«Weil immer nur der Moment zählt»

Seit bald 20 Jahren finden jede Woche die offenen Proben der Theatergruppe Niemandsland statt. Wie lässt sich in 1270 Wörtern erklären, was die Gruppe so besonders macht?

 

 

Von Manuela Zeller*

 

 

Es ist Freitag, zehn nach sieben. Im ersten Stock des Kleinbasler Kultur- und Begegnungszentrums Union trudeln die ersten Mitglieder der Theatergruppe ein, begrüssen einander herzlich und schnappen sich von den Guetzli auf dem Tisch. Das Geplauder und Gelächter erinnert an früher auf dem Pausenplatz, nur der Gummitwist fehlt. Das Training hätte schon vor einer Viertelstunde beginnen sollen, noch fehlt die Hälfte der Gruppe. Davide Maniscalco versichert mir, dass ihn das Zuspätkommen nervt, ansehen kann man ihm seinen Ärger aber nicht. Schliesslich fordert der Theaterpädagoge die rund fünfzehn Frauen und Männer auf, einen Kreis zu bilden, wartet, bis auch das letzte Handy weggelegt wurde und schaltet die Yogamusik ein.
Tisch, Katzenbuckel, Hund, Sonnengruss – das Yoga zum Aufwärmen ist nicht bei allen NiemandsländerInnen beliebt, gerade die Lauten mögen die stillen zehn Minuten nicht und signalisieren mit halblautem ächzen und seufzen, dass sie schon noch da sind, auch wenn sie gerade nichts sagen dürfen. Die Leisen versenken sich währenddessen in die Yogaposen und geniessen die letzten Momente in der Komfortzone, ehe sie sich während dem eigentlichen Theatertraining exponieren müssen.

 

 
Oft proklamiert, selten gelebt
Die Biografien in der Theatergruppe sind so vielfältig, wie die Menschen in Basel nun mal sind. Da gibt es jene mit den unbeschadeten Lebensläufen: Mit sinnvollen Ausbildungen, ausgeschöpftem Potenzial und hoffnungsvollen Jobaussichten, alle Freunde und engen Verwandten quicklebendig. Leute, die vor Zufriedenheit leuchten wie Nacht­tischlämpchen. Auf der anderen Seite des Spektrums dann jene, deren Existenzen nur noch rauchende Ruinen sind. Mit brutalen Fluchtgeschichten und so vielen Erinnerungen an Gewalt, Verlust und Willkür, dass nur eiserner Optimismus und konsequent gute Laune hilft, um die Aussichtslosigkeit der aktuellen Lage zu vergessen. Und dann gibt’s natürlich viele dazwischen, denen es meistens prächtig geht.
Herz und Hirn der Gruppe ist Davide Maniscalco, Theater- und Sozialpädagoge. Er leitet Niemandsland seit 1999. Früher war das Theatertraining Teil seines Jobs als Jugendarbeiter, seit zehn Jahren leitet er die Trainings auf ehrenamtlicher Basis. So habe er mehr Freiheit, erklärt er. Das ideologische Fundament der Theatergruppe ist der Grundsatz, dass alle willkommen sind. «Das mag banal klingen», findet Davide, «wird aber selten so gelebt». Er hat recht, viele Orte gibt es nicht, an denen man Freundschaften mit den unterschiedlichsten Leuten schliessen kann, auch wenn man sich kaum ein Bier in einer Bar leisten kann. «Anerkennung in der Gruppe», findet er, «ist nur selbstverständlich, solange man auf der Sonnenseite lebt», und setzt demonstrativ sein Ich-fahre-mit-meinem-Porsche-durch-die City-Gesicht auf.

 

 
Nach der kurzen Yoga-Session beginnt der Block mit den Theaterübungen. Heute beschimpfen sich die TeilnehmerInnen in Zweiergruppen gegenseitig. Lautlos, aber mit steigender Intensität. Vom Nachbarshaus her schauen Zaungäste zu und lachen über das furchteinflössende Gefuchtel. Die nächste Übung macht ebenfalls Spass: Die Gruppe galoppiert im Kreis herum wie eine Horde assortierter Zirkustiere, die Person in der Mitte macht den Zirkusdirektor und gibt Anweisungen. «Nicht vormachen, führen!», korrigiert Davide. Der aktuelle Zirkusdirektor, der sehr gut Kurdisch und Türkisch, aber noch wenig Deutsch spricht, schaut ratlos.

 

 
Viele Worte braucht es nicht
Dass die Theatergruppe Niemandsland je länger je mehr als Theatergruppe für Geflüchtete verstanden wird, ist nicht Absicht, sondern Abbild aktueller gesellschaftlicher Veränderungen. Seitdem viele geflüchtete Menschen in und um Basel wohnen, ist Arabisch die zweitwichtigste Sprache geworden in der Gruppe. Zwischen einigen wenigen NiemandsländerInnen besteht der gemeinsame Wortschatz aus ein paar hundert Wörtern. Die Konversationen beschränken sich dann auf freundschaftliche Nachfragen, ob’s gut gehe und wie der Tag gewesen sei. Trotzdem ist eine Verbundenheit spürbar. Eine wahre Freude für alle, die nach Beispielen für gelungene Integration oder Inklusion suchen.

