Vom Winterthurer Parlamentarier zum Kleinstunternehmer im Tal der Loire

Der Zeit voraus – oder eine verklärte, überholte Hippie-Fantasie? Der ehemalige Präsident der SP-Töss, Stadtparlamentarier in Winterthur und Sozialarbeiter Daniel Altenbach hat sich mit einem «Chambre d’hôte» in der Nähe von Nevers (FR) eine neue Existenz aufgebaut. Matthias Erzinger hat ihn besucht. Was er dabei gefunden hat, verdient Respekt.

«Ui, diese Pilze», die muss ich ernten – wartet mal kurz!» – und schon eilt er zurück ins Haus, um ein Sieb zuhol en, die Gäste aus der Schweiz müssen sich kurz gedulden, die (Selbst-)Versorgung hat Vorrang. Danach führt Daniel Altenbach uns weiter durch seinen privaten Planeten Maré-Mars. Ein ehemaliges Bauernhaus, umgebaut und gut erhalten, ein riesiger Garten mit einem Gemüsebereich, ein Fischteich, auf dem Enten schnattern, eine neue Schilf-Kläranlage, eine Erdsonde, Solarzellen. «Ich will so autark wie möglich leben», sagt er beim Abendessen, einem perfekten Dreigänger, vollständig aus eigener Produktion. Seit etwa eindreiviertel Jahren lebt er nun mehrheitlich hier, in der Nähe des Flusses Allier und der Loire, unweit der «Eurovelo 6», die vom Schwarzen Meer an den Atlantik führt (oder umgekehrt, wie man will). Seinen Gästen bietet er neben zwei grossen Zimmern auch geführte Touren in die Umgebung an: je nach Jahreszeit zu Pilzen, die dann am Abend gegessen werden, Vogelbeobachtungen vom Kranich über Eulen, Wiedehopf, Fasan und Bienenfresser bis zum Eisvogel oder den Besuch eines nahegelegenen Weingutes.

Eine bitterböse Analyse zum Abschied

Im Herbst 2024 hat er sich aus Winterthur verabschiedet, wo er in den vergangenen rund 20 Jahren aktiv politisiert hat. Viele Jahre als Präsident der SP-Töss und als Stadtparlamentarier. Gewachsen ist sein Entschluss «abzuhauen» über mehrere Jahre hinweg. «Die Verhältnisse am Arbeitsplatz waren der Auslöser, die ökonomischen und sozialen Entwicklungen in der Schweiz bilden das Fundament für meinen Entschluss», hält er fest. Der jahrelang erfolglose Versuch aufzuzeigen, wie wenig es bräuchte, um den Job etwas entspannter, ja richtig gut machen zu können, hat ihn ebenso zermürbt wie die Situation in Winterthur: «Winterthur ist heute mediterranisiert, man wohnt zu fünft in 2,5-Zimmerwohnungen und tritt sich überall auf die Füsse. Mit dem Velo sollte mensch die Altstadt grosszügig umfahren, die Gassen sind Wirtschaftsflächen und die Fussgänger religiös: Den Kopf haben sie demütig gesenkt und starren in allen Lebenslagen auf ein Gerätlein in der Hand …»

Eine Vision wird real

Nun lebt er also im Dörflein Mars-sur-Allier, das Haus mit 2,5 Hektaren Boden und Weiher erwarb er für einen Preis, zu dem in Winterthur keine Eineinhalbzimmerwohnung erhältlich ist. Von 80 Prozent als Sozialarbeiter hat sich sein Arbeitsleben zu dem eines «freien Kleinstunternehmers» geändert, der sieben Tage pro Woche Haus und Garten pflegt, Reservationen verwaltet, Wäsche wäscht und Menüpläne zusammenstellt. Die vergangenen Monate waren geprägt von Um- und Ausbauten. Er investiert, um die Liegenschaft auf die aktuellen Normen der französischen Baugesetze (CO2-neutral ist Vorgabe!) zu bringen. Stolz ist er darauf, als einziger in Frankreich neben der Stadt Paris die Auflagen der «Blue Community» zu erfüllen. Im kommenden Jahr können Gäste nicht nur in den zwei B&B-Zimmern übernachten, sondern auch auf dem eigenen kleinen Campingplatz am Ufer des Teichs. Die Ernte ist eingelagert, von der Terrine bis zum gefüllten Kürbis warten die Köstlichkeiten vom eigenen Land auf die Gäste im Frühjahr. Im Winterthurer Parlament war er mit seinen Vorstössen auch in der grün-roten Stadtratsmehrheit nicht immer beliebt, nicht zuletzt aufgrund seiner Wachstumskritik. Ein Vorstoss für Plastik-Recyling wurde resolut abgewiesen. Er war der Zeit voraus. Und ist es mit seiner konsequenten Nachhaltigkeitsphilosophie wohl auch heute im Maré Mars.

Reisetipps

Die Anreise erfolgt mit dem Zug über Dijon nach Nevers. Mit dem Velo erreicht man Maré Mars in einer gemütlichen ca. einwöchigen Tour zum Beispiel entlang dem «Eurovelo 6». Wir fuhren von Pontarlier über Salins-les-Bains – Saint-Jean-de-Losne – Chalon-sur-Saône – Monceau-les-Mines – Digoin – Devey primär entlang von Flüssen und Kanälen. Möchte man einfach Velos mitnehmen, empfiehlt sich die Reise über La Chaux de Fonds – Besançon – Dijon nach Nevers mit dem TER (Velomitnahme einfach möglich). Velos können bei Daniel auch gemietet werden. www.maremars.fr