Wand im Kopf

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie furchtbar langweilig ich Texte von Menschen fand, die, kaum Eltern geworden, plötzlich das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sich entdeckten. Von mir ehrfürchtig verehrte Schreibende erlagen diesem Drang und gingen irgendwo in den Weiten der Mamablogs und «Cup-Cake-Community» (weil mit der Geburt eines Kindes offenbar auch die Backlust zum Leben erweckt wird) verloren. Item. Ich schreibe jetzt auch darüber. Ich kam über einen grossen Umweg auf dieses Thema, was mich vielleicht so halb entschuldigt.

 

Magdalena Martullo-Blocher kandidiert als Nationalrätin. Diese eigenartige Kandidatur einer ebenso eigenartigen Frau brachte mich dazu, mir den Reporterfilm «Der unaufhaltsame Aufstieg der Magdalena Martullo» anzusehen. Es ist ja eine beinahe vertraute Fremdheit im Leben dieser Unternehmerin, weil sie in eigentlich allen Bereichen konsequent auf der komplett anderen Seite steht. Es war dann auch der Reporter, der mich überraschte. Er fragte die dreifache Mutter, ob es denn als Tochter des SVP-Chefstrategen nicht schwierig sei, nicht daheim am Herd zu stehen, sondern im Büro. Und er fragte das so, also ob Magdalena Martullo ein sehr modernes Familienmodell leben würde.

 

Das tut sie nicht. Später im Beitrag wird nämlich klar, dass ihr Ehemann, irgendwie «selbstständig», häufig den Kindern schaut. Sollte er also tatsächlich Hausmann sein, dann ist das wohl bemerkenswert, aber nicht modern. Es ist tupf das alte Rollenmodell, einfach umgekehrt. Einer/eine arbeitet ununterbrochen und in einer ganz schampar wichtigen Führungsposition, der/die andere bleibt daheim. Mann am Herd ist, so sehe ich das, die genau gleiche Sackgasse wie das Hausfrauendasein.

 

Kompliziert wird es eben auch heute noch, wenn gerne beide Eltern einen spannenden Job hätten, der mehr als nur eine Beschäftigungstherapie ist. #regrettingmotherhood ist Ausdruck davon, ebenso die Neuauflage der Diskussion um einen Vaterschaftsurlaub. Natürlich ist das Fehlen von diesem eines der Grundübel und macht den Mutterschaftsurlaub zum absurden Bumerang. Bleibt nämlich die Frau die 14 Wochen daheim, während der Mann arbeitet (weil er sich, lieber Andrea Caroni von der FDP, keinen unbezahlten Urlaub leisten kann und auch nicht alle Ferientage auf einen Chlapf beziehen will, weil er sonst für den Rest des Jahres nie mehr zum Verschnaufen kommt), passiert genau das, was wir nie wollten: Das alte Rollenbild zementiert sich. Die Mutter, 24 Stunden mit dem Kind zusammen, wird zum Bebe-Profi, der Mann bleibt aussen vor. Immerhin könnte man dieses Problem gesetzlich lösen.

 

Ein anderes eher nicht. Da geht es um die Wand im Kopf. Da geht es erstens darum, dass ein aufgeschlossener Journalist meint, es sei modern, wenn die Frau arbeitet anstatt des Mannes – obwohl dieses Konzept noch immer von einem der beiden verlangt, seine beruflichen Ambitionen zu beerdigen und vom anderen, auf eine wirkliche Beziehung zum Kind zu verzichten. Denn dieses Modell teilt die Verantwortung nicht auf, sondern es schafft die altbekannten Abhängigkeiten. Da geht es zweitens um die Vorstellung, dass ein spannender, verantwortungsvoller Job positiv korreliert mit der Höhe der Präsenzstunden im Büro. Und das wiederum, das führt dann dazu, dass es noch immer mehrheitlich die Frauen sind, die nach der Geburt des Kindes ihr Pensum reduzieren.

 

Da überrascht es auch nicht, dass eine ältere Genossin aus dem Baselbiet selbst in diesen Denkmustern gefangen scheint. Sie rät jungen Frauen zu einer Karriere in der Wirtschaft statt in der Politik, weil erstere besser mit Familie zu vereinbaren sei. Nicht nur der Inhalt entsetzt, sondern vielmehr, dass sie sich nur an die Frauen richtet. Männer scheinen von Familie irgendwie weniger betroffen. Auch in unseren Köpfen ist noch eine Wand.

 

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