Wenn der Alltag erschöpft

Betreuungsarbeit, Karriere und Beziehungsarbeit: Frauen können, aber sollen auch alles machen. Im Gespräch mit Simon Muster spricht Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach über ihr neues Buch und darüber, wie politisch die Erschöpfung von Frauen ist.

 

Frau Schutzbach, was haben Hutnadeln mit dem Kampf für die Rechte der Frau zu tun?

Frauen haben sich Anfang des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Raum mit Hutnadeln gegen die sexuelle Belästigung von Männern gewehrt. Die Freiheit der Frauen im öffentlichen Raum wurde und wird durch regelmässige Übergriffe immer wieder bedroht und eingeschränkt. In meinem Buch argumentiere ich, dass Belästigung ein Ausdruck von Verfügbarkeitsansprüchen gegenüber Frauen ist. Von Frauen wird erwartet, gebend zu sein, auch sexuell. Dass sie etwa fremden Männern, die pfeifen oder einen Spruch machen, ihre Aufmerksamkeit geben sollen. Und dass sie dadurch dauernd überlegen müssen, welchen Weg sie nach Hause nehmen. Das bindet viele Energien. Verfügbarkeitsansprüche ziehen sich durch das Leben von Frauen, das ist erschöpfend.

 

Im Zentrum ihres Buches steht, wie der Titel bereits verrät, die Erschöpfung. Können Sie kurz ausführen, was Sie damit meinen?

Frauen können heute berufstätig sein, Karriere machen, in die Politik gehen, sie können Sex mit verschiedenen PartnerInnen haben und ein emanzipiertes Leben führen. Das bedeutet aber auch: Von ihnen wird nun Perfektion in noch mehr Bereichen erwartet. Der Druck, es allen recht machen zu müssen, und das Gefühl, anderen etwas schuldig zu sein, hat nicht abgenommen. Im Gegenteil: Von Mädchen und Frauen wird heute erwartet, dass sie ihr Leben aktiv in die Hand nehmen und sich von Problemen nicht abschrecken lassen. Sie sollen heute stark, sexy, selbstbewusst, schlau, schlank, sexuell aktiv und aufgeklärt, gut gebildet, berufsorientiert, cool, selbstständig, aber auch lieb und sozial sein.

 

Frauen müssen heute quasi alles aufs Mal?

Ja, eine junge Frau kann alles, soll aber auch alles. Die Politologin Katharina Debus spricht von einer Allzuständigkeit der Frauen. Denn neben den emanzipierten Rollenbildern sind auch die traditionellen Erwartungen weiterhin vorhanden: Mädchen sollen ihre kleinen Geschwister hüten, im Haushalt helfen. Auch wird ihnen heute permanent vermittelt, dass sie dereinst Mütter sein werden. Von erwachsenen Frauen wiederum wird erwartet, dass sie Karriere machen, aber dabei nicht ‹vermännlichen› und nicht etwa ihre Familie oder Beziehung hintenanstellen. Frauen werden nicht einfach als Menschen betrachtet, von ihnen wird nach wie vor erwartet, dass sie gebende Menschen sind. Sie schulden anderen unterschiedliche Arten von Unterstützung, auch solche, die über die Familien- und Hausarbeit hinausreicht: Bewunderung, Liebe, Wohlwollen, Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Mitgefühl. Oder Sex.

 

Wie unterscheidet sich dieser Anspruch an Perfektion und Performance von jenem, der von Männern erwartet wird?

Während der Mann in der abendländischen Ideengeschichte das allgemeine Subjekt, den Menschen an sich repräsentiert, wurde die Frau als ‹die andere›, die Partikulare und ‹Besondere› bestimmt. Bis heute müssen Frauen deshalb immer wieder beweisen, dass sie ebenfalls ein Subjekt sind. Frauen haben einen besonderen Druck, weil sie mehr als Männer um Geltung und Anerkennung ringen müssen.

 

Ist Emanzipation also eine Zusatzbelastung?

Emanzipation hat sich ein Stück weit in eine Fratze verwandelt: Was wir heute unter Frauenemanzipation verstehen – ökonomisch unabhängig, erfolgreich, leistungsstark, selbstbestimmt, individuell – ist nicht nur für die meisten Frauen kaum zu erreichen. Es ist vor allem nicht kompatibel mit dem, was sich trotz allem nicht verändert: Dass sie ständig verfügbar sein sollen für die Bedürfnisse anderer, für emotionale Arbeit und Hausarbeit.

