Vorurteil

Wer eh schon alles zu wissen glaubt, braucht gar nicht mehr genau hinzuschauen.

Natürlich nervts, tagein, tagaus gegen dieselbe nichtzutreffende Zuschreibung wortreich, in Handlungen oder Gegenbeweisführungen von neuem korrigierend und berichtigend eingreifen zu müssen. Besonders wenn die Anstrengung auf taube Ohren oder nur so Semiinteressiertheit für die tatsächliche Komplexität stösst. Im Fall von «Coming Soon» von Soraya Leila Emery erscheint jedwede Liebesmüh von vornherein vergebens, weil die «orientalische Schönheit», also Frau, sowohl mythologisch als kolonialistisch als Trophäenträumerei als erotisierte Fantasie seit Jahrhunderten herumgeistert und entgegen jeder für notwendig erachteten Übereinstimmung mit Realitäten auch noch für schmeichelhaft angesehen wird. Das Ziel der Kritik also zuallererst auf Unverständnis stösst. Jean-Auguste Ingres Gemälde «La grande Odalisque» und Claudio Monteverdis Oper «L’Arianna» bilden die kulturellen Eckwerte, gegen die sich Soraya Leila Emery entgegen jeder Wahrscheinlichkeit auf Wirkmachtveränderung mit Haut und Haar auflehnt und dabei unverschämterweise gleich noch Freude, Witz und Koketterie an den Tag legt. Also all das, was der imaginierten Figur des Rückenakts, deren Rolle mit der «zum Schlafgemach gehörende» umschrieben werden kann, genauso verwehrt blieb wie ein Anrecht auf irgendeine Selbstbestimmung der mythologischen Ariadne, seis in der Wahl ihres Liebsten oder der Würdigung ihres stupenden Einfalls zur Errettung von Theseus. Der Held ist männlich. Und weil das so ist, muss es so sein. Und vor allem bleiben. Über Jahrhunderte, festgefahren in für selbstverständlich gehaltenen Grundüberzeugungen, die keinerlei Hinterfragung bedürfen. Irgendwann bald vielleicht, so lässt sich der Titel der rituellen Befreiungsperformance von Soraya Leila Emery unschwer übersetzen, wird eine solch denkbequeme Vorverurteilung einer Frau mit nichteuropäischem Äusseren nicht mehr so simpel möglich sein. Wenn sich nur wer wehrt.

«Coming Soon», 27.3., Tanzhaus, Zürich.

(P.) S. O. S. !

P.S., die letzte linke Zürcher Lokalzeitung, ist existenziell bedroht. Wir brauchen Ihre Unterstützung.