 

 
Dass die Gruppe funktioniert, hat viel mit den Einstellungen vor Vorstellungen von Davide zu tun. Auffällig an ihm ist seine Fähigkeit, furchtlos und unvoreingenommen auf unbekannte Menschen zuzugehen. Möglicherweise hat seine Offenheit mit seinem ersten Job als Theaterpädagoge zu tun. Nachdem er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, sei er als Jugendarbeiter angestellt worden. Und zwar in einem Slum in seiner Heimatstadt Palermo. «Das Quartier war zwar Teil der Stadt, hatte aber nichts zu tun mit der Stadt, wie ich sie seit meiner Kindheit kannte.» In diesem Stadtteil, selber so gross wie eine Schweizer Kleinstadt, habe es keinerlei Infrastruktur gegeben und kaum Regeln. «Wer aus diesem Quartier kam, bekam in ganz Palermo keinen Job.» Stattdessen hätten die älteren Kinder und Jugendlichen Geld mit Drogentransporten verdient. «Die Mädchen trauten sich kaum, in die Schule zu gehen, aus Angst, vergewaltigt zu werden.» In diesem Quartier also habe er in einer alten Villa Aktivitäten mit vorbestraften Jugendlichen durchgeführt, unter anderem auch Theater. «In den ersten Wochen wurde wirklich alles gestohlen, was überhaupt gestohlen werden kann, sogar der Wasserhahn», erinnert sich Davide Maniscalco. Die Arbeit sei wahnsinnig anspruchsvoll gewesen, aber manchen habe es vermutlich geholfen. Zwei Jahre lang habe er den Job gemacht, bald darauf sei er nach Basel ausgewandert. An seine Herkunft erinnert ein anarchistischer Mix aus Schweizerdeutsch und Hochdeutsch mit italienisch-sizilianischer Würze. Das Gegenteil von laut heisst «leisig» und aus dem Therapeut wird ein «Therapist».  Teilhabe, lässt sich beim Zuhören erahnen, geht eben auch ohne die totale Assimilation.

 

 
Dass die Theatergruppe so lange bestehen würde, hätte er damals weder geahnt noch geplant, erinnert sich Davide. «Ich plane sowieso nicht weiter als ein Jahr voraus». Aber solange etwas funktioniere, gebe es ja auch keinen Grund, damit aufzuhören. Ausserdem sei er süchtig geworden nach Niemandsland, «weil sich Menschen begegnen und sich offenbaren, weil nichts vorhersehbar ist und immer nur der Moment zählt».

 

 
Politik im Theater
Zu Konflikten kommt es dabei selbstverständlich auch. Inzwischen wird über die Ohrfeige von vor einem Jahr gelacht, Reaktion auf eine missratene Vertrauensübung. Schwierige Themen gibt es aber immer noch. Obwohl oder gerade weil sich die Gruppe so nahe kommt, gewinnen individuelle Grenzen an Bedeutung. Bedürfnisse mit Liebe und Respekt zu kommunizieren, ist nicht immer einfach. «Ab und zu kommt es vor, dass es nach einer Übung ein klärendes Gespräch braucht zwischen einzelnen Personen», erzählt Davide Maniscalco unbekümmert. «Als wir zum Beispiel diese Übung mit den Händen gemacht hatten, das wurde für manche sehr emotional.»

 

 
Der Theaterpädagoge versteht sein Engagement in der Gruppe durchaus als politisch. «Wo wird Politik gemacht, wenn nicht im Theater?!» Einerseits würde in der Gruppe die Utopie vom statusfreien Raum gelebt, anderseits würden immer wieder Stücke mit einer politischen Message auf die Bühne gebraucht. Im letzten Sommer war es ‹This Is Not My Story›: Die zahlreichen Fluchtgeschichten innerhalb der Gruppe wurden zur fiktiven Reise von Samir verflochten, der Freunde und Familie in Syrien verliess, um in der Schweiz dann letztlich doch wenig Hoffnung zu finden. Im nächsten Stück soll es weniger explizit ums Weggehen und Ankommen gehen, die Gruppe bastelt gerade Masken.

 

 
Um 23 Uhr ist das Theatertraining vorbei. Wie jede Woche dauert es mindestens eine halbe Stunde, ehe die Frage geklärt ist, wo es jetzt hingeht. Die einen wollen zusammen tanzen, die anderen nach Hause gehen und schlafen, manche ein Glas Wein trinken oder einfach an Ort und Stelle ein bisschen plaudern. Manchmal wird es schon wieder hell, bis alle NiemandsländerInnen in ihren Betten liegen. Je nach Biographie im Einfamilienhaus, im Sechserzimmer der Flüchtlingsunterkunft, in der frisch renovierten Altstadtwohnung oder in der StudentInnen-WG.

 

 
*Manuela Zeller ist Praktikantin beim P.S. und Mitglied der Theatergruppe. Sie mag die Gruppe viel zu gerne, um objektiv darüber zu berichten. Ein Bild aus einer Theaterprobe befindet sich auf der Titelseite dieser Beilage.

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