Von Fussverkehr bis Fundraising viel zu tun

Seit Anfang Jahr ist Aline Trede Geschäftsführerin des Vereins UmverkehR. Welche Schwerpunkte sie dort setzen will, erklärt die ehemalige Nationalrätin der Grünen im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Sie sind nicht Verkehrsplanerin, sondern Umweltwissenschafterin ETH: Was hat Sie am Job bei UmverkehR gereizt?

Aline Trede: Beim Verein UmverkehR engagiere ich mich bereits seit 2014 als Co-Präsidentin, und vor meiner Zeit als Nationalrätin der Grünen arbeitete ich während fünf Jahren beim Verkehrsclub der Schweiz (VCS). Dort war ich als Projektleiterin im Bereich Verkehr zuständig für die erfolgreiche Initiative für den öffentlichen Verkehr. Ich leitete die entsprechende Kampagne während der Sammelphase.

 

Erfolgreich? Diese Initiative wurde doch zurückgezogen.

Ja, weil mit dem direkten Gegenvorschlag des Bundesrats für «Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur» (FABI) eine Vorlage zur Abstimmung gelangte, die ebensoviele Gelder für den öffentlichen Verkehr generiert, wie es die Initiative getan hätte. Ohne unsere Vorarbeit hätte der Bundesrat die FABI-Vorlage kaum so vorteilhaft ausgestaltet.

 

Aber beim VCS blieben Sie dennoch nicht?

Ich wurde damals zum ersten Mal Mutter und bin zudem in den Nationalrat nachgerutscht. Daneben auch noch beim VCS zu arbeiten, war zu viel. Ein Nationalratsmandat gibt ziemlich viel zu tun, insbesondere, wenn man Mitglied einer kleinen Fraktion ist: Anders als grössere Fraktionen, bei denen jede Kommission ihr eigenes Fachsekretariat hat, teilte sich bei uns die ganze Fraktion zwei Fachsekretärinnen. Das führt unweigerlich dazu, dass man vieles selber machen muss.

 

Als Sie nach zweieinhalb Jahren nicht wiedergewählt wurden, hatten Sie sicher verschiedene Möglichkeiten: Warum entschieden Sie sich für den Job als UmverkehR-Geschäftsführerin?

Es war ein Zufall, dass die Stelle überhaupt genau zum richtigen Zeitpunkt frei wurde: Mein Vorgänger Philippe Koch bekam damals das Angebot, als Dozent für Stadtforschung am Institut Urban Landscape der ZHAW zu arbeiten. Da ich bereits Co-Präsidentin war und eine neue Stelle suchte, lag es nahe, mich zu bewerben.

Von meiner Anstellung profitiert der Verein insofern, als ich mich bereits auskenne, mich also nicht erst gross einarbeiten musste – und ich selbst bekam eine spannende 60-Prozent-Stelle.

 

Der Verein UmverkehR ist in Zürich beheimatet, Sie wohnen in Bern: Ist das kein Nachteil?

Nein, in Zeiten des ‹Home Office› ist das kein Thema mehr, im Gegenteil: Es ist insofern sogar ein Vorteil, als dass ich auch für die UmverkehR-KoordinatorInnen in der Romandie zuständig bin. Wenn ich vor Ort zu tun habe, ist Bern als Ausgangspunkt praktisch, egal, ob ich nach Zürich oder nach Genf muss.

 

Was hat Sie an der Arbeit für UmverkehR besonders gereizt?

Umverkehr ist eine kleine Organisation, der Verein ist nicht so bürokratisch. Wir können schneller auf Aktuelles reagieren als grössere Organisationen, und Guerilla-Aktionen sind möglich. Das gefällt mir sehr.

 

Und was gefällt Ihnen weniger?

Das Problem kleiner Organisationen ist stets dasselbe: Man hat viel mehr Ideen als Ressourcen, um sie zu verwirklichen. Bei UmverkehR gibt es heute total 220 Stellenprozent, und angesichts dessen sind wir gut unterwegs, finde ich. Aber vieles liegt halt trotzdem nicht drin.

 

Sie können das ja ändern…

Eines meiner Ziele ist es, das Fundraising zu verbessern. Wir haben bereits damit begonnen und uns auch Unterstützung bei einer Spezialistin für Fundraising für Non-Profit-Organisationen geholt. Erste Erfolge können wir bereits verbuchen.

 

Zum Beispiel?

Die Kampagne «Rettet den Nachtzug!» war super. Wir haben etwa doppelt soviele Spenden dafür erhalten, wie wir uns erhofft hatten, und wir konnten auch einige Neumitglieder gewinnen.

