Von Selbstgenügsamkeit und Selbstüberschätzung

Elisabeth Joris hat als eine der Ersten die Frauengeschichte der Schweiz erforscht. Im Gespräch mit Fabienne Grimm erklärt die Historikerin, wieso das Jubiläum «50 Jahre Frauenstimmrecht» in erster Linie ein Grund zum Nachdenken ist.

 

Am 7. Februar 1971 sagte die männliche Stimmbevölkerung endlich Ja zum Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene. Erinnern Sie sich noch an diesen geschichtsträchtigen Tag?

Elisabeth Joris: An den 7. Februar 1971 habe ich eigentlich keine grosse Erinnerung. Ich lebte zu dieser Zeit in Zürich und studierte Geschichte. Damals war ich bereits seit einigen Jahren politisch interessiert und engagiert. Das Frauenstimmrecht war mir sehr wichtig, aber es war für mich eigentlich selbstverständlich, dass diese Abstimmung an die Urne kommt und angenommen wird. Das hat damit zu tun, dass ich zu dieser Zeit noch im Wallis angemeldet war. Der Kanton Wallis hatte das Frauenstimmrecht, ebenso wie Zürich, bereits ein Jahr zuvor eingeführt. Ausserdem hatten wir zuhause immer Westschweizer Zeitungen, da mein Vater Unterwalliser war. In der Westschweiz wurde das Frauenstimmrecht teilweise bereits 1959 eingeführt.

 

Gerade einmal 50 Jahre sind seit der Einführung des Frauenstimmrechts vergangen. In Europa haben nur Portugal und Liechtenstein das Frauenstimmrecht später eingeführt. Ist das Jubiläum «50 Jahre Frauenstimmrecht» trotzdem ein Grund zu feiern oder müssen uns die 50 Jahre eher nachdenklich stimmen?

Wir müssen die Kämpferinnen feiern, die sich jahrzehntelang für die Einführung des Frauenstimmrechts eingesetzt haben. Ansonsten bietet das Jubiläum aber eher die Gelegenheit, darüber nachzudenken, warum das Frauenstimmrecht in der Schweiz so spät eingeführt worden ist. Hat es etwas mit unserem System zu tun? Hat es mit den Grundhaltungen der Schweizer zu tun? Und was hat die späte Einführung des Frauenstimmrechts heute für eine Bedeutung? Gibt es Nachwirkungen? Sich zu diesen Fragen Gedanken zu machen, erscheint mir in diesem Zusammenhang essenziell. Die späte Einführung als etwas Grossartiges zu feiern, finde ich verfehlt. Angesichts des Zeitpunkts der Einführung ist es eher zum Heulen.

 

Weshalb kam das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst so spät? Lag es bloss an der direkten Demokratie, wie vielfach behauptet wird, oder macht man es sich damit zu einfach?

Viel zu einfach! Die direkte Demokratie hat sicher dazu beigetragen. Sie war aber nur ein Element unter vielen. Wichtig ist unter anderem die Tatsache, dass die Regierung in der Schweiz nie den Kampf für das Frauenstimmrecht aufgenommen hat. Bei der Abstimmung von 1959 fehlte ein klares Bekenntnis der Regierung. Wenn sich der Bundesrat damals so für das Frauenstimmrecht eingesetzt hätte, wie Justizministerin Karin Keller-Sutter im letzten Herbst gegen die Konzernverantwortungsinitiative, dann wäre das Resultat vielleicht ein anderes gewesen. Auch das Parlament hat bis 1970 nichts unternommen, um das Frauenstimmrecht zu puschen. Die Vorlage von 1959 kam im Parlament nur durch, weil sich einige Parlamentarier ihrer Stimme enthielten und ein anderer Teil Ja sagte, in der Annahme, das Volk werde Nein stimmen. In anderen Ländern war die Situation diesbezüglich anders. Die neue revolutionäre Regierung in Russland führte das Frauenwahlrecht bereits 1917 ein. Auch im neuen Deutschland nach 1918 war klar, dass man das Frauenwahlrecht will.

 

Wollten die männlichen Schweizer Politiker ihre Macht nicht teilen?

Es geht vor allem um Inklusion. Man wollte die Frauen nicht dabeihaben. Die ganze Struktur hatte etwas sehr Männerbündisches. Man wollte, dass die Politik weiterhin in Beizen, in Vereinen, usw. abläuft. Orte, wo Männer unter sich sind, wo man trinkt, wo man sich gegenseitig unterstützt, wo man alte Seilschaften pflegt. Hinzu kommt, dass die Schweizer Männer in einer grossen Selbstgenügsamkeit und Selbstüberschätzung die Geschichte umgedeutet haben.

