann glänzt Matthias Klink mit Doppelbödigkeit. Während der wunderbar knallig-knackig daherpreschenden Ouvertüre erzählt ein Film die Vorgeschichte der Bühnenhandlung, die einen eigentlich banalen Racheakt erzählt. Wie die Regie beim Text wagt auch Dirigent Lorenzo Viotti Eingriffe: War da nicht ein Cancan von Offenbach? Klar schwappt da Bernsteins Mambo herein und eine fetzige Latino-Version von Strauss Tritsch-Tratsch-Polka – das Orchester scheint mit Spass und Verve mitzugehen. Der zweite Akt bedient in seiner Knallbuntheit durchaus auch Clichés, die Hosenrolle des Prinzen Orlofsky, der die grosse Party schmeisst, wird gender- und kulturfluid, Marina Viotti singt im Dienste dieser Rollenanlage mit viel Mut zur Hässlichkeit. Im (immer etwas zähen) dritten Akt hat Kabarettistin Patty Basler neue Texte geschrieben. Drei Nornen, Schicksalsgöttinnen, unterbrechen die Handlung und hinterfragen das beschriebene patriarchalische System, ohne das damit die Spiellust verloren ginge. Wenn Operette, dann gern so!

«Die Fledermaus», bis 10.1., Opernhaus, Zürich.