 

Wie viele?

Rund fünf Prozent. Wir haben jetzt über 3500 Mitglieder und gesamthaft etwa 10 000 SympathisantInnen. Die reine Mitgliederzahl ist allerdings nicht mehr so wichtig wie früher.

 

Weshalb?

Es ist heutzutage so, dass viele Leute eher für bestimmte Aktionen spenden – oder auch regelmässig für ein- und denselben Verein –, ohne aber Mitglied zu werden. Wir haben treue SpenderInnen, die nicht Mitglieder sind, die wir aber wie solche pflegen. Wer regelmässig höhere Beträge spendet, wird beispielsweise einmal pro Jahr zu einem GönnerInnen-Essen eingeladen.

 

Früher hatte Umverkehr als national tätiger Verein einige Regionalgruppen; heute scheint er vor allem in Zürich aktiv zu sein – oder täuscht der Eindruck?

Wir sind tatsächlich eher Zürich-zentriert; aus der Romandie ist beispielsweise zurzeit niemand im Vorstand. Die Regionalgruppe Luzern ist recht aktiv, jene in Basel war stark präsent während der Städteinitiative-Kampagne. In Bern wiederum gibt es keine Regionalgruppe, da es dort bereits einige kleinere Vereine hat wie beispielsweise «Läbigi Stadt», die zumindest einen Teil der Ziele von UmverkehR ebenfalls verfolgen. Grundsätzlich ist es schon so, dass sich die Leute vor allem mobilisieren lassen, wenn Unterschriftensammlungen, Volksabstimmungen oder sonstige konkrete Vorhaben anstehen.

 

In der aktuellen Mitgliederpost mangelt es nicht an Ideen: Es liegt ein Unterschriftenbogen der Volksinitiative «Zersiedelung stoppen» bei, es wird zum Kampf gegen die Milchkuh-Initiative geblasen, die Rettung der Nachtzüge ist noch nicht geschafft, und der Fussverkehr soll verbessert werden. Was packen Sie als erstes an?

Die Zersiedelungsinitiative unterstützen wir lediglich ideell, aber über die Milchkuh-Initiative wird bereits im Juni abgestimmt. Der VCS übernimmt den Lead der Nein-Kampagne, und inhaltlich sind wir uns ja einig: Wenn sich die AutofahrerInnen als ‹Milchkühe› sehen, die über Gebühr gemolken werden, müssen wir den Stimmberechtigten aufzeigen, was die Allgemeinheit ihnen alles bezahlt. Darunter fallen beispielsweise die externen Kosten für die gesundheitlichen Folgen der Abgase und des Lärms oder für Schäden an Gebäuden. Die übernehmen wir alle, auch wenn wir selber nicht Auto fahren, und wir reden von der stolzen Summe von 1,5 Milliarden Franken pro Jahr – Geld, das anderswo eingespart werden muss, namentlich bei der Bildung, der Landwirtschaft, dem öV und dem Militär. Kurz: Würden die AutofahrerInnen nicht einfach ausblenden, wie stark sie von der Allgemeinheit unterstützt werden, wären sie nie darauf gekommen, die Milchkuh-Initiative zu lancieren.

 

Wie geht es mit den Nachtzügen weiter?

Dass die Deutsche Bahn die Nachtzüge aufgibt, steht fest. Zurzeit sieht es jedoch so aus, als ob die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB einspringen würden, wobei sie allerdings kaum alle Linien übernehmen würden, sondern vor allem jene, die ihrer Kundschaft am nächsten sind. Wir bleiben aber auf jeden Fall am Thema dran und versuchen, die SBB davon zu überzeugen, sich zu beteiligen, falls die ÖBB das Nachtzugs-Angebot tatsächlich weiterführen. Sollte das nicht der Fall sein, wird man unsern Protest deutlich vernehmen.

 

Und wie kommen Sie auf den Fussverkehr – dafür ist doch Fussverkehr Schweiz zuständig?

Den Fussverkehr haben wir zu unserem Hauptthema fürs laufende Jahr bestimmt. Selbstverständlich geht es nicht darum, Fussverkehr Schweiz zu konkurrenzieren; wir werden zusammenarbeiten. Unser Ziel fürs 2016 lautet, einen schweizweiten Fussverkehrs-Test durchzuführen. In Zürich beispielsweise führt uns Professor Klaus Zweibrücken in einer ersten Pilotbegehung mit kritischem Blick durch Quartierstrassen, vom Hauptbahnhof bis zum Gemeinschaftszentrum Schindlergut. Weitere Tests folgen in den fünf grössten Städten.