 

Inwiefern?

Man kreierte den Mythos, die Schweiz sei aufgrund des Wehrwillens der Schweizer Männer vom Kriege verschont geblieben. In der Nachfolge von Wilhelm Tell verstand man den Unabhängigkeitswillen als definierendes Merkmal des politischen Systems der Schweiz. Der Mann ist in dieser Vorstellung für die Verteidigung zuständig und staatsbürgerliche Rechte sind an die Wehrpflicht gekoppelt. Das Narrativ erzählt die Geschichte so, dass die Schweiz aufgrund dieser Einzigartigkeit, dieser Verknüpfung von Wilhelm Tell und dem Recht auf Mitbestimmung, nicht angegriffen wurde. In dieser Vorstellung zeigt sich die Selbstherrlichkeit der Schweizer Männer. Anstatt sich zu sagen, die Schweiz sei eines der letzten Länder auf der Welt, das das Frauenstimmrecht noch nicht eingeführt hat, sagt man sich: «Wir sind die Besten.» Nicht zu vergessen ist auch die in den 1950er-Jahren vorherrschende Logik des Kalten Krieges.

 

Welchen Einfluss hatte diese auf das Frauenstimmrecht?

Zu dieser Zeit war man der Auffassung, dass alles Schlechte vom Sozialismus und Kommunismus kommt. In diesem Sinne hat man dann auch das Frauenstimmrecht eingeordnet. Die Emanzipation der Frau wurde mit dem Kommunismus und dem Sozialismus in Verbindung gebracht.

 

Sie sprachen Russland und Deutschland an. In beiden Ländern kam es vor der Einführung des Frauenwahlrechts zu Zäsuren. Hat dies die Einführung begünstigt? 

Ja, denn in Ländern, in denen es zu einem Bruch kam, gab es einen Neuanfang. In Deutschland und Österreich geschah dies aufgrund des Ersten Weltkrieges, in Russland aufgrund des Krieges und der Revolution. Frankreich und Italien waren nach dem Ersten Weltkrieg unter den Siegernationen. In diesen Ländern erfolgte die Einführung des Frauenwahlrechts folglich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In Frankreich kam es mit der Libération, also dem Ende des faschistischen Vichy-Regimes, zu einem Neuanfang, in Italien mit dem Sturz von Mussolini. In der Schweiz fand der Neuanfang bereits 1848 statt. Seither gab es in der Schweiz keine derartigen Brüche mehr.

 

Erstaunen mag, dass es auch 1971 noch immer viele Frauen gab, die sich gegen das Stimmrecht geäussert haben. Was waren ihre Beweggründe?

Es waren nicht viele Frauen, aber sie waren lautstark. In den 1950er-Jahren hat man in Zürich und Basel Probeabstimmungen gemacht. Dort zeigte sich, dass sich eine klare Mehrheit der Frauen für das Frauenstimmrecht aussprach. Aber natürlich gab es ein paar Frauen, die dagegen waren und die sich in das patriarchale konservative System einspannen liessen. Fast immer waren diese Frauen verheiratet, oftmals mit Politikern. Diese Frauen mussten das Stimmrecht auch nicht zwingend haben, denn sie verfügten auf anderen Ebenen über Einfluss. Doch mit ihrer Argumentation, Frauen können über den Einfluss auf ihre Söhne und Ehemänner mitbestimmen, schlossen sie alle Frauen aus, die nicht in dieser Heteronormativität lebten.

 

Unverheiratete Frauen?

Genau. Unverheiratete Frauen existierten in der Argumentation der GegnerInnen des Frauenstimmrechts nicht. Es wurde gar nie bedacht, dass alle Frauen, die nicht in einem Familiensystem leben, a priori keine Stimme hatten. Unverheiratete Frauen wurden also nicht nur in der Berufswelt generell diskriminiert, da Frauen einfach weniger Lohn und weniger Aufstiegsmöglichkeiten hatten, sondern auch, weil sie sich nicht ins Schema der Ehe, in der ja bis 1988 das Patriarchat galt, eingliedern liessen.

 

Während die GegnerInnen 1959 noch Erfolg hatten, wurde die Vorlage von 1971 angenommen. Was war diesbezüglich ausschlaggebend?

