Wenn der Knopf im Taschentuch nicht mehr hilft

In der Schweiz sind über 140 000 Menschen direkt von Demenz betroffen. Die Stadt Zürich rühmt sich, bei diesem Thema eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Welche Ziele als nächstes ins Auge gefasst werden könnten, zeigte der Diskussionsanlass der SP mit einem Blick über den Tellerrand hinaus.

 

Julian Büchler

 

 

Menschen mit Demenz haben spezifische Bedürfnisse. Um sie adäquat zu pflegen und ihnen einen möglichst angenehmen Alltag zu bieten, braucht es mehr als nur geschultes Pflegepersonal. Um über die zukünftige Strategie der Stadt Zürich zu informieren, organisierte die SP gemeinsam mit ihrer Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen einen Diskussionsanlass. Neben Marita Gerwin und Martin Polenz von der Fachstelle ‹Zukunft Alter› der deutschen Stadt Arnsberg waren Gaby Bieri, Chefärztin des Geriatrischen Dienstes des Waidspitals, sowie Daniel Wagner als Initiant von ‹Demenz Zürich – Betroffene für Betroffene› zu Gast.

 

Claudia Nielsen betonte zu Beginn, dass die Stadt Zürich die Herausforderungen dieser Krankheit früh erkannt habe und deshalb in der Schweiz eine Vorreiterrolle einnehme. Allem voran die universitäre Akutgeriatrie Waidspital, die durch langjährige Erfahrung viel Wissen generieren konnte, aber auch die beiden Memory-Kliniken sowie zahlreiche gerontologische Beratungsstellen tragen zum positiven Gesamtbild bei. Claudia Nielsen erklärte, dass ein breitgefächertes und individuelles Angebot für viele Menschen wichtig ist. «Demenz belastet lange nicht nur die Direktbetroffenen.» Ein Demenzfall betreffe oft ein ganzes Umfeld – Familie und Freunde. Oft seien diese mit der Situation überfordert, zögen sich aufgrund von Ängsten und oder Unsicherheiten von den Betroffenen zurück. «Die Thematik der Demenz gehört zur Sensibilisierung auch in die Öffentlichkeit, da besteht auch in der Stadt Zürich noch Handlungsbedarf.»

 

Vorbild Arnsberg

 

Wie eine solche aussehen könnte, zeigt das Beispiel der deutschen Stadt Arnsberg. Demenz ist hier ein grosses Thema, wie Marita Gerwin in ihrem anschliessenden Vortrag schilderte. Die Leiterin der Lern-Werkstadt Demenz engagiert sich für einen transparenteren Umgang mit demenzerkrankten Personen. «Vor Jahren ist eine alte Frau aus dem städtischen Pflegezentrum entwichen. Obwohl sie sich im Unterrock auf den Weg machte und quer durch die Stadt lief, wurde sie erst Stunden später gefunden.» Dieses Beispiel von damals zeigte, dass die Stadt puncto Sensibilisierung und Wissen im Umgang mit demenzerkrankten Menschen grossen Nachholbedarf hatte. Mit dem Projekt Lern-Werkstadt Demenz habe die Stadt Arnsberg reagiert und alle Bezugsgruppen involviert. «Demenz geht alle etwas an», ist Marita Gerwin überzeugt. So wurde mit Öffentlichkeitsarbeit das Thema sichtbar gemacht. Neben den direkt betroffenen Gruppen wie Familie oder Pflegepersonal wurden beispielsweise auch MitarbeiterInnen der städtischen Verkehrsbetriebe und des Detailhandels für die Erkennung und den Umgang mit Demenzerkrankten geschult. «Heute bekommen wir laufend Telefone, wenn jemand in Pantoffeln in den Bus steigt», schmunzelt sie. Für demenzerkrankte Menschen sei aber auch die fehlende Vernetzung ein grosses Problem. «Viele ziehen sich zurück und vereinsamen. Sie gehen nicht mehr zum Stammtisch oder zum Singen.» Wenn das Umfeld besser informiert sei, könnten solche gesellschaftlichen Gepflogenheiten ohne grösseren Aufwand weitergeführt werden, ist sie überzeugt. Um die breite Bevölkerung dem Thema praktisch näher zu bringen, wurden zudem neue Vernetzungen geplant. Kindergartenkinder lernten spielerisch mit von der Krankheit betroffenen Menschen umzugehen und besuchten anschliessend die Pflegeheime in regelmässigen Abständen. Auch die Mitwirkenden des regionalen Zirkus zauberten als ‹Pflege-Clowns› den Demenzerkrankten durchs Band hindurch Lachfalten ins Gesicht. «Diese Form der Integration bietet neben jenen für die erkrankten Menschen auch viele Vorteile für die Kinder, die dadurch grosse Sozialkompetenz erlernen», so Marita Gerwin weiter.

