Weisheiten

Wenn die Welt, wie in Zeiten der Pandemie, ins Schlingern gerät, sucht manch eine bei fernöstlichen Weisheiten Zuflucht. Sie verhelfen zur heilsamen Distanz, zur Relativierung des eigenen Elends und zur nötigen Gelassenheit im Angesicht des Unabänderlichen. Selbst Ihre sich üblicherweise der Spiritualität abstinierende Kolumnistin führt sich jetzt mehrmals täglich erbauliche Sprüche zu Gemüte.  Usprünglich ging es mir zwar gar nicht um mein tägliches Quäntchen Trost, sondern vielmehr um die Teebeutel, die am anderen Ende der Botschaften baumeln. Ich hegte die profane Hoffnung, dass Gewürze und Kräuter allein meinen Säfte-Haushalt harmonisieren würden. Doch wer wollte sich der Macht positiver Gedanken verschliessen, die die Heilsamkeit einer Tasse Chai ins Unermessliche potenzieren?

 

Mir jedenfalls helfen sie ungemein. Wie neulich, als ich beim Griff nach dem Wasserkocher mit dem Kopf gegen das Ober­käst­chen­törlein knallte, das ich nach Entnahme eines Teebeutels offen stehen gelassen hatte. Während ich meine Beule (mit einem Beutel Schwarztee aus dem Eisfach) kühlte, las ich: «Jede Erfahrung lehrt dich etwas. Deine Reaktion zeigt, ob du verstanden hast.» Ich fand: Bingo! Auf die Erfahrung «Bonk!» war meine Reaktion prompt «Aua! Hu**e­G*pfer­t*miS**ch­nomal!» und die Lehre folgte auf dem Fusse: Schranktüren besser immer sofort schliessen. Andere meditieren Jahre für solche Einsichten. Ein andermal haderte ich mit dem Schicksal: Warum hat es mich von der Welt abgeschnitten und in meine Stube verbannt? Mein Teebeutel wies mir den Weg zum Licht: «Lasse die Dinge zu dir kommen.» Seither fröne ich ohne schlechtes Gewissen dem Online-Einkauf. Und just heute beseelte mich das Motto: «Lass dein Herz aus dem Käfig. Lass es frei und wild sein.» Denn ich hatte grade meinen Termin zum Herzröntgen verpasst und wollte mich schon über das Ausfallhonorar grämen, das nun fällig würde. Doch was sind achtzig Franken gegen ein freies, den Röntgenstrahlen entwischtes Herz? Und täglich schmettere ich im Geiste allen CoronaskeptikerInnen entgegen: «Du musst nicht herausfinden, was wirklich ist. Du bist die Wirklichkeit!» 

 

Natürlich geht der Erwerb geistiger Erleuchtung nicht ohne Hürden vonstatten. Nur wo Zweifel ist, ist schliesslich Glaube. Als «Liebe jeden Tag» auf «Liebe dein Leben» folgte, «Wer liebt, hat keine Fragen» sich anschloss und in «Freundlich und mitfühlend – das ist die Liebe» mündete, ergänzt durch «Liebe wird immer siegen»,  gepaart mit «Wir brauchen keine Liebe, wir sind die Liebe selbst», und in «Liebe deine Seele»  kulminierte, verspürte ich einen leisen Überdruss. Sollte ich doch wieder auf frische Minze umsteigen? Da fiel mir die Siebenzahl auf, unverzüglich erklang Peter Maffay in meinem Kopf: «Über sieben Brücken lalalaa, sieben dunkle Jahre hmhmhmm», und ich wusste: Nun musste ja, achtens, der he-elle Scha-hein kommen! Und wirklich: «Sprich nicht von Liebe, lebe sie.» Na, also! Genug gelabert, frisch auf zur Tat und munter geliebt! Nur ewige Zauderer werden jetzt noch fragen: «Ja, aber wen? Diesen oder den?» Ihnen sei geraten: «Warum auch in die Ferne schweifen, denn sieh, das Gute etc.» Schliesslich gibts hierzulande auch Philosophen. Und demzufolge – nicht verzagen, Karl Kraus fragen, der schon anno Tobak die universale Weisheit kannte: «Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige!»

 

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