 

Trifft diese Erschöpfung alle Frauen gleich?

Ich arbeite in meinem Buch unterschiedliche Facetten der Erschöpfung im Leben von Frauen heraus und bearbeite das Thema intersektional. Frauen, aber auch non-binäre Menschen, trans Frauen, queere Frauen haben sehr unterschiedliche Lebensbedingungen, und sind somit auch von Erschöpfung unterschiedlich betroffen. Faktoren wie Rassismus, Armut oder Migration spielen eine zentrale Rolle beim Thema Erschöpfung. Mütter zum Beispiel sind auf unterschiedliche Weise mit Erwartungen konfrontiert: Manche sind erschöpft vom Druck, dass sie unbedingt Kinder machen und die Nation, das Volk reproduzieren sollen. Andere sind eher erschöpft davon, dass ihnen der Status der Mutterschaft abgesprochen wird, etwa lesbische oder geflüchtete Frauen. Sie müssen ständig um die Legitimität als Mutter kämpfen.

 

Was sind weitere Erschöpfungsthemen?

Immer mehr Menschen müssen unfassbar viel Lohnarbeit leisten, um finanziell über die Runden zu kommen. Dadurch geraten alle anderen notwendigen Tätigkeiten – Kinder betreuen, ihnen bei Hausaufgaben helfen, den Haushalt machen, putzen, sich um Angehörige kümmern – enorm unter Druck und werden unter riesigem Stress erledigt. Das gesamte Leben, auch zunehmend das der Frauen, ist auf Lohnarbeit getaktet.

Ferner wurden im europäischen Raum überall die Wohlfahrtssysteme abgebaut und im Gesundheitswesen massiv gespart. Pflegebedürftigkeit und Verletzlichkeit werden ins Krankenhaus ‹Mutter› verlagert oder unter kaputt gesparten Bedingungen erledigt. In der Corona-Krise hat man das auf zugespitzte Weise gesehen: Die Krise soll von Frauen aufgefangen werden. Kinder blieben zuhause und man ging davon aus, dass irgendwer diese Betreuungsarbeit schon auffängt. Auch die PflegerInnen wurden vernachlässigt. Frauen sind Sozialpuffer von Krisen, Sparmassnahmen und Prekarisierung. Die meisten Frauen fühlen sich durch ihre Sozialisierung zuständig und verantwortlich für das Wohl anderer. Sie versuchen, alles zu geben, auch in Pflegeberufen, zu einem enormen Preis der Erschöpfung.

 

Wie wichtig ist es, für dieses Gefühl der Erschöpfung eine Sprache zu finden?

Es war schon immer zentral für emanzipatorische Kämpfe, für bestimmte Erfahrungen eine Sprache zu finden. Denn wenn wir für bestimmte Erfahrungen Begrifflichkeiten finden, erhalten diese auch eine Legitimität. Weibliche Erschöpfung entsteht zu einem nicht geringen Anteil durch Wahrnehmungsunsicherheiten. Dadurch also, dass Frauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht trauen (können), weil es für diese oft (noch) keine Sprache und keine Legitimität gibt.

 

Welche konkreten Phänomene meinen Sie?

Zum Beispiel Care-Arbeit: Diese ist nicht als Arbeit konnotiert, sie soll intuitiv passieren, aus Liebe. Deshalb bleibt sie oft unsichtbar und findet keine Artikulation. Emotionsarbeit, Beziehungshandeln, die Herstellung von Harmonie, das Ansprechen von Konflikten oder sich Sorgen um andere machen bleiben als Tätigkeiten unsichtbar und ohne Begriffe. Folglich realisieren Frauen oft selber nicht, was sie alles leisten und wie sehr ihre Zeit dadurch bestimmt wird, dass sie sich um Beziehungen kümmern, sich im Verhältnis zu den Bedürfnissen anderer Menschen organisieren. Und dass sie Pausen bräuchten. Auch im Berufsalltag übernehmen Frauen oft die Rolle der Kümmerin. Ohne diese Tätigkeiten wäre die Welt zweifellos ein schlechterer Ort. Es sind notwendige Tätigkeiten, ohne die wir nicht leben können. Aber sie werden ausgebeutet und abgewertet.

 

Grund für die Erschöpfung sind strukturelle Diskriminierungsmechanismen. Woher sollen Personen, deren alltägliches Leben in diesen Strukturen energieraubend ist, die Energie aufbringen, gegen diese Strukturen anzukämpfen?