 

Fehlender Geist

 

Gaby Bieri, Chefärztin des geriatrischen Dienstes der Stadt Zürich, durchleuchtete das Krankheitsbild vom medizinischen Standpunkt aus. Demenz stamme aus dem Lateinischen und bedeute so viel wie fehlender Geist. Die Erkrankung, die auf verschiedene Ursachen zurückgeht, führt zum Verlust der geistigen Fähigkeiten wie der Orientierungsfähigkeit, des abstrakten Denkens bis hin zu einer Sprachstörung und der Veränderung der Persönlichkeit. Vergesslichkeit an sich sei kein Indiz für die Krankheit. «Sich beim Einkaufen ohne Einkaufsliste trotz Knoten im Taschentuch nicht mehr an alles zu erinnern oder die Namen von bekannten Personen zu vergessen, gehört zum normalen Alterungsprozess dazu». Gehen aber wiederholt Termine vergessen oder die Orientierung verloren, lohnt sich eine Abklärung. Meistens würde das Umfeld aber vor der betroffenen Person Verdacht schöpfen. «Ich wehre mich gegen die weitverbreitete Meinung, dass Demenzerkrankte übermässig unter ihrer Erkrankung leiden. Für die Angehörigen sei es oft viel belastender, wenn sie zusehen müssen, wie Betroffene nach und nach ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten verlieren. Mit dem richtigen Umgang und Medikamenten kann die unheilbare Krankheit zwar nicht gestoppt, deren Verlauf aber positiv beeinflusst werden.

 

Mehr Toleranz und Verständnis

 

Des Weiteren sprach Gaby Bieri von einer grossen Tabuisierung des Themas. Erkrankte als auch Angehörige hätten oft grosse Scham. Wichtig sei, dass die neuen Verhaltensweisen der Demenzerkrankten normalisiert werden. Da brauche es mehr Toleranz und Verständnis von der Gesellschaft. Oft reagieren Angehörige entsetzt, wenn PatientInnen im Pyjama einen Cervelat essen. Solange die neuen Eigenheiten niemand anderen verletzen, sehe sie aber kein Problem darin. «Und wer jahrelang gerne Cervelat gegessen hat, ist es für eine gesunde Ernährung jetzt auch zu spät», verrät sie mit einem Schmunzeln. Dies bekräftigte Daniel Wagner, Initiant «Demenz Zürich – Betroffene für Betroffene». Als Angehöriger ist ihm die Situation des Umfeldes ein wichtiges Anliegen. Die Tabuisierung sei ein grosses Problem, aber auch fehlende Unterstützung für die Familien. «Wer Demenzkranke zuhause pflegen möchte, gelangt oft ans Ende seiner Kräfte.» Inwiefern sich die Stadt ein Vorbild an Arnsberg nimmt und welche Massnahmen zur Verbesserung umgesetzt werden, wird sich zeigen. An mangelndem Interesse seitens Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen sollte es jedenfalls nicht scheitern.

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