Warum der Energiekonsum in der Schweiz seit 2010 sinkt

Die Technik schlägt neuerdings die Menge. Doch diese Wende beim Energiekonsum gilt leider nur innerhalb der Schweizer Grenze. Eine Analyse.

 

 

Hanspeter Guggenbühl

 

 

Mehr Produktion und mehr Konsum überwiegen gegenüber dem technischen Effizienzgewinn. Diese Regel, bezogen auf den Verbrauch von Energie und andern Naturgütern, galt in der Schweiz während Jahrzehnten. Als Folge davon hat sich die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen seit dem Zweiten Weltkrieg vervielfacht.

 

Doch im Jahr 2010 kehrte der Trend: Effizienzsteigernde Technik wirkt sich seither stärker aus als die weiter zunehmende Menge an ressourcenverschlingenden Tätigkeiten. Das zeigen die nationalen Statistiken zur Gesamtenergie, zur Elektrizität und zu den Treibhausgasen: Nach einem weiteren Zuwachs von 2000 bis 2010 sanken in den letzten sieben Jahren sowohl der gesamte Energie- als auch der Stromverbrauch in der Schweiz (siehe Grafik).

 

Pro Kopf der Bevölkerung liegt der Energiekonsum heute deutlich, der Stromkonsum knapp unter dem Niveau im Jahr 2000. Die Ziele der nationalen Energiestrategie fürs Jahr 2020 (minus 16 Prozent Energie-, minus 3 Prozent Stromverbrauch gegenüber dem Jahr 2000), die pro Kopf der Bevölkerung festgelegt wurden, lassen sich damit wohl erfüllen (siehe dazu die Grafik).

 

Wie Menge, Effizienz und Verlagerung wirken

Die Gründe für diese Wende beschrieb der Bundesrat kürzlich in einem Bericht. Darin unterscheidet er ebenfalls zwischen dem Mengeneffekt, der den Energie- und Stromkonsum erhöht, und dem Einfluss von effizienterer Technik und Politik, der den Verbrauch senkt.

 

Zu den «Mengeneffekten» zählt der Bundesrat u.a. die Entwicklung von Bevölkerung und Wirtschaft (BIP) sowie von Energiebezugsflächen, Fahrzeug- und Gerätebestand. Dem Wachstum dieser Mengen stellte er den Effizienzgewinn gegenüber, den die technische Entwicklung bewirkte, und den die nationale Politik mit Verbrauchsnormen und Subventionen zusätzlich fördert. Dazu kommt die ebenfalls politisch geförderte Verlagerung von fossiler Energie zu Elektrizität und erneuerbaren Energieträgern. Schliesslich wirken sich ökonomische und klimatische Faktoren aus; dies besonders auf Tanktourismus und Wärmebedarf.

 

Die Wirkung dieser gegenläufigen Entwicklungen fasst der Bundesrat wie folgt zusammen: «Seit knapp zehn Jahren überkompensieren die Einsparungen, die sich aus dem technischen Fortschritt ergeben und durch politische Energieeffizienz-Massnahmen verstärkt werden, die Verbrauchszunahmen.» Die Sub-stitution von Erdöl durch Elektrizität verstärkte diese Wirkung bei der fossilen Energie zusätzlich, vermindert sie aber bei der Elektrizität.

 

Ähnlich wie bei der Energie verhält es sich beim Ausstoss von CO2 und weiteren klimawirksamen Gasen: Im Jahr 2016 war der Ausstoss aller Treibhausgase in der Schweiz rund zehn Prozent kleiner als im – klimapolitisch massgebenden – Jahr 1990, zeigt die jüngste Erhebung des Bundesamtes für Umwelt.

 

Starke Verlagerung vom In- ins Ausland

Im Jahr 2016 hat die Schweiz ihre klimapolitischen Ziele fürs Jahr 2020 (minus 20 Prozent) also erst zur Hälfte erreicht. Denn im Unterschied zur Energiestrategie, welche die Energie- und Stromziele pro Kopf der Bevölkerung bemisst, gelten die Ziele für den Ausstoss der Treibhausgase gemäss CO2-Gesetz absolut. Darum sind sie schwerer zu erreichen, wenn die Bevölkerung in der Schweiz ungebremst weiter wächst.

 

Die wichtigste Ursache für die Wende, die den Energiekonsum innerhalb der Schweiz sinken lässt, klammern die nationalen Erhebungen aber aus. Es handelt sich dabei um die Verlagerung von energieintensiven Tätigkeiten vom In- ins Ausland. So importieren die Menschen in der Schweiz mit mehr Gütern auch mehr graue Energie und mehr Material. Dabei handelt es sich um Energie, die im Ausland eingesetzt wird, um in der Schweiz genutzte Rohstoffe, Halbfabrikate und Güter zu erzeugen; das Spektrum reicht von der Öl- und Rohstoffförderung über die Auslagerung von Produktionsstätten bis hin zum Import von Fertigwaren; mengenmässig sind diese Importe viel umfangreicher als die Exporte. Zudem brauchen Leute aus der Schweiz bei ihren Reisen im Ausland immer mehr Transportenergie.

 

Damit verursachen die Menschen in der Schweiz ausserhalb ihrer Landesgrenze auch mehr Treibhausgase. Eine Erhebung über den «Treibhausgas-Fussabdruck» der Schweiz, den das Bundesamt für Statistik im Februar 2018 publizierte, zeigt: Im Jahr 2015 waren die grauen Treibhausgas-Emissionen, welche Bevölkerung und Wirtschaft der Schweiz im Ausland verursachen, bereits anderthalb Mal so gross (!) wie die direkten Emissionen im Inland. Im Unterschied zum sinkenden Verbrauch und zu den abnehmenden Emissionen innerhalb der Schweiz wächst also der Energieverbrauch und Ausstoss von Treibhausgasen weiter, den Schweizerinnen und Schweizer im Ausland verursachen.

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