- Im Gespräch
«Wer vorhat, weniger als acht Jahre im Gemeinderat zu bleiben, sollte besser gar nicht erst anfangen»
Mittlerweile ist gut ein Monat vergangen, seit Sie aus dem Gemeinderat abgewählt wurden. Wie geht es Ihnen heute?
Markus Knauss: Ich habe zum Glück noch viele andere Projekte und Interessen, für die ich nun mehr Zeit habe. Für mich war die Abwahl ein Zeichen, dass die Basis der Grünen junge Frauen fördern will. Das muss ich akzeptieren.
Sie wurden von der neuen Kandidatin Janina Flückiger, die hinter Ihnen auf der Liste war, überholt. Am Ende fehlten Ihnen 64 Stimmen.
Das zeigt die Prioritätensetzung der grünen Wähler:innen. Sie haben sich für eine Frau und gegen eine pointierte ökologische Verkehrspolitik und eine aktive Stadtbegrünungspolitik, die ich erfolgreich und sehr prominent vertreten habe, entschieden. Auch die Partei war stolz darauf, dass in jedem Wahlkreis eine Finta-Person auf dem ersten Listenplatz stand. Immerhin wird die Politik, die ich in den letzten Jahren als einfacher Gemeinderat aufgegleist habe, wie die Velovorzugsrouten oder auch mehr Bäume und mehr Parkanlagen, in den nächsten Jahren Stück für Stück umgesetzt.
Die Grünen waren die grossen Verlierer der Wahlen. Vier Sitze verloren sie im Gemeinderat.
Für die Grünen ist das verkraftbar. Man kann auch mit 14 Vertreter:innen im Gemeinderat gute Politik machen, besonders weil die linke Mehrheit bestehen bleibt. Wie grün die Politik dann sein wird, hängt nun von der Überzeugungskraft jeder einzelnen grünen Gemeinderät:in ab.
Sie wurden 1998 in den Gemeinderat gewählt. Was hat sich seither geändert?
Wir haben heute mehr und vor allem längere Sitzungen. Damals wurden die Sitzungen gerade von zwei auf drei Stunden verlängert, Kommissionssitzungen fanden einmal pro Monat statt. Heute dauern die Sitzungen regelmässig über fünf Stunden, zuletzt auch an einem Samstag. Angesichts dessen überrascht es mich nicht, dass es so viele Wechsel gibt. Dabei ist Zürich einer der besten Orte, um Politik zu machen. Der Gestaltungsspielraum für eine progressive Politik ist hoch und Geld ist ausreichend vorhanden.
Letztes Jahr versuchte der Gemeinderat, die Entschädigungen zu erhöhen. Die Stimmbevölkerung lehnte das in der Abstimmung aber mit 53 Prozent Nein-Stimmen ab.
Die linken Parteien haben die Abstimmung auf die leichte Schulter genommen. Dabei wäre sie enorm wichtig gewesen. Wir wechseln aktuell in jeder Legislatur die Hälfte der Belegschaft. Doch es braucht einige Jahre, um die Abläufe im Gemeinderat zu verstehen, Kontakte zu knüpfen und zu wissen, wie man vorgehen muss, um ein Geschäft durchzubringen. Wer vorhat, weniger als acht Jahre im Gemeinderat zu bleiben, sollte besser gar nicht erst anfangen. Um eigene Akzente setzen zu können, braucht es viel Wissen, ein Netzwerk und Erfahrung.
Sie setzen Ihre Akzente als Co-Geschäftsführer des VCS Zürich vor allem in der Verkehrspolitik. Was hat sich in Ihrer Zeit im Gemeinderat im Thema Verkehr geändert?
Als ich 1998 in den Gemeinderat kam, war die Politik noch wahnsinnig autofreundlich. Als ich zu Beginn meines Mandats autofreies Wohnen thematisierte, fand ein FDP-Vertreter, ich sei ein Träumer, alle hätten schliesslich ein Auto. Das war schon damals falsch, denn Anfang der 2000er -Jahre verfügten 40 Prozent aller Haushalte über kein Auto, heute sind es 61 Prozent. Das ist wohl der wesentlichste Unterschied, das Bewusstsein ist stark gestiegen, dass der öffentliche Raum zu wertvoll ist, um ihn einfach mit Autos vollzustellen, und dass es eine grünere Stadt braucht.
Aktuell scheinen die Fronten zwischen der linken und der rechten Ratsseite ziemlich verhärtet. Wie beurteilen Sie das?
Die bürgerlichen Parteien haben schlicht und einfach keine intelligenten Angebote, mit denen sie uns von einem Kompromiss überzeugen könnten. Und wenn es doch einmal zu einem Kompromiss kam, waren sie politisch keine verlässlichen Partner. Das beispielsweise im Gegensatz zum Gewerbeverband.
Aktuell sind Sie aber in einer Frage mit der SP nicht einig: Sie wollen das Projekt zum Tram Affoltern versenken, die SP ist weiterhin dafür.
Das Projekt entspricht nicht mehr dem Verständnis von Strassenbauprojekten, die wir sie als linksgrüne Parteien im Rat entwickelt haben. So sollen 682 Bäume gefällt werden und die bestehenden Vorgärten werden rücksichtslos zugepflastert. Vorgabe war, dass der Autoverkehr möglichst reibungslos verkehren kann, das ist einfach nicht stadtverträglich. Bessere Lösungen, wie wir das aktuell in Bern sehen, wird es nur geben, wenn wir das Tram Affoltern jetzt ablehnen.
Im Sommer werden Sie 65 Jahre alt. Werden Sie trotz Abwahl und Pensionsalter politisch aktiv bleiben?
Auf jeden Fall. Ich bleibe noch Co-Geschäftsführer beim VCS Zürich, beteilige mich bei der IG Zentrum Hardbrücke und bin im Verwaltungsrat der Spitex Zürich. Mir wird also nicht langweilig.