- Kultur
Von suchend bis selbstsicher
Selbstorganisation bedeutet auch für Spitzensportler:innen wie die Balletttänzer:innen am Opernhaus Zürich einen freiwilligen Mehraufwand, der die Abläufe des Regelbetriebes nicht tangieren darf. Das gilt nicht nur für die Choreographierenden selbst, sondern auch sämtliche ihrer darin verpflichteten Tänzer:innen. Bis vor zwei Jahren traf die von Christian Spuck 2013 unter dem Label «Junge Choreograph:innen» wieder eingeführte Tradition einer komplett offenen Spielwiese, die unter der neuen Leitung von Cathy Marston in «Next Generation» umbenannt wurde, bei den Ensemblemitgliedern des Ballett Zürich wie des Junior Ballett auf ein erfreulich grosses Interesse. Meist reihten sich an den Präsentationsabenden rund ein Dutzend Arbeiten aneinander, was von der baren Dauer von gegen drei Stunden eine Herausforderung darstellte, dafür im Gegensatz eine enorm schön grosse Bandbreite davon ablieferte, nach welchen Ansätzen und Einfällen in dieser international zusammengesetzten Truppe insgesamt gesucht werden wollte. Insofern wars ein Spiegelbild sowohl für die Stimmung, den Zusammenhalt im Team als auch bezüglich einer Aufdatierung der Interessenlage dieser jungen Leute. In diesem Jahr standen überraschenderweise nur gerade fünf Choreographien auf dem Programm. Eine Erklärung für diesen Schwund war über die offiziellen Informationskanäle der Pressereferentin nicht in Erfahrung zu bringen. Fest steht: Die Aufmerksamkeit für eine Einzelarbeit wird damit genauso erhöht, wie handkehrum die Muthürde, daran mit einem vielleicht noch nicht gänzlich ausgefeilten Expirement ins Rampenlicht treten zu wollen. Die Kurzweil – unabhängig von der Dauer des gesamten Abends – und die Vielfalt sind bei einem grösseren Feld an Teilnehmenden potenziell grösser.
Grosser Ernst
Ohne direkt eine Wertung damit in Verbindung bringen zu wollen, lässt sich anhand der Grundtonalität in dieser Auswahl – im Vergleich zur Veränderung auf der grossen Bühne seit dem Leitungswechsel – feststellen, dass übermütiger Jux und Tollerei als massgeblicher Ansporn praktisch verschwunden sind. Selbst allfällige ironische Seitenhiebchen. Bis auf «The Order» von Breanna Foad, worin Ruka Nakagawa als Kellnerin zwischen den unmöglich kaprizierten Sonderwünschen des herrisch-schnippischen Gastes (Greta Calzuola) und der leisen Steigerung der Empörung bis zum Tobsuchtsanfall des Kochs (Lucas van Regensburg) regelrecht zerrieben wird, gibts in dieser Auswahl wenig Anlass zur Belustigung. Ebenfalls recht unverblümt einer hollywoodesken Narration – mit einer deutlichen Anlehnung an das ganz grosse Cinemascope-Format – bedient sich Max Richter für «The Decision», einer Auseinandersetzung mit Handlungskonsequenzen. Das hohe Aufkommen an regelrecht pantomimisch inszenierten und damit überdeutlich gemachten Regungen, steht neben der eigentlichen Ausdrucksform des Tanzes, zumindest in diesem Entwicklungsstadium noch für etwas tendenziell eher Befremdliches. Im Sinne eines nicht vollständigen Vertrauens darauf, dass ein Publikum sehr wohl zwischen den Zeilen zu lesen in der Lage wäre, respektive als Ausdruck einer gefühlten Beschränkung in der Trefflichkeit des allein tänzerischen Vermögens einer durchschlagenden Verständlichmachung. So unhierarchisch nebeneinander gestellt, scheinen sich die beiden Elemente mehr im Weg zu stehen, als sich zu ergänzen. Simpel im Sinn einer bis zuletzt durchexerzierten Idee, ist Carla Reynes’ Auseinandersetzung mit der Zeit respektive dem menschlichen Anzeigegerät einer Uhr in «Entre-temps». Die Choreographie ist stimmig und stark rhythmisiert, von Wiederholungen geprägt und vermittelt einen hartnäckigen menschlichen Irrglauben recht schön, die Zeit in ihrer stoischen Gleichförmigkeit in irgendeiner Weise überlisten zu vermögen. Wonach Druck, Hetze, Eile zielführend wären.
Ambitioniert
«Nexus» von Jada Bryant erfüllt in aller Kürze das Bild einer spielerischen Fingerübung, die Freude und Erregung spürbar werden lässt, am deutlichsten. Die Annäherung zweier Individuen, auf allen Ebenen der Kommunikation ein konstantes Wiederabwägen und Neujustieren, erfährt hier eine vielgestaltige Auslegeordnung. Deutlich am ambitioniertesten ist «What is left behind» von Shelby Williams und Jorge García Pérez. Ein dramaturgisch mehrstufiges Handlungsballett, das unter dem effektvollen Einsatz eines schwarzen Fallschirmstoffes eine Art Übertritt in den Hades thematisiert. Wobei die Düsterheit der Unterwelt allein vom Licht und den Farben evoziert wird, während sich auf der tänzerischen Ebene eine Art Hoffnung in einer paradiesischen Vorstellung eines Nichtmehrseins gegen jede Fremdvereinnahmung zu erwehren sucht. Mangels einer Vergewisserbarkeit dessen, was mutmasslich tatsächlich warten könnte, bleibt aber dieser Balanceakt auf eine sehr selbsterklärende Weise bis zuletzt in der Schwebe und nimmt damit das Publikum aktiv in die Pflicht. Ausdruck einer Selbstsicherheit.
«Next Generation», 3.7., Probebühne, Opernhaus, Zürich