von Vonn zum Zuviel

Ich war ja auch ein dickes Mädchen. Also eigentlich nicht dick, nur etwas rundlich. In meinem ganzen Leben brachte ich maximal zwölf Kilo mehr auf die Waage, als ich haben wollte. Ich bin nie gehänselt worden. Hässlich fühlte ich mich trotzdem, und ohnmächtig, machtlos dem Sirenengesang des Essens ausgeliefert. Wenn ich heute Fotos meines pausewangigen Jugend-Ichs betrachte, empfinde ich etwas zwischen Scham und Mitleid. 

Die Teeniemode meiner Jugendzeit kam mir sehr entgegen: Zunächst warn wir Hippies, dann Popper, dann Waverinnen. Wir trugen Wallekleider, Clochard-, Rüebli- und Latzhosen und später meistens Schwarz. Wer kein Geld für den aufkommenden Markenfimmel hatte, konnte das mit apartem Geschmack, Secondhandkleidern und Nähgeschick wettmachen. Ich wage nicht, mir auszudenken, wie desaströs es für mein wackliges Selbstbild gewesen wäre, hätte ich mich, wie heutige Schulmädchen, in sexy Kinkerlitzchen Tag und Nacht auf Social Media in Szene setzen müssen…

Als meine Schwester von ihrem Austauschjahr in Amerika zurückkam, brachte sie (neben zehn Kilo Hüftgold) Susie Orbachs «Anti-Diät-Buch» mit. Das war meine erste Begegnung mit der Body-Positivity-Idee. Sofort liess ich jede Diät fahren und übte mich im Akzeptieren meiner Kurven. Und dann kam Techno, und mein Problem löste sich quasi von selbst (oder auch nicht): Mit dem Durchtanzen ganzer Wochenenden habe ich wahrscheinlich mein Sportpensum etwa verdreifacht und passte plötzlich in fancy Kleidli hinein. Damals dämmerte mir aber auch, dass ich einfach das eine Suchtverhalten durch mehrere andere in Schach hielt. Tanzen reimt sich ja bekanntlich auf Substanzen (die meist auch appetithemmend wirken). Dass mich zwei einschneidende Lebensereignisse aus diesem Lifestyle herauskatapultierten, war wohl mein Glück, aber Essen wurde wieder zum Problem.

Den ‹missing link› fand ich erst vor wenigen Jahren: Ich habe ein suchtanfälliges Gehirn und sollte auf süchtig machende Nahrungsmittel verzichten. Seither lebe ich ohne Zucker und Mehl, habe kaum noch Fressanfälle, und am Rest arbeite ich noch. Mein Fazit: Dramatisieren hilft ebenso wenig wie bagatellisieren. Natürlich ist Body-Shaming (wie aktuell gegenüber Lindsey Vonn, die es wagt, auf ihrem durchtrainierten Körper ein paar Gramm Fett zur Schau zu stellen) ein No-Go. Aber wer sich in Zeiten grassierender Fettsucht rund und xund fühlt, deckt vielleicht ein tiefer liegendes und schwer­wiegenderes, auch gesellschaftliches Problem zu: Zuckrige und mehlige Speisen sind das heutige Opium für das arme Volk. Diabetes steigt gerade zur Volkskrankheit Nummer Eins auf (abgesehen von der Pandemie). Let them have cake? Der Zynismus dieses Mottos liegt heute ganz woanders.

Dasselbe denke ich vom medialen Diskurs zu Kleiderordnungen an Schulen, der gerade befindet, Mädchen sollten in Hotpants zur Schule kommen dürfen. Natürlich bin ich gegen ein Verbot oder gar das Anprangern der Trägerin. Aber ich würde auch nie bei Hooters essen gehen und halte aufreizende Kleidung an sexuell Unmündigen nicht für ein selbst-, sondern ein fremdbestimmtes Statement, dem das Begehren zugrunde liegt, in eine übersexualisierte Weiblichkeitsnorm zu passen. Die Hotpants sind, genau wie jugendliche Fettleibigkeit, Symptome, die wir Erwachsenen ernst nehmen sollten – z. B. mit einem wohlwollenden Gespräch… 

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