Auch hier kommen verschiedene Dinge zusammen. Einerseits sind im Rahmen der 68er-Bewegung viele junge Frauen auf die Strasse gegangen. Im Fokus dieser Frauen stand damals gar nicht mehr unbedingt das Frauenstimmrecht, sondern andere Themen, wie beispielsweise der straflose Schwangerschaftsabbruch. Man orientierte sich an einer neuen feministischen Bewegung. Dass es das Frauenstimmrecht nicht gab, war damals schlicht ein Anachronismus. Als dann der Bundesrat die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) aufgrund des fehlenden Frauenstimmrechts nur mit Vorbehalt unterschreiben wollte, haben die Frauenrechtsorganisationen geschlossen opponiert. Der legendäre Marsch auf Bern fand statt und unzählige Reportagen berichteten über das Thema. Da konnte man nicht mehr warten. Die Schweiz hat sich als modernen Staat verstanden. Man wollte nicht nach aussen als altväterisch und im Verbund mit Saudi-Arabien wahrgenommen werden. Man war plötzlich erschrocken darüber, was für ein Bild die Schweiz nach aussen hin abgibt. Da hat sich dann auch die Wirtschaft für das Frauenstimmrecht ausgesprochen.

 

Man fürchtete also um das eigene Image?

Ja und insofern kam das Frauenstimmrecht auch nicht aus einer inneren Überzeugung. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass man 1971 zwar ja gesagt hat, aber 15 Jahre später, bei der Einführung des neuen Eherechts, das die Gleichstellung in der Ehe verlangte, eine Mehrheit der Männer Nein stimmte.

 

Die Coronapandemie hat Gleichstellungsfragen wieder auf den Tisch gebracht. Oftmals waren es die Frauen, die im Home-Office auch noch den Haushalt schmeissen und sich um die Kinder kümmern mussten. Sehen Sie in der Pandemie einen Rückschlag für die Gleichstellung?

Ich würde es nicht als Rückschlag bezeichnen. Es ist einfach eklatant zum Ausdruck gekommen, was immer da war. Paare, die bereits vor der Pandemie ihre Betreuungspflichten aufgeteilt hatten (und das war eine klare Minderheit), haben dies während der Pandemie auch weitergeführt. Aber weil bei der Mehrheit der Paare vorher die Hauptverantwortung immer bei den Frauen lag, hat sich dies während der Coronapandemie wieder stark ausgewirkt. Muster, die bereits vorher da waren, kamen in dieser erschwerten Situation extrem zum Tragen. Das muss man reflektieren. Es zeigt genau, wie die Strukturen auch heute noch sind.

 

Würden Sie sagen, dass sich die Mentalität und die Strukturen seit 1971 nicht grundlegend verändert haben?

Es hat sich seit 1971 enorm viel verändert. Vorher war es nicht selbstverständlich, dass verheiratete Frauen mit Kindern erwerbstätig sind. Das ist heute eigentlich die Normalität. Aber in den Grundstrukturen der Verantwortlichkeit hat sich nicht viel verändert. Die Doppelbelastung der Frauen hat zugenommen. In diesem Zusammenhang fällt der Fokus auf die unbezahlte Care-Arbeit. Die Bezahlung der Hausarbeit muss wieder auf der Agenda stehen. Dies hat die Pandemie deutlich gezeigt.

 

Ist die Coronapandemie also vielleicht sogar eine Chance?

Ich bin skeptisch, aber man könnte es als Chance wahrnehmen. Doch leider sind die Verdrängungstendenzen eher grösser als die Chancen. Vielleicht ist es eine Chance. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Anstrengungen, die im Kontext der Konzernverantwortungsinitiative oder der Klimastreiks geleistet wurden, stärkere Auswirkungen haben.

 

Noch immer wurden viele Forderungen der Frauenbewegungen der vergangenen Jahrzehnte nicht erfüllt, z.B. in Bezug auf Lohngleichheit. Wo sehen Sie in Zukunft die grössten He­rausforderungen?

Meiner Meinung nach sind die Probleme der Zukunft alle eingebettet in eine globale Frage der Verantwortlichkeiten. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir eine Wirtschaft und eine Politik herstellen können, in der Verantwortlichkeit, und zwar in einem globalen Sinn, im Vordergrund steht. Bei allen Entscheidungen, die wir treffen, müssen wir uns überlegen, welche Auswirkungen diese in Bezug auf den sozialen Kontext, auf das Klima und auf das Wohlbefinden von allen haben. Ich nenne das «ein Handeln in Bezüglichkeiten». Wir müssen weg von dem linearen Fortschrittsdenken. Es muss eine transnationale Wertorientiertheit der Bezüglichkeit und Verantwortlichkeit geben. Alles was ich mache ist eingebettet in Verhältnisse und hat Auswirkungen, für die ich Verantwortung übernehmen muss.

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