Weit gekommen

Gerade steht in einem sogenannten Liveticker der NZZ, dass bei einem russischen Angriff auf die Stadt Dnipro mindestens fünf Menschen getötet worden sind. Über 50 Personen wurden verletzt. Die Rakete traf ein Einkaufszentrum. Ich weiss gar nicht, ob das ein ausseror­dentlich schreckliches Ereignis ist oder ebenso schreckliche Normalität, ich habe nämlich nicht mehr mitgezählt, nicht die Angriffe, nicht die Toten, schon gar nicht die Reden, die Selenski und andere überall halten, damit der Krieg nicht vergessen geht. Vom Besuch des ukrainischen Parlamentspräsidenten im Bundeshaus ist mir auch nichts anderes geblieben als der Idiot, der nicht den Lift nehmen wollte. So weit ist es gekommen mit mir. 

Wenn wir von Idioten reden: Ein türkischer Fussballnationalspieler zeigte an der EM während seines Torjubels den sogenannten Wolfsgruss. Das führte zu Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland. Cem Özdemir, grüner Landwirtschaftsminister, schrieb auf X dazu: «Seine Botschaft ist rechtsextrem, steht für Terror, Faschismus». Ich kannte diesen Gruss der Grauen Wölfe, der beispielsweise in Österreich seit 2019 verboten ist, vorher nicht und las einen Artikel darüber sowie über andere Zeichen, zum Beispiel den Mittelfinger. Ich lernte, dass das Zeigen dieses Fingers den Tatbestand der Beleidigung erfüllt, in der Schweiz kann es zu einem Strafverfahren und einer Geldbusse deswegen kommen. Ich nahm mir vor, das beim Velofahren durch die Stadt nun eher nicht mehr zu machen. Ich konnte es am nächsten Tag genau bis zum Pfauen durchhalten (ich wohne in Hottingen), dann passierte es mir etwa sieben Mal zwischen Bellevue und Rentenanstalt. So weit ist es gekommen mit mir. 

Aber das mit dem Rechtsextremismus ist aktuell ohnehin ein Thema (wann war es das eigentlich jemals nicht?). Man kann auch geradezu in eine Verwirrung verfallen, wenn man die rechtsextremen Parteien Europas beobachtet. Nach einem Interview des AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah, in dem er die SS relativierte (nicht jedes Mitglied der SS sei auch «automatisch als Verbrecher» zu betrachten), wurde es dem Rassemblement National zu heiss, und sie schmissen die AfD aus dem Bündnis, das sie im Europaparlament mit ihnen und der italienischen Lega haben. 

Wenn es den Rechten zu rechts wird, wäre vermutlich tatsächlich Vorsicht geboten, aber natürlich ging es hier nicht um echte inhaltliche Differenzen, sondern um simple Wahltaktik. Denn so eine tiefbraune AfD als Partnerin ist unangenehm für den RN, der versucht, die Vergangenheit aus eben dieser Ecke hinter sich zu lassen. So war die Freude wohl eher bescheiden, als Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, dem RN für die Wahlen in Frankreich trotz des Ausschlusses aus der Fraktion die Daumen für die Wahlen gedrückt hielt, wie sie Medien gegenüber betonte. Ob es nützt, wissen wir am Sonntag beim zweiten Wahlgang in Frankreich, bei der ersten Runde zumindest hat diese Unterstützung alles andere als geschadet. Der Rassemblement National ist noch nie so weit gekommen.  

Ebenfalls am Wochenende werden wir wissen, ob die Schweizer Nationalmannschaft England geschlagen hat. Es wäre eine Sensation, denke ich, die von Fussball nicht viel versteht, wenn die Schweiz nicht rausfliegt. Was mich an einen weiteren drohenden Rauswurf erinnert, denn auch ein anderer bangt ums Weiterkommen. Die New York Times schreibt von einem möglichen Rückzug Bidens, nachdem er an der TV-Debatte gegen Trump dermassen versagt hatte, dass sich noch mehr Menschen in den USA fragen, ob er geistig für den Job überhaupt noch in der Lage sei. 

Er sei einfach völlig übermüdet und erschöpft gewesen, sagt Biden. Ich kann ihn verstehen. Wir sind so weit gekommen, mir geht es gleich. 

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.