Was bleibt?

Ein Paar, zwei Leben, das Ende. Gaspar Noé stellt den Lebensabend in «Vortex» als nur schwer erträgliche Prüfung dar.

 

Verortbarkeiten wie gut und böse, richtig und falsch sind hier nicht von Belang. Er (Dario Argento) und sie (Françoise Lebrun) verband etwas. Ein Leben lang. Ihre verwinkelte Wohnung ist voller Bücher und Kunst. Sie sind Menschen des Geistes. Sie droht, ihren zu verlieren, handelt aber immer noch wie die frühere Ärztin der Psychiatrie. Er versammelt alle letzten Gedanken für ein Standardwerk über das Kino und das Träumen. Das Intro mit der jungen Françoise Hardy «Mon ami la rose» singend («j’ai besoin de l’espoir sinon je ne suis rien») legt die Tonalität zwischen melancholischer Sehnsucht nach dem schönen Einst und fatalistischer Tapferkeit eines Ertragen des Jetzt fest. Die Liebe zwischen den beiden ist ein starkes Band, ein Arrangement, eine Gemeinsamkeit gepaart mit individueller Freiheit, vielleicht gar eine Gewohnheit. Aber sie steht nicht zur Disposition. Gaspar Noé teilt die Leinwand in zwei Teile – je eine Kamera folgt ihr und eine folgt ihm. Wenn sie nahe beieinander sitzen, sind beide auf beiden Seiten der Leinwand zu sehen, ihre Blickwinkel bleiben verschieden. Ihr suchtaffiner Sohn (Alex Lutz) bekommt sein Leben nicht auf die Reihe, wie soll er ihnen eine Stütze sein können? Die langjährige Geliebte seines Vaters hat sich eine Pause ausbedungen, sie hält dem gewachsenen Druck nicht mehr Stand. Sie erkennt dessen aufgelösten Gemütszustand und flüstert dem Sohn ihren Ansatz zur Medikation zu. Er holt sich telefonisch weniger Rat als philosophische Ablenkung, ist in Gaspar Noés Bild also genauso wie seine demente Frau sinnbildlich nurmehr als gealterter Körper in dieser Wohnung anwesend.

 

Im Gegensatz zu Michael Hanekes «Amour» ist hier keine Romantik zu sehen. Das Geheimnis ihrer Zuneigung bleibt verborgen und benötigt weder geäussert noch demonstriert zu werden. Das Ende kennen sie ja beide. Und sie wissen, dass sie grad davor stehen.

 

«Vortex» spielt in den Kinos Movie, RiffRaff.

 

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