 

Was ist das Ziel des Fussverkehrs-Schwerpunkts?

Zuerst einmal geht es um einen Überblick. Zusammen mit den regionalen Fussverkehrsorganisationen wollen wir aufzeigen, dass der Fussverkehr auf der Prioritätenliste der Städte ziemlich am Schluss steht, ja manchenorts kaum beachtet wird: Mal stellen Läden ihre Plakate oder Dekorationen mitten aufs Trottoir, mal dient es auch als Veloweg, mal verstellen es Beizen mit Tischen und Stühlen. Man hat den Eindruck, als würde kaum auf die FussgängerInnen geachtet, dabei erbringen sie eine riesige ‹Verkehrs›-Leistung.

 

Und wie lässt sich die Fussgängertauglichkeit von Städten vergleichen?

Wir werden Pilotrouten für FussgängerInnen definieren, diese abmarschieren und dabei aufzeigen, wo unserer Ansicht nach die Politik und/oder die Verwaltung Massnahmen ergreifen müssten. Eine flächendeckende Erfassung ist natürlich nicht möglich. Um die Vergleichbarkeit dennoch zu ermöglichen, werden wir in den verschiedenen Städten ähnliche Wege abschreiten, beispielsweise vom Bahnhof ins Zentrum eines Wohnquartiers. Wir werden ein Tool entwickeln, das es allen Interessierten erlaubt, selbstgewählte Routen abzulaufen und dabei jene Stellen zu erfassen und den Behörden zu melden, an denen aus ihrer Sicht eine Massnahme nötig wäre.

 

Die erfolgreichen Städteinitiativen von UmverkehR forderten allerdings nicht nur mehr Fuss-, sondern auch mehr Veloverkehr…

Selbstverständlich geht bei uns das Velo auch 2016 nicht vergessen. Wir legen den Fokus einfach für einmal auf die FussgängerInnen. Die Städteinitiativen harren nach wie vor der Umsetzung, und wir halten den Finger drauf und verfolgen genau, was gemacht wird und was noch fehlt. In Zürich planen wir beispielsweise im September eine Veranstaltung mit Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger, an der die Umsetzung der Städteinitiative im Zentrum stehen soll.

 

Umverkehr ist bekannt für witzige Aktionen im öffentlichen Raum, wobei früher Basismitglieder einiges selbst auf die Beine stellten. Dies ist heute weniger der Fall – oder täuscht der Eindruck?

Es ist schon so, dass früher, als es noch kein Sekretariat mit fest angestellten MitarbeiterInnen gab, praktisch alles von der Basis kam. Heute organisiert das Sekretariat Kampagnen wie auch Aktionen im öffentlichen Raum, doch die Kapazität ist begrenzt, weshalb es auf jeden Fall noch Raum hat für Aktionen, die Basismitglieder in Eigenregie auf die Beine stellen wollen. Häufiger ist es jedoch so, dass das Sekretariat etwas anreisst, wie etwa die Happenings im Pyjama auf dem Perron während der Nachtzugskampagne, und dies den Mitgliedern und SympathisantInnen rechtzeitig ankündigt. Etliche Basismitglieder tauchen jeweils an solchen Anlässen auf und sind voller Elan dabei.

 

Es braucht demnach noch mehr solcher Aktionen?

So allgemein lässt sich das nicht sagen. Fest steht aber, dass viele Leute UmverkehR mit solchen Guerilla-Aktionen in Verbindung bringen und dass diese meist auch eine gute Resonanz in den Medien auslösen.

 

Der Verein UmverkehR geht demnach bestens gerüstet in die Zukunft und hat noch ein langes Leben vor sich?

Das wollen wir doch hoffen! Im Ernst: Wir müssen zurzeit den Generationenwechsel im Auge behalten; in der nationalen Kerngruppe hat es einige, die seit vielen Jahren dabei sind, und auch zwei Vorstandsmitglieder hören noch im März auf. Neue Leute für solche Ämter zu finden, ist nicht gerade einfach. Wir könnten gut ein paar mehr brauchen, die sich bei uns ehrenamtlich engagieren möchten. Wichtig ist zudem nicht nur das stille Vor-sich-hinarbeiten, sondern auch die Vernetzung mit Vereinen wie aktuell Fussverkehr Schweiz, wie anlässlich der Nachtzug-Kampagne mit Pro Bahn Schweiz und der Gewerkschaft SEV oder wie mit dem VCS. Auch dafür braucht es Kapazitäten, sprich Leute, die sich engagieren.

 

www.umverkehr.ch

 

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