Wettkampf um wertvollste Wiesen

Sie sind ein Zufluchtsort für bedrängte Pflanzen und Tiere und dabei oft selber bedroht: die artenreichen Naturwiesen. An der ersten Zürcher Wiesenmeisterschaft wurden die wertvollsten im südwestlichen Kantonsteil von Umweltorganisationen prämiert.

 

Arthur Schäppi

 

Bauer Marcel Aschwandens kleines Naturparadies im Horgner Ortsteil Hirzel liegt etwas im Verborgenen über dem rechten Sihlufer nördlich von Sihlbrugg Dorf. Es ist ein abschüssiger Wieshang, den er zu seinem Hof im Hirzler Dürenmoos vom Wildnispark Zürich dazugepachtet hat. Im Sommer summt, flattert und krabbelt es lebhaft in diesem bunten Insekten- und Blumenparadies in der Streuweid ob der Sihl. Vor einigen Wochen hat Aschwanden hier noch Emd für seinen Ammenkuh-Betrieb geschnitten. Während er nun durch die schon etwas herbstlich gefärbte Wiese schreitet, erzählt der Landwirt, dass der Südhang hier von zahlreichen Eidechsen bevölkert wird. Und dass er bei der Arbeit nicht selten Blindschleichen sichtet und manchmal gar einer Ringelnatter begegnet. Er sei zwar nicht unbedingt ein Fan von Schlangen, «aber die müssen und dürfen doch auch irgendwo leben», fügt er dann an.

 

Artenreiches Paradies
Für seine wenig ertragreiche Arbeit im steilen Gelände über dem Sihllauf erhält der Hirzler Bauer Biodiversitäts-Förderbeiträge. Und mit seiner 70 Aren grossen Halbtrockenwiese und einer angrenzenden Feuchtwiese dort hat er jetzt bei der ersten Zürcher Wiesenmeisterschaft gepunktet und es in beiden Kategorien auf den mit je 1000 Franken dotierten zweiten Platz geschafft. An dem Wettbewerb, der von Pro Natura Zürich, WWF Zürich, Bird Life Zürich und der Zürcherischen Botanischen Gesellschaft für die Region Zürichsee mit Albis, Zimmerberg und Pfannenstil sowie für das Knonauer Amt und das Limmattal ausgeschrieben wurde, hatten sich 44 LandwirtInnen mit 81 Wiesen gemeldet. Von einer fünfköpfigen Jury aus Botanikern und Landwirtschaftsexperten begutachtet und bewertet wurden Wiesen der Kategorien (wenig gedüngte) Blumenwiesen, Halbtrockenrasen sowie Feuchtwiesen und Neu-Ansaaten.

 

Wo der Kreuzblättrige Enzian wächst
Letzthin fand nun auf Aschwandens Betrieb im Hirzel die Preisverleihung mit Ländlermusik und Bauernhofbrunch statt. Nebst Urkunden und Preisgeldern gab es für die drei bestplatzierten Bewirtschafter jeder Kategorie auch viel lobende Worte: «Wir haben gestaunt, als wir in der Streuweid in Hirzel dieses aussergewöhnliche Mosaik von trockenen und feuchten Flächen mit besonderer botanischer Vielfalt erblickten», meinte etwa Ursina Wiedmer, Jury-Mitglied und Leiterin der kantonalen Fachstelle Naturschutz zu Aschwandens Pachtland. Als Indikatorpflanzen habe man im Halbtrockenrasen nebst Witwenblumen, Herbstzeitlosen und Orchideen etwa auch den im Kanton Zürich seltenen Durchwachsenen Bitterling gefunden. Und in der angrenzenden Feuchtwiese entdeckten die Experten gar den Kreuzblättrigen Enzian an seinem möglicherweise letzten Standort im Südsektor des Kantons. Beurteilt wurden von der Fachjury nebst der Biodiversität jeweils auch Bewirtschaftung und Struktur der Flächen.

 

Fortschreitende Verarmung
Solche nährstoffarmen Magerwiesen, wie sie an der Wiesenmeisterschaft prämiert wurden, sind in den letzten Jahrzehnten auch im Kanton Zürich geradezu dramatisch zurückgegangen. Als Folge der Bautätigkeit oder weil sie ertragreicheren, aber dafür biologisch öden Fettwiesen, die meist ausgiebig gedüngt und ungleich häufiger geschnitten werden, weichen mussten. Auf diese unheilvolle Entwicklung wies auch Pro-Natura-Präsident, Bio-Bauer und Ex-EVP-Kantonsrat Gerhard Fischer an der Preisverleihung hin. Wenig gedüngte Blumenwiesen seien vor wenigen Jahrzehnten noch als ganz normale Heuwiesen Standard gewesen, gab Fischer zu bedenken. Sie seien nicht nur eine Augenweide, sondern wegen ihrem Artenreichtum wie andere Magerwiesen von enormer Bedeutung für Flora und Fauna und deshalb unbedingt förderungswürdig, betonte er.

 

Wert-Schätzung der andern Art
Mit den Wiesenmeisterschaften wolle man den Bewirtschaftern öffentlich Wertschätzung entgegenbringen und aufzeigen, dass sich der Wert von ökologischem Wiesland eben nicht nur einseitig am landwirtschaftlichen Ertrag messen lasse, unterstrich Fischer. Mehrfach wurde an dem Anlass betont, dass es angesichts der prekären Situation nicht genüge, bloss die noch bestehenden Magerwiesen zu erhalten. Vielmehr müssten neue artenreiche Lebensräume geschaffen werden. Indem etwa noch recht zahlreich vorhandene, extensiv genutzte aber biologisch verarmte Flächen mit ökologischen Neu-Ansaaten aufgewertet würden. Nächstes Jahr soll die Zürcher Wiesenmeisterschaft im Unterland und Weinland und 2020 dann im Oberland durchgeführt werden.

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