Wahlfreiheit

Verschiedene Artikel von Frauen über Frauen oder die Rolle der Frau oder Feminismus oder Ähnliches verärgern mich in letzter Zeit zunehmend. Es gibt zwei Gründe. Der erste: Oft widersprechen sie sich selbst.  So schreibt Sybille Stillhart im Mamablog im Tagi: «Es ist noch gar nicht lange her, wären unsere Mütter als Rabenmütter verschrien worden, hätten sie uns als Kleinkinder in eine Krippe gesteckt, um arbeiten zu gehen.» Ja, denke ich, und schlimmer noch, heute ist es nicht unbedingt besser. Dann kommt folgender Satz: «Heute müssen sich Mütter rechtfertigen, wenn sie wegen ihrer Kinder für eine gewisse Zeit nicht arbeiten können oder wollen oder ihre Kinder nicht schon als Säugling in fremde Obhut geben möchten.» Bin ich jetzt übersensibel oder ist da eine gemeine Wertung im «nicht schon als Säugling» drin? Später schreibt sie, dass es ihr nicht in den Kopf will, dass sich Frauen zusehends den Lebensbedingungen der Männer anpassen und deshalb ein möglichst hohes Pensum arbeiten sollen. Meine Worte, denke ich, dieses neoliberale Modell der ständigen Präsenz am Arbeitsplatz schadet uns. Weiter unten lese ich: «Was aber ist verantwortungsvoller? Im Büro zu sitzen? Oder sich um Kinder zu kümmern? Was macht mehr Sinn?» Warum, denke ich etwas verzweifelt, warum nur diese Frage? Warum die Arbeitstätigkeit gegen das Zusammensein mit den Kindern ausspielen? Und was will sie Müttern wie mir damit sagen, die beides gerne machen, aber eben nur, weil sie beides machen können?

 

In einem anderen Text von Yonni Meier auf Watson ergeht es mir ähnlich. Gerade war anderswo darüber berichtet worden, dass sieben von zehn Frauen in der Schweiz bei der Heirat nach wie vor den Namen ihres Partners annehmen. Es gibt freilich Gründe, warum man das tun kann. Eine Zuhörerin berichtete gerade heute Morgen in der Sendung Treffpunkt, dass sie nun mit dem holländischen Namen ihres Mannes wesentlich bessere Erfahrungen macht als früher mit ihrem eigenen Namen: Milosevic. Ok, dachte ich, das ist ein Punkt. Aber sonst? Ich habe nie verstanden, warum das als Liebesbeweis gelten soll. Yonni Meier würde das auch machen. Aus praktischen und ästhetischen Gründen, aber keinen besonders zwingenden (Milosevic!) – der Name ihres Partners gefalle ihr besser und es sei einfacher, wenn alle in der Familie gleich heissen. Und sie doppelt damit nach, dass sie im Übrigen auch gerne zuhause bleiben möchte, wenn sie dann mal Kinder hat, denn: «Meine Verwirklichung als Frau ist nicht, immer alles zu tun, was ich früher nicht hätte tun können/dürfen, sondern die Freiheit, auszuwählen.» Um die Wahlfreiheit geht es also. «Emanzipation ist in meinen Augen eben genau Freiheit von Zwang, in welche Richtung auch immer», schreibt Meyer weiter. Und das ist das Problem und der zweite Grund für meinen Ärger mit dieser Textsorte. Diese Wahlfreiheit, die so gerne bemüht wird, um eine Rückkehr in alte Rollenbilder emanzipatorisch zu rechtfertigen, ist ein Diskussionspunkt an sich, die Wahlfreiheit selbst jedoch ein Luxus einer Miniminderheit. Von Frauen wie dir und mir.  Wir sind bestens ausgebildet, weiss, leben in einer reichen Stadt in einem der reichsten Länder der Welt und können wählen. Wir sind auch nicht alleinerziehend oder in einer finanziell schwierigen Situation. Wir sind von oben bis unten privilegiert.

 

Für die grosse Mehrheit der Frauen gilt etwas anderes: Sie sind abhängig, arm, ohne Bildung und Perspektiven. Auch bei uns. Darüber würde ich gerne mehr lesen.

 

Andrea Sprecher

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