Warten auf Godot an der Langstrasse

Dreissig Jahre nach der Katastrophe von Platzspitz und Letten erzählt Joel Basman in seinem Ein-Mann Stück auf der Bühne im Kanzlei von den dunkelsten Jahren der neueren Geschichte Zürichs – entlang der Lebensgeschichte von Sonja, einer Frau, die diese Zeit durchlitten hat.

Joel Basman, einer der bekanntesten Schweizer Schauspieler, und der Regisseur Michael Steiner – beide bekannt aus dem Film «Wolkenbruch» – haben sich für «Sonja – A Junkie Tale» von Becketts «Warten auf Godot» inspirieren lassen. Ja, es wird gewartet in diesen Geschichten auf der Kanzleibühne, gewartet auf die existenziellen Herausforderungen eines Menschen in Abhängigkeit von Substanzen: gewartet auf Liebe, auf Stoff, auf den Tod. Gewartet wird im Wartehäuschen der Haltestelle Militär/Langstrasse – wo denn sonst. Und Sonja, die Protagonistin, nimmt sich Zeit, hier aus ihrem Leben zu erzählen: Von einer durchschnittlichen Jugend in einer Mittelstandsfamilie in der Agglomeration, von einem kleinen harmlosen Unfall, der so vieles verändert, von Liebe und Anhänglichkeit, von den Stationen vom Jugendtreff bis zum Platzspitz. Sie erzählt die Geschichte einer Jugend der 1990er-Jahre.

Wie wir es uns als Passant:innen vom Alltag an der Langstrasse gewohnt sind, wird auch hier im Thea­ter das Publikum ins Geschehen rund um Stoffbeschaffung, Konsum, Lebensgeschichten einbezogen. Dazwischen auch mal beschimpft als «Bünzlis, wo immer am seckle für nüt sind». Heroin hat ja seinen Namen vom «Heros», vom mythischen Helden. Die Junkies haben sich in den frühen Jahren auf William S. Burroughs Roman «Junkie» bezogen, auf die stolzen Outsider, die den langweiligen Bünzlis weit überlegen sind. Einziger Gesprächspartner – hinter der Bühne – ist Tyson, Sonjas Hund;  einmal wird er von ihr mütterlich umsorgt, «Isch scho guet, s’Mammi chunt», ein andermal beschimpft. Ein kurzer Filmeinspieler zeigt, wie der Hund aus seiner Sicht die Welt wahrnimmt. Hunde hatten in der Szene der 90er-Jahre eine wichtige Bedeutung, die Einrichtung einer Notschlafstelle mit Hundeabteil gehörte zu den ersten Errungenschaften einer verbesserten Überlebenshilfe – Hunde stellten für viele Abhängige einen wichtigen, für manche den wichtigsten sozialen Bezugspunkt dar.

Erinnerungen werden wach

Sonjas Erzählung ruft die Erinnerungen ans Leben am Platzspitz und am Letten wieder wach: Die «Filterli­tische» auf den Einkaufswagen mit Bügelbrett als Ladentisch, um die aus Zigarettenfiltern gesammelten Reststoffe zu verkaufen: «De Dräck vo gester isch besser als nüt»; das gut und gerne des Langen und Breiten erklärte pharmakologische Wissen der erfahrenen Konsumierenden; das dauernde Suchen und Rennen nach Stoff, «wo niemer niemertem hilft und alli allne egal sind»; die verzweifelten Eltern, die ihre Kinder suchen: Sonja erzählt unter Tränen von ihrem Vater, der auf der Suche nach ihr ausgeraubt wird. Und auch von jenem Vater – offensichtlich aus vermögenden Kreisen –, der seinen Sohn rausholt und in Kalifornien in eine teure Klinik verfrachtet. Am Letten liegt die Jugend aus allen gesellschaftlichen Schichten gemeinsam im Elend, innerhalb der Junkies herrscht eine noch unerbittlichere Klassengesellschaft aller gegen alle.

Auch von den damaligen Versuchen, die Menschen aus ihrer Abhängigkeit herauszuholen, erzählt Sonja. Von der Grausamkeit des kalten Entzugs auf einem Drogenschiff in Holland, «wo’s de Junkies de Tüfel wänd ustriibe». Später im Ex-Junkie-Heim auf dem Lande bemitleidet sie einen alten Bekannten vom Platzspitz, er sei hier zum Zombie geworden; «wo er mit em Heiland cho isch, isch aber ganz schnäll fertig gsi, mit dem Scheiss muesch mer nöd cho». In langen Therapien versuchten damals christliche Gruppen, Abhängige in ein neues cleanes Leben zu führen – immer wieder mal auch mit dem zweifelhaften Erfolg, dass sich ihre Abhängigkeit vom Stoff zur Abhängigkeit von einer Sekte wandelte. Zwischendurch landet Sonja 13 Monate im Frauenknast Hindelbank, «eigetli no e gueti Zyt» – was mir einzelne Ex-Junkies auch schon mal bestätigt haben.

Was in Sonjas Erzählung nicht vorkommt, ist Methadon, später die Einführung der kontrollierten Heroinabgabe und der Aufbau des vielseitigen, die Schliessung des Letten begleitenden medizinischen und sozialen Angebotes, aufgebaut nach den katastrophalen Erfahrungen der rein repressiv organisierten Schliessung des Platzspitz. Damit wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der tragische Schluss auf der Kanzlei-Bühne heute zur überwundenen dunklen Vergangenheit Zürichs gehört – zumindest  darf dies aus aktueller Sicht so gehofft werden.

Kein Lehrstück

Aber die Junkie Tale ist nicht ein Lehrstück über Drogenpolitik. Es ist die berührende Geschichte einer Frau, ihrer unbändigen Lebenslust, ihrer Kraft, Elend auszuhalten, sich nicht unterkriegen zu lassen, in einem rohen Überlebenskampf ihre Empathie für die andern, aber auch ihren Humor nicht zu verlieren. Wer das Langstrassenviertel kennt, dem ist Sonjas Sprache vertraut, ihr Slang, ihre Diktion.  Joel Basman ist hier aufgewachsen, ihm ist mit «Sonja, a Junkie Tale» so etwas wie aktuelles «Heimattheater» gelungen. Das ist nicht kitschig, so wenig wie Kurt Frühs Langstrassenfilme der 1950er-Jahre mit ihren Alkis und Pennern damals kitschig waren. Auf der Kanzleibühne wird ganz einfach ein Leben erzählt: Das ist grosses Theater – und das geht ans Herz.

«Sonja A Junkie Tale», Mundart, ab 16 Jahre.Tickets unter www.seetickets.com; Aufführungen auf der Kanzlei-Bühne im März:  5.,15.,23., 24., 29., 30., 31.; im April: 1., 12., 20., 21.