Phenomden: «Wenn ich Musik nicht lieben würde, hätte ich schon lange aufgehört.» (Bild: Emil Maeder)

«Wenn ich es nicht lieben würde, hätte ich schon lange aufgehört»

Vor zwanzig Jahren erschien das erste Album von Phenomden. Letzte Woche veröffentlichte der Zürcher Reggaekünstler sein sechstes Album «Casino True Love». Im Gespräch mit Gian Hedinger erzählt Phenomden, wie sich seine Arbeit in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Und wie er die Debatte über kulturelle Aneignung wahrnimmt.

Im Song «Wiedike» von Ihrem ersten Album singen Sie, dass Sie immer in Wiedikon bleiben werden. Wo leben Sie heute?

Phenomden: Ich habe das Versprechen definitiv nicht gehalten. Heute lebe ich in Adliswil, wo ich aufgewachsen bin, und zuvor habe ich sieben Jahre in Jamaika gelebt. Als ich von Jamaika zurückkam, haben wir zuerst nach einer Wohnung in der Stadt gesucht. Nach langer Suche sind wir dann in Adliswil fündig geworden.

War es eine bewusste Entscheidung, dass Sie irgendwann zurück nach Adliswil wollen?

Nein, definitiv nicht. Als ich mit zwanzig Jahren von Adliswil ausgezogen bin, hätte ich wohl nie gedacht, dass ich einmal zurückkehren würde. Heute sehe ich den Ort natürlich anders als damals. Ich bin immer noch gerne in der Stadt unterwegs und fühle mich dort irgendwie auch mehr verbunden. Meine Kinder haben sich aber gut eingelebt, und nur weil es mir in der Stadt besser gefällt, müssen wir nicht umziehen.

Wie hat sich Ihr Arbeitsprozess vom ersten Album zum jetzigen verändert?

Früher habe ich etwas intuitiver gearbeitet. Ich sah oder spürte etwas, sass hin und machte es zu einem Song. Heute arbeite ich an mehreren Songs gleichzeitig und arbeite viel länger an einem Lied. Es ist teilweise fast etwas wie eine Collage. Ich habe Teile von Liedern und schiebe sie dann herum, wenn ich merke, dass ein Satz besser in einen anderen Song passt. Auf dem neuen Album habe ich an gewissen Liedern über mehrere Monate gearbeitet, das ist für meine Verhältnisse schon ziemlich lang.

Beim Hören des ersten Albums sind mir besonders die politischen Songs aufgefallen, die es auf den neueren Alben weniger gibt. Sind Sie heute auch als Mensch weniger politisch?

Nein, als Mensch bin ich definitiv immer noch politisch. Heute fällt es mir einfach schwerer, in einem kurzen Song meine Meinung auf den Punkt zu bringen. Früher war ich da wohl etwas ungefilterter. Auf diesem Album gibt es zum Beispiel den Song «Cool Breeze», bei dem es um Entschleunigung geht. Ich habe mir überlegt, wie ich den Text so schreiben kann, dass die Botschaft nicht ist: «Die technischen Geräte und die Entwicklungen rauben unsere Zeit», sondern eher: «Leg eine Platte auf, nimm dir etwas Zeit und geniess es.» So klingt es dann vielleicht weniger politisch, obwohl ich etwas Ähnliches sage. Dadurch sind gewisse Aussagen manchmal weniger klar: Den Song «Park» haben zwei Leute aus meinem Umfeld als Lied über einen Skatepark verstanden, weil ich singe: «Die einte sind uf em Weg nach une, die andere uf em Weg nach obe.» Ich habe den Song eher sozial gemeint. Der Park als Ort, wo sich Leute treffen, wo die einen Klimmzüge machen oder sich verlieben, während andere gerade in einer Abwärtsspirale sind. 

Nach dem letzten Album, auf dem viele verschiedene Genres zu hören waren, klingt «Casino True Love» wieder mehr wie ein Reggae-Album. Sind Sie bewusst stärker dahin zurück?

Ich habe das Gefühl, das jetzige Album knüpft wieder ein bisschen mehr auch an dem an, was ich vor zehn, fünfzehn Jahren gemacht habe. Das war aber nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Das ganze Album ist gemeinsam mit den Scrucalists entstanden, einer Reggae-Band aus Basel, mit der ich schon lange zusammenarbeite. Wir sind alle ziemlich breit interessiert und haben zum Beispiel Country-Musik für uns entdeckt. Das fliesst dann auch immer in die Musik ein. Auf dem neuen Album gibt es aber weniger einen Soul-Song oder ein Lied, das rock’n’rollmässig ist, sondern wir haben versucht, die Einflüsse etwas subtiler in die Lieder einzubauen. Ich habe die letzten zwei Projekte gebraucht, auf denen ich mich etwas mehr ausprobieren konnte.

Reggae ist in Ihrer Musik immer wieder ein Thema. Etwa auf dem Song «Reggae-Kultur» oder auch bei «Franco Nero», wo sie singen: «Es paar händ Reggae-Musig nonig ganz erfasst, denked debi immer nur ah Strand und Spass.» Wird Reggae-Musik in der Schweiz zu wenig ernst genommen?

