Von der Hecke in den Mund

Anahí Frank

 

Die deutsche Plattform «Mundraub» hilft urbanen SammlerInnen, essbare Pflanzen in der Öffentlichkeit zu finden. Sollte auch in Zürich mehr städtisches Grünzeug auf den Speiseplan? 

 

Wer Walnüsse finden will, muss trockenes Laub beiseiteschieben – und die eigene Spinnenphobie. Auf allen Vieren kauere ich unter einem Walnussbaum und zucke immer wieder zusammen, wenn acht Beine unter dem Ast hervorkrabbeln, den ich eben noch zur Seite geschoben habe. Zuerst will ich die oben aufliegenden, wie sauber geleckten Schalen einsammeln – aber die sind meistens nur leere Hälften, die ein Tier zurückgelassen hat. Ich suche also nach den etwas versteckten, erdverkrusteten Nüssen und stecke sie in meinen Kaffeebecher, wohin ich auch eine Esskastanie verbannt habe, nachdem sie mich durch meine Jutentasche hindurch gepikst hat.

 

Legaler Mundraub

Gefunden habe ich den Walnussbaum auf der Karte von www.mundraub.org, einer Webseite, die das Sammeln von öffentlich wachsenden Kräutern, Früchten und Nüssen fördern will. An die Hundert essbare Pflanzen in Zürich wurden darauf von freiwilligen UserInnen eingetragen. Während der Begriff «Mundraub» einen Diebstahl beschreibt, bei dem das Gestohlene direkt verzehrt wird, will die Plattform «Mundraub» nur einen legalen Verzehr fördern. Alle eingetragenen Pflanzen sollen auf öffentlichem Grund stehen und nicht unter Naturschutz fallen. Marc Werlen, Kommunikationsleiter von Grün Stadt Zürich bestätigt, dass das Pflücken erlaubt sei. Allerdings sollte man nur kleine Mengen mitnehmen und nichts kaputt machen.

 

Um das Sammeln nachhaltig zu gestalten, fordert die Plattform die SammlerInnen dazu auf, sich für die Pflege von Obstbäumen einzusetzen und wenn möglich mehr zu pflanzen. Die deutsche Landschaft, so heisst es auf ihrer Webseite, soll in weiten Teilen essbar sein und wie ein «fruchtiges Grundauskommen für jedermann» funktionieren. Ein ähnliches Ideal der «essbaren» Stadt ist mittlerweile auch in mehreren deutschen Städten angekommen. In Düsseldorf erhielten GartenbesitzerInnen diesen Herbst von der Stadt Apfel- oder Birnensetzlinge – vorausgesetzt, sie pflanzten den Baum öffentlich zugänglich und verkündeten mit einem Schild, dass Obstpflücken erlaubt sei. Und Andernach in Rheinland-Pfalz hat sich vorgenommen, die städtische Flora auch für den Menschen geschmacklich interessant zu machen. Um die Vielfalt aufzuzeigen, wurden im Schlossgarten hunderte Gemüsesorten angepflanzt und ausdrücklich zum Probieren angeboten. In­spiriert wurde das Projekt von der englischen Kleinstadt Todmorden, wo eine BürgerInnen­initiative zahlreiche öffentliche Flächen – vom Spitalgarten bis zum Bahnhof – mit essbarem Grün bepflanzt hat. 

 

Unwissenheit schädigt Pflanzen

In Zürich gibt es zwar Gemeinschaftsgärten, doch auf öffentlichem Boden sind essbare Pflanzen eher Zufall: «Wir haben keinen Auftrag, essbare Pflanzen anzubauen», erklärt Werlen. Stattdessen haben die Zürcher Pflanzen ganz viele andere Aufgaben zu erfüllen: «Wir achten bei der Begrünung hauptsächlich darauf, dass die Biodiversität gefördert wird, dass Tiere profitieren und dass das Stadtklima verbessert werden kann.» 

 

Schliessen sich ökologische und sozial-kulinarische Absichten aus? Gewisse Bedenken sind sicher angebracht, wenn man sich vorstellt, dass das städtische Grün von den BewohnerInnen nicht nur bewundert, sondern auch verspeist wird. In Wien hat eine Studie festgestellt, dass SammlerInnen sehr unterschiedliche Verhaltensweisen und Kenntnisse mitbringen und die urbane Flora auch auf verschiedene Weise schädigen oder schützen. Weil selten genutzte Pflanzen unter einem solchen Verbrauch am meisten leiden würden, würden Pflanzenkundige eher den Bestandteil seltener Pflanzen bedrohen, als Unkundige, die sich an die bekannten Nutzpflanzen hielten. Unkundige hingegen seien öfters für Schäden wie abgebrochene Äste oder zertrampelte Wiesen verantwortlich. Um den entgegenzuwirken, reiche die Bildung aus Büchern und Internet nicht, heisst es in der Studie: Die Ausbildung zur Sammlerin müsse auch praktisch sein und Naturverbundenheit und -verantwortung vermitteln. 

 

Auch ich muss das Fehlen von praktischer Erfahrung beklagen, als ich meine Walnüsse stolz zum Dessert servieren will und nur zwei von den gesammelten zehn weder verwurmt noch verrottet sind. Aber immerhin: Meine Spinnenverbundenheit hat durch das Suchen im Unterholz definitiv zugenommen.

 

 

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