Wer wird neuer SP-Schreck?

Samira Marti und Tamara Funiciello möchten beide Präsidentin der Juso Schweiz werden. Mit welchen Argumenten und Ideen sie kämpfen, erzählen sie im Gespräch mit Tobias Urech.

 

Euren Motivationsschreiben ist zu entnehmen, dass Ihr Euch politisch kaum unterscheidet. Wieso bist Du trotzdem die bessere Kandidatin fürs Präsidium?

Tamara Funiciello: Stimmt, bei den meisten Themen haben wir eine ähnliche Meinung. Dass wir die Situation so ähnlich analysieren, empfinde ich als Stärke. Dieser Wahlkampf hat uns beide dazu gezwungen, eine Analyse zu machen, auf der wir aufbauen können.

Schlussendlich läuft es bei dieser Wahl also nicht hauptsächlich auf eine inhaltliche Frage hinaus, sondern auf eine Stilfrage. Mich zeichnet aus, dass ich viel Erfahrung habe: Neben langjähriger Arbeit bei der Juso  habe ich schon an unterschiedlichen Orten gearbeitet,  habe Leitungserfahrung in einem privaten Betrieb, ich arbeite seit dreieinhalb Jahren in der Gewerkschaft Unia, dementsprechend habe ich viel Erfahrung mit Basisarbeit und Verhandlungen mit ArbeitgeberInnen. Ausserdem bin ich gut vernetzt, nicht nur mit unseren natürlichen Verbündeten wie der SP, sondern auch in den Gewerkschaften und dem ausserparlamentarischen Bereich. Dadurch, dass ich von der Basis komme und nicht wie Samira schon in der Geschäftsleitung der Juso bin, bringe ich frischen Wind in die ganze Angelegenheit.

Samira Marti: Im ersten Punkt stimme ich mit Tamara überein. Weder sie noch ich kandidieren gegen die andere Person; wir haben beide bewusst entschieden, dass wir das Amt spannend finden und dass es Handlungsbedarf in der Juso gibt. Diese Wahl ist aber nicht ausschliesslich eine Stilfrage. Für gute Politik braucht es eine ehrliche Analyse der politischen Situation. Das ist meine Stärke – vernetzt denken, Zusammenhänge erkennen, die Brücke schlagen zwischen Vision und alltäglicher Politik. Die langfristige Vision für die Partei kann ich gut mit der jetzigen aktivistischen Arbeit in der Juso und der Arbeit mit anderen Organisationen verbinden. Ich bringe viel Erfahrung auf nationaler Ebene mit, da ich bereits Kampagnen geleitet und Themen angestossen habe. Ich bin eine Person, die es schafft, zu verbinden – sowohl politisch, als auch parteiintern. Wir müssen in der Juso wieder ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln und als gesamtschweizerische Bewegung auftreten. Dafür braucht es einige Änderungen auf nationaler Ebene.

 

Seid Ihr gewappnet auf die Medienpräsenz, die dieses Amt mit sich bringt?

Samira Marti: Definitiv! Man muss sich dessen bewusst sein, dass man spätestens mit diesem Amt eine öffentliche Person wird. Das braucht eine gewisse Struktur im eigenen Leben, um damit umgehen zu können.

Tamara Funiciello: Ich habe schon jetzt eine hohe Medienpräsenz auf kantonaler Ebene, verglichen mit anderen (Jung-)Parteien im Kanton Bern. Ich bin mir völlig bewusst, was es heisst, anzuecken und eine Flut von Droh- und Hassmails zu bekommen oder auf der Strasse von Leuten angeschrien zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass das, was wir machen, richtig ist. Die Medienpräsenz ist einer der Pfeiler der Juso und deswegen tut man sich das auch an.