Es ist leider so, dass emanzipatorische Veränderungen immer hart erkämpft wurden und werden müssen. Es wird einem nichts geschenkt. Aber ein Blick in die Geschichte zeigt auch, dass Veränderung möglich ist. Trotz Erschöpfung gibt es viel Widerständigkeit und Aufmüpfigkeit im Alltag. Der gemeinsame Widerstand gegen Erschöpfung kann auch Energie geben.

 

Sie schreiben, dass der Fortschritt für mehr Frauenrechte nicht linear verläuft, sondern auch immer wieder mit Rückschlägen konfrontiert ist. Sind Incels, Pick-Up-Artists und Männerbünde ein Ausdruck dieser reaktionären Männlichkeit?

Ja, diese antifeministischen Bewegungen und Kräfte gibt es immer, wenn Frauen mehr Rechte und mehr Emanzipation einfordern. Es geht bei diesen reaktionären Gegenbewegungen um die Absicherung von Privilegien und um die Wahrung männlicher Überlegenheit. Denn: Emanzipation bringt für manche den Verlust ihrer Privilegien mit sich. Wenn mehr Frauen in Chefpositionen oder als Abgeordnete in Parlamente kommen sollen, heisst das, dass weniger Männer solche Positionen innehaben können. Wenn Menschen, die vorher unbescholten rassistische Wörter sagten oder Frauen im Club an den Hintern fassten, das nun nicht mehr tun können, wird ihnen tatsächlich etwas weggenommen: nämlich die Möglichkeit, allein zu bestimmen, welche Begriffe adäquat sind und welche nicht, welches Verhalten angemessen ist und welches nicht. Gerechtigkeit, Inklusion und Teilhabe gibt es nicht zum Nulltarif, das sind nicht einfach formale Verwaltungsakte, über die sich alle freuen. Wo mehr Teilhabe und die Neuverteilung von Privilegien gefordert wird, wird dagegen aufbegehrt.

 

Ein grosses Thema, das viele Mechanismen vereint, die Sie im Buch anführen, ist die Rentenlücke, die Frauen nach einem Arbeitsleben erwartet. Könne Sie kurz aufzeigen, wie?

Die tieferen Löhne, Teilzeitpensen und die viele unbezahlte Care-Arbeit führen zur heute skandalös schlechten Rentensituation der Frauen. Faktisch sind viele Frauen im Alter daher immer noch von Männern abhängig. Ihre tiefen Renten reichen nicht zum Leben. Es sind diese Abhängigkeiten, die Frauen immer noch stark beschränken in ihrem Leben.

 

Wenn wir heute über Erschöpfung reden, kommen wir nicht um die Pflegefachpersonen und die Pflegeinitiative herum. Nach fast zwei Jahren Pandemie verlassen viele den Beruf. Sehen wir hier jene Erschöpfung, die Sie beschreiben?

Absolut, die Pflege ist die Dreh- und Angelscheibe der Fragen, die wir bisher besprochen haben. Wenn wir es nicht hinbekommen, PflegerInnen gerecht für ihre Arbeit zu entlohnen, dann ist das nicht nur ethisch verwerflich, sondern auch ökonomisch dumm. Eine gesunde Wirtschaft braucht gesunde Menschen und diejenigen, die Pflege- und Sorgearbeit leisten, brauchen dafür genug Zeit und gute Löhne. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind ausbeuterisch, weil es sich um weiblich konnotierte Arbeit handelt, die abgewertet wird. Pflege ist eine Tätigkeit, mit der sich wenig Profite erzielen lässt. Deshalb gerät sie in einer an Profit orientierten Gesellschaft massiv unter Druck. Die Leute sollen schneller, effizienter, mit weniger Lohn arbeiten. Aber damit schneiden wir uns ins eigene Fleisch: Wir zerstören die Basis unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich nicht um die Verletzlichkeit und Bedürftigkeit der Menschen kümmert, kann auf Dauer nicht produktiv oder erfolgreich sein.

 

Was muss sich ändern?

Es braucht eine gemeinsam beschlossene Gesamtverantwortung und Regulierungen, die verpflichtend dafür sorgen, dass Pflege nicht unter ökonomische Prämissen gestellt wird. Zum Beispiel muss der Pflegeschlüssel sichergestellt sein.  Es geht also um Leben und Tod und selbstverständlich müssen wir das auch gesetzlich regulieren. Es ist vollkommen verantwortungslos, die Gesundheit ökonomischen Logiken zu überlassen.

 

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen. Droemer HC 2021, 304 Seiten, 25.90 Franken.

 

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