Was genau zeichnet ein Monster aus?

Peter Niklaus Steiners Strichfassung und Regieführung von Mary Shelleys «Frankenstein» springt geschickt zwischen literarischer Fantasie und Alltagserleben hin und her.

Noch im Kostüm der Mary Shelley, aber sichtlich aus der Rolle, also als sich selber schickt Chantal Dubs den gut zwei Stunden Freilufttheater einen Nachsatz hinterher, der als verbindendes Element moderner junger Frauen über die Jahrhunderte hinweg erkennbar ist. Die Frage, was die Autorin wohl dazu bewegt haben möge, dermassen tief in solch schauerliche Abgründe einzutauchen, führt über die augenscheinliche Romanthematik hinaus und lenkt das Augenmerk auf die Ebene einer weiteren zeitlosen Dringlichkeit: die Lebensperspektive von Frauen. Rückblickend waren es beide Male Frauen, die sich weder von der Äusserlichkeit der Schöpfung (Peter Zgraggen) von Doktor Frankenstein (Florian Steiner) dazu verleiten liessen, das Kreatur genannte Leben kategorisch zu verurteilen, und die es auch noch wagten, die recht durchsichtige Farce einer Gerichtsverhandlung mit vorgefertigtem Verdikt der Schuld lautstark und beherzt infrage zu stellen. Und so doch ziemlich direkt eine landläufig noch immer vorkommende Bereitschaft, sich vorschnell einem Kurzschluss hinzugeben, ohne die Folge einer eigentlichen Täter-Opfer-Umkehr nur schon im Ansatz zu bedenken, als fragwürdige Denkbequemlichkeit anprangern.

Deutlich, aber nicht belehrend


In der privaten Gesellschaft der sichtlich wohlhabenden Familie Frankenstein haben die Frauen zuvor ein allein in der klassischen Rolle verhaftetes Standing. Mary Shelley hält sich als der Familie erstmals vorgestellte Gefährtin von Victor Frankensein zuerst nachvollziehbar zurück, aber auch die spitzen Pointen der hochschwangeren Schwester des Doktors, Claire (Eva Maropoulos), bezüglich der angeblichen Selbstverständlichkeit in der althergebracht gewohnten Zuschreibung von Pflichten, findet in der aufgekratzten Unterhaltung der Gesellschaft nur sehr marginal überhaupt Gehör. Die Händel und Nöte der Herren, ob sie nun die Sorge um eine pekuniäre Fortüne behandeln wie bei Henry Clerval (Flavio Dal Molin) oder das Nagen der Selbstzweifel als Genie verkannt zu bleiben wie beim Doktor, stehen im Rang der allgemeinen Aufmerksamkeit weit über jeder Wortmeldung einer Frau. Gut, die Rahmenerzählung spielt sich im noch jungen 19. Jahrhundert während der Sommerfrische auf einem Landsitz ab und der Anciennität der Grossmutter (Monika Marquardt) gegenüber gehört ein zu zollender Respekt zum standesgebührlichen Verhalten, aber solange ein Mann sich dazu anschickt, ein Wort zu äussern, gilt diesem die oberste Priorität in Aufmerksamkeit und Wertigkeit. Egal, wie selbstverliebt bis larmoyant es ausfallen mag oder ob einer solch dünnen Wortmeldung eine umfassend durchdachte Replik aus Frauenmund folgt, er hat gesprochen, und was er sagt, gilt. Bei Licht betrachtet, steht bereits während des Auftakts zu diesem temporeichen Wechselspiel zwischen Fantasie und Erleben das reale Heute als Zeugin und Mahnmal mit auf der Bühne.

Filigran vielschichtig

Dank kluger Bauten von Jules Claude Gisler, dem effekvollen Einsatz von Licht (Christian Joller) und der treibenden Musikauswahl von Davia Maria Hohl, drehen sich die Ebenen der Geschehnisse in Windeseile. Und mit dem Einsatz einer kleinen Armada an Doubles, die den Bühnenraum bis ennet der Sihl erweitern und weiteren Darsteller:innen von Nebenfiguren, vermag eine vergleichsweise kleine Produktion einen verblüffend grossen Eindruck zu erzielen. Dass Peter Niklaus Steiner der Verlockung widerstehen kann, die Inszenierung allein auf die naheliegendsten Parallelen des Romans mit der Aktualität abzustützen – Allmachtsfantasien und Mitmenschlichkeit –, ermöglicht es diesem «Frankenstein», eine ungemein feinfühlige Vielschichtigkeit in der Figurenzeichnung der Einzelrollen wiewohl der zwingend mit dem Grundthema zusammen zu denkenden Kausalitäten herauszuarbeiten. Der gegenüber der Handfestigkeit des stakkatohaften Vorwärtstriebs der Handlungserzählung eine geradezu ebenbürtige Geltung und Gewichtung eingeräumt wird und die in der Summe viel zum gewinnenden Gesamteindruck beiträgt. Die Balance zwischen Koketterie und Derbheit, Hintersinn und Witz, Andeutung und platter Offensichtlichkeit ergänzt den Wechsel der Spielebenen und Szenen punktgenau und trefflich eingesetzt, was den nicht zu unterschätzenden Mehrwert einer empfundenen Kurzweil insgesamt befeuert. Was erfreut. Die Denksportaufgabe spart sich die Inszenierung bis zum Epilog auf, was das sich in aller Ruhe und Besonnenheit darauf einlassen erleichert.

«Frankenstein», bis 26.7., Besucherzentrum Sihlwald im Wildnispark Zürich.
www.turbinetheater.ch