Samira Marti: Es ist auch extrem wichtig, dass die Person im Präsidium die Medienpräsenz als wichtige Arbeit anerkennt und diese nicht nur als negativen Effekt dieses Amtes empfindet. Es braucht Leute in der Schweiz, die sich zur Verfügung stellen, um in der Öffentlichkeit kompromisslos Missstände anzuprangern. Das eckt natürlich an.

Tamara Funiciello: Das Anecken wird dann besonders schwierig, wenn man sich gegen die sozialdemokratische Familie stellt: Man kann sich so in den Medien exponieren, dass die SP sagt: «Das ging jetzt ein bisschen weit, aber es war okay.» Oder man exponiert sich so in den Medien, dass man auch von SPlerInnen eine Lawine von Mails bekommt, wo drinsteht: «Was geht eigentlich bei dir ab?» In Bern haben wir genug Erfahrung damit, was das konkret heisst.

 

Ihr beide beklagt einen Graben zwischen Basis und Elite in der Juso. Nun seid ihr ja alles andere als Basismitglieder, schliesslich bist Du, Samira, in der Geschäftsleitung der Juso Schweiz und Du, Tamara, bist Präsidentin der Berner Kantonalsektion. Werdet Ihr diesen Graben trotzdem überwinden können?

Tamara Funiciello: Es kommt darauf an, wie man Basis definiert und welche politische Kultur man führt. Ich bin beispielsweise als Co-Präsidentin der Juso Kanton Bern das Gesicht der Bewegung, damit die Basis über mich Entscheidungen treffen kann. Wenn wir eine Medienmitteilung verschicken als Kantonalpartei, brauchen wir zuerst die Einwilligung aller Sektionen im Kanton. Mir ist klar, dass das auf Ebene der Juso Schweiz nicht so funktionieren wird und kann, aber wir müssen einen Effort leisten, dass die Basis vermehrt einbezogen wird. Bei Projekten zum Beispiel dürfen die Sektionen nicht auf sich allein gestellt sein. Wir müssen die Basis insofern stärken, als dass sie unsere Projekte mitträgt. Es kann nicht sein, dass wir Projekte lancieren, die nicht von der Basis mitgetragen werden.

Samira Marti: Für die Basis-Nähe sind zwei Pfeiler wichtig: Demokratische Strukturen und Bildungsarbeit. Ersteres bedeutet, dass man die Mitglieder befähigt, indem man ihnen Werkzeuge beibringt – beispielsweise an einem Projekttag. Denn für echte Demokratie braucht es Selbstermächtigung.

Doch nur das Handwerk weiterzugeben, nützt nichts, wenn die Basis inhaltliche Zusammenhänge nicht erkennt. Damit politische Diskussionen entstehen und nicht nur von einzelnen Exponenten (ich brauche hier bewusst die männliche Form) geprägt werden, braucht es eine Intensivierung der Bildungsarbeit, dem zweiten Grundpfeiler. Wer die Demokratie stärken will, muss Wissen vermitteln.

 

Die Bildung ist ja auch ein wichtiger Punkt in Euren beiden Motivationsschreiben.

Tamara Funiciello: (lacht) Das zeigt eben, dass auf eine gute Analyse die richtigen Schlussfolgerungen kommen, liebe SozialdemokratInnen…

Es braucht eine Bildungsoffensive, wie ich es in meinem Programm genannt habe. Ich habe gesehen, wie hoch die Quote von Leuten ist, die kommen und wieder gehen. Wir können die Mitglieder nur halten, wenn wir Bildungsarbeit leisten. Bildung ist einer unserer wichtigsten Pfeiler neben Aktivismus und Medienpräsenz. Unser Ziel muss es sein, die Mitglieder so zu bilden, dass sie die neoliberalen Strukturen hinterfragen.

 

Bildung schön und gut, aber wie wollt Ihr das anstellen?

