Warum zur Hölle?

Viele junge Frauen bleiben kinderlos, weil sie negative Konsequenzen im Beruf fürchten – zu Recht. So steht es in der Zeitung, so lautet das Ergebnis einer neuen Erhebung des Bundesamtes für Statistik. Die Vereinbarkeit von Nachwuchs und Karriere wecke Ängste. Am stärksten betrifft dies junge Frauen mit einem höheren Bildungsabschluss, 75 Prozent unter ihnen glauben, dass die Geburt eines Kindes sich negativ auf ihre Berufsaussichten auswirkt. «Wir müssen von der Vollzeitkultur wegkommen», wird die Ökonomin Gudrun Sander in diesem Zusammenhang zitiert.

 

Jetzt ist es so, und ich möchte das gerne hier einmal festhalten, dass ich beim Lesen solcher Artikel und Studien meine vielfältigen Aggressionen nur mehr ganz schlecht kontrollieren kann. Einerseits deshalb, weil diese Forderung nach weniger Arbeitsstunden generell und auch im Kader so alt wie unumgesetzt ist. Ich lese zwanghaft, mit Gefühlen zwischen Belustigung und rasender Wut, alle verfügbaren Interviews mit mächtigen Männern, Chefs von grossen, erfolgreichen Firmen. Wo ihnen die guten Ideen kommen, werden sie standardmässig gefragt. «Beim Joggen», ist eine sehr beliebte Antwort, gleichauf mit «unter der Dusche», dicht gefolgt von «beim Wandern in der Einsamkeit der Berge» und «Gesprächen mit Freunden». Keiner hat jemals gesagt, die besten Ideen kämen ihm an seinem normierten USM-Haller-Bürotisch zwischen 6.30 und 7.30 morgens im Lichte einer grellen und ebenfalls normierten Deckenbeleuchtung. Aber trotzdem behaupten die, die vor allem ausserhalb des Büros auf gescheite Gedanken kommen, ein Kaderjob sei nur Vollzeit denkbar. Zweitens, und schlimmer, ist es so: solche Studien wie die erwähnte, die vermutlich gut gemeint sind und auf einen Missstand aufmerksam machen möchten, zementieren die ganze Misere, weil sie das falsche Objekt untersuchen: die Frau. «Akademikerinnen bleiben kinderlos». Das ist mehr als eine Feststellung, es ist ein Vorwurf.

 

Warum wird nicht der Akademikermann befragt, der offensichtlich Kinder hat? Warum hat er kein Vereinbarkeitsproblem und zu Lasten von wem genau geht das? Warum findet der junge Hochschulabsolvent nicht, dass die Geburt eines Kindes sich negativ auf seine Berufsaussichten auswirkt? «In mehr als zwei Dritteln der Haushalte mit Kindern wird die Hausarbeit hauptsächlich von den Müttern erledigt», steht ebenfalls im Artikel. Warum nicht: «In mehr als zwei Dritteln der Haushalte machen die Väter wenig bis keine Hausarbeit?» Warum wird hier nicht gefragt, was das eigentlich für Männer sind, die 2019 ernsthaft ihrer Partnerin den Grossteil der Hausarbeit überlassen, ihr die Betreuung der Kinder massgeblich abgeben und damit Teil eines Systems sind, das Frauenkarrieren verhindert? Wir merken gar nicht, wie verkehrtherum wir denken und untersuchen, was bei folgendem Satz aus dem gleichen Text unfassbar deutlich wird: «In Deutschland oder Österreich können Mütter Vollzeit arbeiten und die Kinder trotzdem um 16 Uhr von der Kita abholen. Die dortige 35-Stunden-Woche ermöglicht dies».

 

Warum, zur Hölle, betrifft das nur die Mütter? Warum, verdammt, sind sie es, die dann die Kinder um 16 Uhr von der Kita abholen sollen?

 

Wir brauchen andere Studien. Solche, die die Rolle von Männern in Vollzeit und mit Karriere und Kindern untersuchen und fragen, was für Partner und Väter sie sind. Dann, so hoffe ich, merken wir, dass die Vereinbarkeit etwas ist, was Mütter und Väter gleichermassen angeht. Angehen sollte, zur Hölle.

 

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