Ich würde sagen: in ganz Europa. Viele haben das Gefühl, Reggae sei Gute-Laune-Musik für Kiffer, dabei ist es extrem lyrisch, und es geht viel um Missstände und ernste Themen. Ich finde nicht, dass jeder Mensch Reggae-Fan werden muss, aber wenn man andere Musik ernst nimmt, sich mit Inhalten beschäftigt und Reggae-Musik belächelt, dann stört mich das.

Wie haben Sie die Musikkultur in Jamaika wahrgenommen?

Es fasziniert mich extrem, wie aus einem solch kleinen Land so viel prägende Musik kommt. Grosse Teile der aktuellen Rap-Musik sind stark von Jamaika beeinflusst, und Dancehall wird mittlerweile weltweit gehört und gefeiert. Ich habe in Kingston einige Kurse am Edna Manley College besucht und habe gesehen, wie hart die jungen Künstler:innen dort arbeiten und wie krass das Niveau ist. In Europa hört man ja immer wieder, die Leute in Jamaika hätten die Musik einfach im Blut. Wenn man dort ist, sieht man, wie viele Stunden Arbeit geleistet werden.

Wie sehen Sie die Debatte um kulturelle Aneignung?

Für mich ist es nichts Neues, in meinem Umfeld haben wir schon 2003 darüber gesprochen, wie wir respektvoll Reggae-Musik machen können. Andererseits habe ich in Jamaika nie negative Reaktionen bekommen, dass ich als Weisser Reggae-Musik mache, im Gegenteil. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Kultur wächst, wenn sie möglichst breit getragen wird und es so viele Reggae-Konzerte wie möglich gibt. Aber halt so, dass nicht irgendwelche Klischees bedient werden oder man sich an der Musik bedient, ohne Respekt zu zollen.

Ich habe das Gefühl, in einigen Schweizer Medien geht es in der Debatte nur darum, was man angeblich nicht mehr dürfe und wie die Regeln sind.

Ich glaube, als Mensch hat man oft das Verlangen, genaue Regeln zu kennen, an die man sich dann halten kann. Nur sind gewisse Themen halt etwas komplexer. Ich wurde auch schon angefragt, um in den Medien etwas zu kultureller Aneignung zu sagen, aber das Thema ist mir zu wichtig, um es in einer Sommerlochgeschichte mit einem knackigen Zitat zu behandeln. Schliesslich kommen meine Kinder aus Jamaika, und die Reggae-Kultur hat mir enorm viel gegeben.

Durch die Zeit in Jamaika lagen zwischen Ihren letzten zwei Alben zehn Jahre, nun waren es vier Jahre zwischen den beiden Alben.

Eigentlich wäre ein Album alle zwei Jahre der perfekte Rhythmus. Dann hätte ich genug Zeit, um an der Musik zu arbeiten, und die Hörer:innen hätten regelmässig etwas Neues von mir. Ich hatte mir auch nicht vorgenommen, zwischen dem dritten und dem vierten Album zehn Jahre Pause zu machen. Aber ich habe nach dem dritten Album gemerkt, dass ich nicht sofort wieder an einem Album arbeiten möchte. Ich hatte das Gefühl, vieles schon gesagt und erzählt zu haben, und brauchte wieder neue Eindrücke, um etwas zu schreiben.

Als Sie wieder zurückkamen, spielten Sie mit ihrem Album eine ausverkaufte Tour. Hatten Sie damit gerechnet?

Nein, in diesem Ausmass sicher nicht. Ich bekam schon immer wieder Nachrichten auf Instagram oder Booking-Anfragen aus der Schweiz. Aber ich wusste nicht, ob jemand auf mich gewartet hatte. Ich habe mir auch überlegt, eine Weiterbildung zu machen und das Kapitel mit der Musik als Beruf abzuschliessen. Als dann die Konzerttickets gut verkauft wurden, hat mich das sehr motiviert. An den Konzerten standen 17- und 18-Jährige in den vordersten Reihen und sangen meine Texte mit. Ich bin dann hin und habe gefragt, woher sie meine Musik kennen, und sie erzählten mir, dass ihre Eltern ihnen die Lieder gezeigt hätten. Das hat mich sehr berührt.

Wie hat sich für Sie die Musik als Beruf verändert?

Besonders zwischen dem letzten und dem vorletzten Album habe ich einen grossen Unterschied gespürt. Mein drittes Album «Eiland» habe ich 2011 veröffentlicht. Damals verkauften wir noch sehr viele CDs, und das Album wurde im Internet zum Download gekauft, Streaming war noch kein Thema. Beim letzten Album 2021 machten wir noch einmal CDs, beim jetzigen Album haben wir darauf verzichtet. Grundsätzlich ist ein Album für mich finanziell nicht mehr profitabel. Von den Einnahmen der ersten Alben konnte ich meistens etwa ein halbes Jahr mein Leben finanzieren und mir Zeit nehmen für neue Musik. Mittlerweile verdiene ich ein wenig durch den Verkauf von Vinyl und hauptsächlich durch Konzerte. Wenn ich dort dann mit einer ganzen Band stehe und die Gage durch neun geteilt wird, dann müssen wir die Ticketpreise erhöhen. Viele Leute sehen, dass ein Ticket für eine Show fünfzig Franken kostet, und denken, ich verdiene damit richtig viel. Doch die Realität sieht anders aus. Als Musiker:in in der Schweiz steckt man enorm zurück und verzichtet oft auf eine gute Altersvorsorge. Wenn ich es nicht lieben würde, hätte ich schon lange aufgehört.