Was vom Leben bleibt

Manuel Bürgin inszeniert W. G. Sebalds «Austerlitz» als Monolog für Thomas Sarbacher, worin ein Ich-Erzähler die erst spät ins Bewusstsein gedrungene eigene Vorgeschichte als jüdisches Flüchtlingskind rekonstruiert.

 

Die hünenhafte Physis Thomas Sarbachers und sein zerbrechlich wirkendes Spiel legen die Bandbreite der Ambivalenz der annähernd zweistündigen Selbsterforschung von Jacques Austerlitz schon sehr breit an. Ob es diesen Ich-Erzähler je überhaupt gab oder ob er als eine reine Schutzfigur für die Herstellung einer Distanz während der immer tiefer schürfenden Erforschung der Historie, also des eigenen Ich-Seins, erfunden worden war, um die Kraft dafür überhaupt erst aufzubringen, steht als Frage latent mit im Raum, verliert in der zunehmenden Dringlichkeit der Erzählung aber immer weiter an Relevanz.

 

Das Verdrängen hat bei Austerlitz hervorragend funktioniert. Als Sohn protestantischer Waliser lebt er annähernd ein halbes Jahrhundert lang ein Leben. Die Vorgeschichte wird einzig durch eine zufällige Begegnung mit einem tief in seinem Innern verwurzelten Erinnerungsbild – eine Waschanlage für Damen im zum Abriss freigegebenen Bahnhof – vorerst befremdlich vertraut wirkend als überhaupt existierend in sein Bewusstsein gestossen. Wie als Massnahme zur besseren Orientierung räumt Thomas Sarbacher ein Tablett voller Scherben aus dem Theater und zündet eine mitten im Raum stehende Leuchte an. Doch der Blick richtet sich nicht in sehr weite Ferne. Kann er nicht. Denn hauptsächlich ist der Text eine Selbstbefragung – mit Hilfe von auf gezielten Reisen erfragten Erfahrungen von ZeitzeugInnen.

 

Nach der Pause findet die Leuchte keine Verwendung mehr als Leuchtturmsymbol, sondern illustriert ohne die sie hochhebende Stütze das Bild einer Verlorenheit im darum herum entstandenen Gewirr von Absperrungen. Er ist nun auch im aufgeräumten, aber menschenleeren Therezin, dem ehemaligen jüdischen Ghetto mit angrenzendem Arbeitslager in Theresienstadt, wo er seine ersten Lebensjahre verbrachte und seine leibliche Mutter verlor. Thomas Sarbacher spricht schnell, aber nicht hastig, als Bild etwa vergleichbar mit einer wissentlichen Begrenzung von Zeit bei gleichzeitig schier unerschöpflicher Breite an noch miteinzubeziehenden Themen.

 

Die Sprache Sebalds ist ausserordentlich detailreich in der Beschreibung von Orten, Handlungen, Personen, inneren Fragestellungen und – falls vorhanden – auch von während dieser Langzeitrecherche erzielten Erkenntnissen. Es liegt eine tiefe Trauer in dieser wissbegierigen Recherche, die statt überkandidelt vor sich hergetragen, einzig durch einen etwas zu abgewetzten Mantel und ein etwas versteckt in der Manteltasche Getragenes, das der Schauspieler mehrfach hervorholt und in seiner Hand hält, illustriert wird. Ein Halt kann auch ein Stein (oder sonstwas) sein, sofern die Symbolkraft einer intensiven Verbundenheit damit ein starkes emotionales Band darstellen kann.

 

Die Spurensuche in der Vergangenheit ist so vielgeteilt, wie sich die Schicksale der darin vorkommenden Personen voneinander unterschieden hatten. Eine ehemalige Nachbarin kann helfen. Alles erlernte Wissen aus einem fünfzigjährigen Leben, steht für die intellektuelle Einordnung bei Fuss. Nur die sentimentale Verarbeitung obliegt Austerlitz ganz allein. Es wird nicht weniger als ein Resumé der Geschichte der europäischen Jüdinnen und Juden im vergangenen Jahrhundert. Ein Wiedererinnern, das nicht laut klagt, sondern leise bedauert, seine Kraft zur Fortsetzung der Erforschung immer tiefer liegender Schichten aus dem Wissen darum schöpft, dass Herkunft prägt und dass das Wachhalten der Erinnerung die einzige nach aussen hin zu vermitteln mögliche Würdigung der eigenen Geschichte und jene der Vorangegangenen darstellt. Und es ist auch die Bewusstwerdung, was vom Leben bleibt – also was es ist.

«Austerlitz», bis 8.3., Kellertheater, Winterthur.

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