Von einst Überlebenden lernen

Hans Steiger

 

Bevor vom 6. bis 18. November im ägyptischen Scharm asch-Schaich die 27. UN-Klimakonferenz tagt und die akute globale Megakrise medial wieder ins Zentrum rückt, hat mich ein eindrückliches Buch gleich im ersten Absatz in das 2180 vor Chr. von Zwist und Hunger geplagte Oberägypten versetzt. Was bringt so eine Lektüre? Viel!

 

In einer aufgeladen feierlichen Prozession schritt der weiss gewandete Nomarch – was kein Druckfehler, sondern eine meiner immensen historischen Bildungslücken war – durch die Massen, vor denen er sich zunehmend fürchten musste. «Unaufhörlich liessen die ihn begleitenden Wachen ihre Blicke nach vorn und nach hinten schweifen, stets auf der Hut vor Speeren und Messern.» Denn es herrschte Hunger. Der vom Pharao für die Region eingesetzte Verwalter hatte die Lebensmittelrationen erneut kürzen müssen. Als der mächtige Mann mit seinen Opfergaben für den Sonnengott den Tempel betrat, wurde gebetet. «Für eine gute Überschwemmung», um die Not der letzten Jahre zu mildern.

 

Noch nie derart rasante Erhitzung

Dies war ein typischer Einstieg. In den folgenden Kapiteln führen die zwei publizistisch wie archäologisch versierten Fachleute ähnlich lebendig in meist weit zurückliegende Epochen und kulturell unterschiedlichste Weltgegenden, um dadurch möglichst plastisch zu zeigen, «wie unsere Vorfahren mit chaotischem Klima zurechtkamen und welche Strategien wir daraus ableiten können». Ich war zuerst misstrauisch. Oft wird ja der Hinweis auf frühere Wechsel von Warm- und Kaltphasen als verwedelnde Phrase genutzt. Sogar der Text auf dem Buchrücken wäre noch verharmlosend zu interpretieren. Doch im Vorwort kommt die Klärung dann deutlich genug: Wir stehen heute völlig neuen Herausforderungen und einer globalen, durch unsere Lebensweise provozierten Krise gegenüber – «die Behauptungen der Klimaleugner haben in diesen Diskussionen keinen Platz». Noch nie sind derartige Prozesse so rasant verlaufen, und die Erhitzung sprengt den bisherigen Rahmen.

 

Aber sind die hier ausgebreiteten Erkenntnisse über vergangene gesellschaftliche Krisen und Anpassungsprozesse bei völlig veränderten Voraussetzungen noch relevant? Dazu wird im bilanzierenden Schlussteil ein britischer Schriftsteller zitiert: «Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, man macht die Dinge anders dort.» Und es gibt kein einfach in unsere Zukunft übertragbares Fazit, kein einheitliches Bild. In der Rückschau werde «die ganze Bandbreite möglicher Verhaltensweisen der Spezies Mensch» sichtbar, «manches davon mutet entsetzlich und ausbeuterisch an. Aber auch aus diesen Handlungen können wir unsere Lehren ziehen». Als besonders wirkungsvoll, um in Notlagen das Überleben von möglichst vielen zu sichern, hätte sich in einer relativ jüngeren Zeit die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene erwiesen. In bei Weitem längeren voragrarischen Geschichtsepochen waren die noch weniger zahlreichen «Jäger und Sammler» flexibler und mobiler, wenn auch in sehr anderer Weise als heute. Sie konnten bei Veränderungen in klimatisch günstigere Gebiete ausweichen. Migration der Gegenwart stösst an oft schwerer überwindbare Grenzen.

 

Woher wissen die das so genau?

Manchmal, wenn Nadia Durrani, die in London anfangs mit arabischer Archäologie befasst war, und Brian Fagan, dem als emeritierter Professor für Anthropologie gleich die gesamte «Urgeschichte unseres Planeten» vertraut scheint, bildhaft ein lange vergangenes Ereignis schildern, taucht zwangsläufig die Frage auf: Woher wissen die das? Sie stützten sich zum einen auf neuste Erkenntnisse aus der Paläoklimatologie. In den letzten Jahrzehnten habe diese Spezialwissenschaft enorm viel zu Tage gebracht. Ergänzend wurde aber auch die «weit gefächerte Forschungsliteratur der Geistes- und Humanwissenschaften» gesichtet, um mit den verknüpften Elementen «eine 30 000 Jahre währende Erzählung» vorlegen zu können. Ein rundum gelungenes Unterfangen. Die kluge und ruhige Argumentation, dank der selbst Visionäres realistisch wirkt, ist im besten Sinne menschlich.