Samira Marti: Unser aktuelles Bildungsangebot beschränkt sich stark auf die Lager an Ostern und im Sommer. Es braucht mehr Angebote ausserhalb der Lager und ausserhalb der heutigen Sektionsstrukturen. Die Nationalpartei sollte vermehrt regionale Zusammenarbeit fördern und LeiterInnen ausbilden, die im politischen Alltag regelmässig Bildungsveranstaltungen allgemeiner Art durchführen können.

Tamara Funiciello: Wir müssen natürlich aufpassen, dass die Bildungsangebote nicht einfach top-down sind, sondern dass sich unsere Basis auch wirklich dafür interessiert. Zudem ist die handwerkliche Bildung wichtig. Mitglieder, die teils sehr jung in Vorstände gewählt werden, müssen in Medienarbeit, Kampagnenleitung, Wahlausschussleitung und Sitzungsleitung gebildet werden.

 

Die Wirtschaftspolitik ist momentan ein Hauptanliegen der Juso. Wo setzt Ihr Eure Schwerpunkte?

Tamara Funiciello: Projekte und Schwerpunkte müssen von der Basis entschieden werden. Es kann ja nicht sein, dass wir hier von Ermächtigung reden und nachher Projekte diktieren (lacht). Trotzdem ist es für mich wichtig, dass Wirtschaftspolitik im Fokus stehen soll. Für mich ist es wichtig, dass wir die Machtfrage stellen: Wer hat in diesem System Macht und wieso? Und wir müssen bei der Alltagsrealität der Menschen ansetzen. Ich habe beispielsweise die konkrete Idee der 25-Stunden-Woche lanciert, um eine Diskussion anzustossen. Ich habe nicht den Anspruch, dass das nun ein fixes Projekt wird. Aber ich hoffe, dass anhand dieser Diskussion weitergedacht wird.

Samira Marti: Ich bin auch der Meinung, dass wir wirtschaftspolitisch weiterfahren müssen. An ein allfälliges nächstes Initiativprojekt hätte ich zwei Ansprüche: Erstens braucht es, wie Tamara bereits sagte, Anknüpfungspunkte an die Lebensrealität der Menschen. Die Forderung muss klar und verständlich sein, sonst diskutieren wir an den Menschen vorbei. Zweitens – die grosse Herausforderung! – müssen wir mit der Initiative eine Grundsatzdebatte auslösen und den Widerspruch zwischen Kapitalismus und Demokratie aufzeigen.

 

Die Juso und die SP – eine Hassliebe? Wie seht Ihr das?

Samira Marti: Das könnte man so sagen. Innerhalb der SP hat die Juso eine wichtige Aufgabe, gerade jetzt, wo die Geschäftsleitung der SP Schweiz anerkennen muss, dass Parlamentarismus seine Grenzen hat. Bisher wird die Arbeit der Partei in erster Linie durch die Legislaturziele geleitet. Unser Horizont muss aber über vier Jahre hinausgehen. Nun ist es an uns, die Wichtigkeit der ausserparlamentarischen Arbeit aufzuzeigen. In diesem Sinne haben wir einen spannenden Moment in der SP erwischt. Die ganze Diskussion um den Oppositionskurs der SP ist sehr entscheidend. Ich sehe die Gefahr einer einseitigen Opposition, wo man zwar zurecht Referenden ergreift, aber gleichzeitig zu BewahrerInnen des Nationalstaates Schweiz wird. Es geht nicht darum, die Schweiz zu glorifizieren. Es geht darum, Alternativen aufzuzeigen, eine andere Wirtschaftsordnung zu skizzieren.

Tamara Funiciello: Dem kann ich mich anschliessen. Die Juso muss der Stachel im Arsch der SP sein und wehtun. Wir müssen immer mit dem Finger darauf zeigen, wenn die SP zu weit in die Mitte rückt. Gewisse in der SP liebäugeln mit einem Mitterutsch, weil sie das Gefühl haben, dass man so mehr WählerInnen abholt. Doch unseren Fokus müssen wir auf reale Veränderungen legen und nicht auf Wahlprozente. Logisch haben Wahlprozente mit Macht zu tun, aber diese nützen uns nichts, wenn wir keine reale Veränderung vorantreiben.

