Wenn Frau will

Beim Thema Kinder war mir von allem Anfang an klar, dass dies bei mir keine Feierabend-Wochenende-Sache werden soll, sondern dass ich gleichberechtigt und gleichverpflichtet dabei sein wollte. Unsere Arbeitsteilung zuhause erwies sich dann allerdings nicht, wie wir romantischerweise angenommen hatten, als fifty-fifty, da ich wesentlich mehr verdiente als die Mutter meiner Kinder, wir uns also die Gleichberechtigung gar nicht leisten konnten. Den Hort übrigens auch nicht. Später zog ich die Kinder alleine auf. Ich erwähne das nur von wegen street credibility, weil ich muss nach 25 Jahren Frauenstreiktag mal was Heikles loswerden.

Nämlich. Vergessen Sie den Quatsch mit den Fortschritten in der Gleichberechtigung, wie er in den letzten Tagen, wohl aus falsch verstandener Höflichkeit, allerorts geäussert wurde. Die richtige Befindlichkeit zum Geschlechterthema ist die meine: erschüttert und ernüchtert. Ich erkenne keinen Fortschritt. Nicht dass ich davon ausgehe, dass es den in der Zivilisation immer geben müsse, sonst gäbe es ja nicht diese 40 Prozent in den USA, die an den Storch, an Trump oder an die Erde als Scheibe glauben. Aber warum ist es bei der Gleichstellung bei uns, knapp zusammengefasst, in der letzten Generation sozusagen Null vorwärts gegangen?

Beweis. Noch immer jammern wir über einen zu kleinen Frauenanteil in den Berufen. Noch immer sprechen wir in diesem Zusammenhang von einem ‹Potenzial›. Noch immer gibt es Lohndiskriminierung. Noch immer heisst Carearbeit Frauenarbeit, selbstverständlich unbezahlt. Noch immer nehmen in der Regel Frauen bei der Heirat den Namen der Männer an. Noch immer reduzieren nur die Frauen ihr Arbeitspensum, wenn Kinder kommen. Noch immer kümmern sich bei einer Trennung die Frauen um die Kinder. Noch immer gibt es einen Frauenmangel in den Kadern. Noch immer gilt der Allein-Ernährer-Mythos. Noch immer gibt es nur einen mickrigen Vaterschaftsurlaub. Noch immer haben Frauen weniger Geld im Alter. Noch immer… Soll ich weitermachen?

Beispiel. Ich arbeite seit achtzehn Jahren an einer technischen Hochschule. Wir haben das Klassenprinzip, in der Regel zwischen 25-35 Leute. In der Regel davon 1 (in Worten: eine) Frau. Manchmal zwei, aber dann schluchzen wir vor Begeisterung. Seit achtzehn Jahren höre ich, dass das zu wenig seien, dass man etwas machen müsse («Potenzial!»). Ich habe gefühlte 1000 Studien gelesen, was zu tun wäre, wie das geht, warum es nicht geht, was man schon alles versucht hat, und so weiter – nix passiert. Die Quoten stagnieren. Und das ist nur eine Anekdote unter vielen.

Allerdings. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich wundere mich. Denn ich weiss schon, warum das so ist. Menschen verändern sich nicht, bloss weil man sie darum bittet, ein bisschen nudget oder ein bisschen aufklärt. Und es nützt auch nichts, wenn Sie mich empört auf das tolle Gegenbeispiel aus Ihrem Bekanntenkreis verweisen. Es ist bloss die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Noch niemand hat demgegenüber versucht herauszufinden, was herauskäme, wenn man die Regel, sprich den finanziellen Anreiz, verändern würde. Zum Beispiel: Bezahl einen saftigen Haushaltslohn und sieh zu, wie die Manager an die Waschmaschinen gumpen.

Natürlich. Wer soll das bezahlen? Sie ahnen es: Wir haben soeben eine gute Gelegenheit für einen ersten kleinen Schritt verpasst. Mit diesem bedingungslosen Dings da. Ich weiss: Sie waren auch dagegen. Mir egal. Aber jammern Sie mir bitte nun nicht nochmals 25 Jahre lang die Ohren voll, die Frauen seien nicht gleichberechtigt und die Männer täten nicht Platz machen. Es ist keine Frage des Rechts. Bezahlen wir die Plätze entsprechend! Setzen wir die Anreize richtig.

Wir sollten endlich erwachsen werden, kollektiv meine ich, und vor allem: ökonomisch. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Behauptete ein Mann.

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