 

Bei den historischen Expeditionen, die übrigens noch etliche Male nach Ägypten führen, aber auch ins expandierende und scheiternde Römische Reich oder zur meist weniger bekannten Indus-Kultur, zu den Maja und nach Afrika, wird speziell die Verankerung von überliefertem Umweltwissen in den diversen Zivilisationen und Religionen geprüft. Wenn dieses missachtet wurde, war das oft ein wichtiger Faktor des Niederganges. Interessant auch die Frage nach dem «Wir», das höchst vielseitig auftaucht. «Wir sind Homo sapiens», der stolze, selbst ernannte «weise Mensch». Ebenso sehr waren wir jedoch «die perfekten Opportunisten», die sich auf gute Beobachtungsgabe, genaue Ortskenntnisse sowie auf gegenseitige Hilfe verliessen – im engeren Familienverbund oder in grösseren Gruppen. Davon hing lang unser Überleben ab. Die ultrakurze jüngste Geschichtsphase hat diese Einbindung vielerorts gelockert, aber ganz lässt uns das Vergangene nie los. Irgendwie «sind wir doch nichts weiter als nackte Affen», wird einmal festgestellt, nachdem von der Sklaverei und vom Kolonialismus die Rede war. Obwohl eine Besinnung auf die örtlichen Gegebenheiten nützlich sein kann: Angesichts globaler Probleme würde die notwendige umfassende Transformation durch «kleinlichen Nationalismus und Parteipolitik» behindert. Das aktuelle Wir-Gefühl, das «jedem einzelnen Menschen neue Macht» verleihen könnte, wäre als «Greta Thunberg-Effekt» zu bezeichnen. Er könnte beim Brückenbau zwischen dem, «was vor uns war», und dem, «was vor uns liegt», helfen. Schön formuliert.

 

Gut wäre zielgerichtete Demokratie

Schönfärberei? Ähnlich wie Thunberg sieht das Buch-Duo unsere Chance in den heute allen zugänglichen wissenschaftlichen Entscheidungsgrundlagen. Aus der Forschung und von einschlägigen internationalen Organisationen wurde «immer und immer wieder vor der Krise gewarnt, der wir uns gegenübersehen. Aber, wie eine erfundene Legende über den römischen Kaiser Nero besagt, wir spielen auf der Harfe herum, während unsere Welt sich rettungslos weiter erwärmt und zu verbrennen droht». Obwohl oft und gern beschworen, gibt es kein ‹global leadership›, das nicht nur wenige Jahre oder Jahrzehnte, sondern die möglichen Entwicklungen über Generationen hinweg bedenkt. Fehlt der Demokratie diese Zukunftsdimension? Dann könnten wir uns an Lehren der Vergangenheit halten, ererbtes Wissen zum Vorausdenken nutzen. Vieles ist noch da, wir müssten es nur hervorholen und bündeln: Anpassungen an sich verändernde klimatische Bedingungen funktionierten am besten lokal, beim zielgerichteten Zusammenwirken als soziale Lebewesen. Dabei konnte Technik, könnten auch neue Technologien helfen. Verhängnisvoll wäre es aber, naiv zu glauben, dass der Klimawandel durch sie in den Griff zu bekommen sei. Auch die Gesellschaft, «die Art und Weise, wie wir regieren und Geschäfte machen», muss sich grundlegend verändern.

 

Als von 2200 bis 1900 v. Chr. wiederholte Megadürren den östlichen Mittelmeerraum in anhaltende Notlagen brachte, hatte Ägypten meist Glück, da seine Herrschaftsgebiete mit ihren fruchtbaren und vom Nil bewässerten Böden innerhalb von sicheren Grenzen lagen. Doch sobald die Nahrungsüberschüsse verpufften, schwand das Vertrauen in die Autorität der Pharaonen, jenen göttlichen Herrschern, die auch Überschwemmungen in ihrer Macht hatten. Nur die regionalen Nomarchen konnten sich Respekt bewahren, wenn sie massiv und rechtzeitig in Bewässerungsanlagen und Getreidespeicher investierten. Aus dieser Verwaltung erwuchs eine gewaltige erbliche Bürokratie, «regelrechte Dynastien höherer und niederer Beamter», welche den Staat offenbar durchaus effektiv regierten. Nein, dies ist kein taugliches Modell für heute, höchstens ein Denkanstoss. Jetzt, wo sich die Klimafachleute und Regierende von weither in der Gegend treffen.

 