Grundsätzlich begrüsse ich den Oppositionskurs, doch ich stimme mit Samira überein, dass es nicht reicht, Referenden zu ergreifen. Wir müssen die SP dazu bringen, die richtigen Fragen zu stellen. Das Problem der SP ist häufig, dass sie zwar die richtigen Antworten liefert, allerdings auf die falschen Fragen, weil keine richtige Analyse vorgenommen wird. Kapitalismusüberwindung soll nicht einfach eine leere Floskel im Parteiprogramm bleiben, sondern vorangetrieben werden. Die SP muss aus ihrer Parteistruktur herauswachsen und vermehrt zur Bewegung werden. Auch innerhalb der Partei muss heftig debattiert werden. Es reicht nicht, wenn der Präsident findet, wir machen jetzt Oppositionskurs. Dieser Kurs muss auch von der Basis mitgetragen werden.

Samira Marti: Das Wort Oppositionskurs finden ja momentan alle passend. Jetzt geht es darum, wer dieses Wort zuerst mit Inhalt füllt.

Tamara Funiciello: Wir müssen klar sagen, was das genau heisst. Ich werde  das Gefühl nicht los, die Geschäftsleitung der SP Schweiz hat sich unter anderem gedacht: «Ach, bei der SVP hat’s mit dem Oppositionskurs ja auch funktioniert. Let’s do it!» (lacht) Doch wir brauchen eine Strategie, die länger geht als bis zu den nächsten Wahlen.

 

Eine von Euch wird die erste Frau fürs Juso-Präsidium. Wie werdet Ihr diese Tatsache in Eurem politischen Programm würdigen?

Samira Marti: Dass jetzt zwei Frauen für dieses Amt kandidieren, ist wichtig und zeigt den Wandel auf, den diese Partei gerade durchmacht. Doch wir lassen uns beide nicht darauf reduzieren.

Was die feministische Arbeit anbelangt, ist es wichtig, dass wir innerhalb der Juso strukturellen Sexismus konsequent bekämpfen. Zwar haben wir uns innnerhalb der letzten drei Jahre verbessert, dennoch prägen Männer die politische Debatte, während organisatorische Arbeit überdurchschnittlich von Frauen erledigt wird. Wir müssen erkennen, dass ein Zweigeschlechter-Modell in der Gesellschaft vorherrscht und dadurch Geschlechterungleichheit hervorgerufen wird. Wir distanzieren uns von der Politik, wie sie bisher von den SP Frauen gemacht wurde. Mit der Geschäftsleitung haben wir bereits begonnen, Druck auf die SP Frauen aufzubauen, damit feministische Forderungen und wirtschaftspolitische Forderungen verbunden werden. Ein gutes Beispiel dieser Verknüpfung ist die Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen erledigt wird und die strukturelle Ungleichheit verstärkt. Feminismus muss mit Antikapitalismus verbunden werden!

Tamara Funiciello: Als Mitbegründerin des  Feministischen Treffpunkts in Bern und als Zuständige der Interessengruppe Frauen in der Unia steht Feminismus im Zentrum meiner politischen Arbeit. Ich bin bekennende Feministin bis zum bitteren Ende. Viel zu viele Frauen erleben es heute noch, wie es ist, die erste Frau in einem Amt zu sein. Mit dem Feminismus werden die Machtstrukturen bis zum Individuum durchbrochen, dies aber nur, wenn er klar antikapitalistisch und inter- bzw. antinationalistisch ist.

 

Sich pointiert auszudrücken ist nicht unwichtig als Juso-Präsidentin. Wie lautet euer Werbespruch in einem Satz?

Tamara Funiciello: Zu sagen was ist, bleibt die revolutionäre Tat.

Samira Marti: Antikapitalistisch, offensiv und durchdacht – für eine starke Juso.

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