Warnbilder mit nur wenig Worten

Schon im letzten Herbst legte Kosmos einen grossformatigen Band vor, der «Zeichen des Klimawandels» aus aller Welt zeigt. Nur dokumentierende Farbfotografien mit knappen Legenden. Ich bezweifelte den Sinn der Produktion; die Presseverantwortliche fand, diese hätte die Chance einer kritischen Beurteilung verdient, und so kann ich nun mein Vorurteil relativieren: «Zerbrechlicher Planet» passt nicht ins private Bücherregal. Aber in öffentliche Bibliotheken und an andere Orte, wo halb Interessierte, die vielleicht nur Schlagzeilen zur Klimakonferenz mitbekamen, zu blättern beginnen und dabei realisieren, dass die sonst meist nur kurz aufblitzenden Meldungen und Katastrophenbilder zusammengehören, dass das Geschehen näher rückt, auch sie betreffen könnte. Da sind etwa «Permafrostkanten» zu sehen, die in Alaska ins Meer abzubrechen drohen, und daneben ein bereits gestürzter «gewaltiger Brocken». Bei uns ist Permafrost ja mit Blick auf Wanderwege, Strassen und Dörfer auch Thema. Und wie weit weg ist eigentlich Zypern, das von 1998 bis 2012 die schlimmste Dürreperiode seit über 900 Jahren erlebt hat? Wo nach einer Umsiedlung nur noch der alte Kirchturm aus dem neuen Stausee ragte, war 2008 das ganze Gebäude zu sehen, als Ruine in weitgehend dürrgelber Umgebung. Traurig schön. Bekannter, trister, dramatischer der Rückgang des Wasserpegels beim Aralsee. Inzwischen weitgehend chemisch verseuchte Wüste, «für die Menschen vor Ort eine grosse gesundheitliche Gefahr». Nie wirken die Aufnahmen voyeuristisch, selbst wo sie Waldbrände oder Überschwemmungen in bewohnten Gegenden festhalten.

 

Der deutsche Wissenschaftsjournalist Fritz Habekuss erhofft sich im einseitigen – ja, eine Seite nur – Vorwort zu dieser aus den USA übernommenen Edition, dass «man begreift und es fühlt, wie ernst die Lage ist». Und er zitiert dazu einen Satz, der bei Gesprächen über die Klimakrise oft fällt: «Wir wissen doch schon genug!» 1990 erschien der erste Bericht des Weltklimarates, und seitdem werden auch jedes Jahr unzählige Fachartikel publiziert. Wir kennen die Fakten. Fotografien könnten deutlicher machen, dass die Apokalypse, vor der wir uns in Mitteleuropa womöglich sogar fürchten, anderswo für sehr viele Menschen längst begonnen hat und wenig Zeit zum Handeln bleibt.

 

Oft zwiespältige Zukunftsvisionen

Vielleicht sollte der im selben Verlag erschienene «Atlas der utopischen Welten» gleich daneben auf dem Büchertisch liegen, um das Gemüt nach dem Alarm mit einem Hauch alter und neuer Visionen aufzuhellen. Auch hier dominieren Bilder. Aber mit mehr Text versehen. Auf dem Cover kommen ökologische wie technologische Elemente aus den ‹Gardens by the Bay› in Singapur zusammen: «Echte Pflanzen»  ranken an «künstlichen Mammutbäumen», die mit Solarzellen ausgestattet sind, um bei Anbruch der Nacht zu leuchten. Gigantisch, aber mit üppigem Grün. 90 Prozent der Unterkünfte im Stadtstaat seien Sozialwohnungen, die Bildung und das Gesundheitswesen exzellent. Schlechter steht es punkto Menschenrechte. Vandalismus wird dort mit Stockschlägen bestraft, Erhängen sei bei Todesurteilen üblich, die Pressefreiheit «in Singapur utopisch». Ein in seiner krassen Zwiespältigkeit keineswegs untypisches Exempel. Auf den folgenden Seiten wird dann Brasilia präsentiert, die «Hauptstadt aus dem Nichts».

 

Auf einer Übersichtskarte sind Orte in allen Kontinenten markiert, die mit dem vom Begriff her eigentlich ortlosen Utopien unterschiedlicher Zeiten verknüpft sind. Ich hatte in diesem Atlas zu gegebenem Anlass zuerst Ägypten gesucht. Volltreffer: Alexandria! Es macht den Auftakt der Abteilung Utopiapolis, wo urbane Räume für ein neues Denken stehen, «das sich von seinen Grenzen befreit. Oft zum Guten, manchmal zum Schlechten». Mit einem alt wirkenden Gemälde wird ein Blick in die «sagenhafte Bibliothek» am Strand gewährt. Das ehrgeizige Ziel der dort tätigen Gelehrten sei es gewesen, ihr «afrikanisches Athen» mit sämtlichen Büchern der damals bekannten Welt zu versehen. «Als intellektuelles und wirtschaftliches Zentrum des Mittelmeerraums erfüllte Alexandria beinahe 1000 Jahre die Kriterien der Idealstadt.» Ihr legendärer Leuchtturm wurde zu den Weltwundern gezählt, «und ungeachtet aller Invasionen und Erdbeben», die das Erbaute zerstörten, bleibe «seine Strahlkraft in unserer Fantasiewelt allgegenwärtig». Als ich die Distanz von Alexandria nach Scharm asch-Schaich sehen wollte, dem modern-mondänen Badeort, der durch die Klimakonferenz gerade weltweite Aufmerksamkeit geniesst, meldete Google für «die aktuell schnellste Route aufgrund der Verkehrslage» knappe acht Autostunden …

 

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