Vom perfekten Job zu neuen Ufern

 

Bereit für neue Aufgaben: Nach acht Jahren gibt die Parteisekretärin der Grünen Kanton Zürich, Ulla Blume, ihr Amt per Ende Mai ab.

 

Für die Öffentlichkeit sind sie meist unsichtbar, für die Partei aber umso wichtiger: Gute ParteisekretärInnen wirkten wie der sprichwörtliche «Fels in der Brandung», schrieb Marionna Schlatter, die Präsidentin der Grünen Kanton Zürich, letzte Woche im P.S.

Seit März 2008 ist Ulla Blume die starke Frau hinter der Präsidentin bzw. dem Präsidenten: Als sie anfing, hiess die Frau an der Spitze Marlies Bänziger. Sie wurde abgelöst durch das Co-Präsidium Philipp Maurer/Jeanine Kosch, auf dieses folgte das Co-Präsidium Philipp Maurer/Marionna Schlatter, und schliesslich übernahm letztere allein das Szepter. Mit allen – und der Geschäftsleitung obendrein – sei die Zusammenarbeit sehr gut gewesen, sagt Ulla Blume: «So gute Vorgesetzte hat man beileibe nicht überall.»

 

«Die perfekte Stelle»

Sie habe sich damals lange überlegt, ob sie sich überhaupt um die 80-Prozent-Stelle als politische Sekretärin bewerben solle, blickt Ulla Blume zurück: «Ich kann hier ja weder abstimmen noch wählen, und Parteimitglied war ich damals auch noch nicht.» Die 1973 geborene Germanistin und Anglistin aus Leipzig, die als Gymnasiastin den Mauerfall erlebte, kam ursprünglich für ein Jahr als Austauschstudentin nach Zürich – und «blieb hängen».

Politisch engagiert hat sie sich aber durchaus schon vor ihrem Amt bei den Grünen, insbesondere als Präsidentin des StuRa, des Studierendenrats an der Uni Zürich: «Aufgrund der speziellen Struktur des StuRa war ich dort Parlamentspräsidentin und Bürochefin in einem. Das war ein super Job, und ich sagte mir, so etwas würde ich gern als ‹richtigen› Beruf machen.»

Von allen in Zürich vertretenen Parteien seien für sie damals schon nur die Grünen in Frage gekommen, fügt sie an. Kein Wunder also, dass sie ihre Bewerbung doch noch abschickte – «wobei ich nicht damit gerechnet habe, dass ausgerechnet eine Ausländerin, die niemand kannte, in die engere Auswahl kommen würde».

Doch Ulla Blume schaffte nicht nur diese Hürde; sie bekam den Job, den sie auch acht Jahre später noch «sehr gern» macht: «Für viele dürfte eine solche Stelle die Hölle sein, für mich aber ist sie perfekt. Die Vielseitigkeit ist genau mein Ding, den Stress halte ich gut aus, ich arbeite gern mit verschiedenen Leuten zusammen, und die Flexibilität kommt mir entgegen. Gerade letzteres bedeutet ja nicht nur, dass man manchmal am Samstag oder nachts arbeiten muss, sondern umgekehrt auch, dass man sich seine Arbeit selbst einteilen kann. Das schätze ich sehr.» In der Politik passiere zudem ab und zu etwas «ohne Ansage»; dann müsse man «da sein» und rasch reagieren, und auch das gefalle ihr gut.

 

Direktheit, Kompromisse & Co.

Nach den grössten politischen Erfolgen und Misserfolgen ihrer Zeit als Parteisekretärin gefragt, antwortet sie mit einem Namen: Martin Graf. «Er steht für beides; die Wahlen 2011 waren für uns vor allem deshalb erfolgreich, weil er in den Regierungsrat gewählt wurde. Als es ihm vier Jahre später nicht mehr reichte, war das für alle ein sehr emotionaler Wahlsonntag.» Sie schätze an ihm vor allem seine direkte Art, sagt Ulla Blume: «Diese Direktheit ähnelt jener, die ich aus Deutschland kenne und die mir in der Schweiz manchmal fehlt.»

Wie ist das zu verstehen? Gerade in Wahl- und Abstimmungskämpfen sei es hierzulande allgemein üblich, dass es zu Beginn heisse, man wolle eine freche Kampagne führen, erklärt sie: «Doch dann werden nach und nach alle guten Ideen als ‹zu extrem› bezeichnet, und die Sache endet mit dem perfekten Kompromiss, der niemandem Grund gibt, dagegen zu stimmen, aber auch nicht gross dazu animiert, dafür zu sein».

In Deutschland sei das anders. Dort hätten die Grünen eines Landkreises beispielsweise einmal eine Plakatkampagne gemacht mit dem Slogan «Für eine Energiewende ohne Kompromisse»: «Natürlich ist klar, dass es auch in Deutschland nicht ohne Kompromisse geht, aber dort gilt es als völlig normal, dass sich eine Partei mit dem Profil der Grünen in dieser Frage zuerst mal kompromisslos gibt », sagt Ulla Blume. «Hierzulande hingegen ginge das gar nicht: Man würde uns vorwerfen, nicht kompromissbereit zu sein. Dabei ist es doch ein Unterschied, ob man ausgehend von unterschiedlichen Meinungen einen Kompromiss findet, oder ob alle ihre Haltungen schon einzumitten versuchen, bevor sie überhaupt miteinander zu diskutieren beginnen.»

Kompromisslos auf der eigenen Schiene zu fahren, damit komme nur die SVP durch: «Alle andern Parteien haben das Problem, dass sie dem nichts entgegensetzen können.» Das sei «ein rechter Frust», auch wenn es sicher nicht das Ziel sein könne, gleich populistisch aufzutreten. Dass die Grünen deswegen die letzten Wahlen verloren hätten, wäre aber keine adäquate Interpretation, findet sie: «Unsere Themen, insbesondere die Umwelt und deren Schutz, wurden zum Zeitpunkt der Wahlen offensichtlich nicht als vordringlich zu lösende Probleme wahrgenommen.»

 

Zeit für etwas Neues

Was die persönlichen Erfolge und Misserfolge betrifft, schüttet Ulla Blume symbolisch Asche über ihr Haupt, weil sie einmal eine Medienmitteilung über einen Beschluss einer kantonsrätlichen Kommission einen Tag zu früh verschickte: «Unser Kommissionsmitglied bekam deswegen ziemlichen Ärger.» Ansonsten seien ihr zum Glück keine groben Schnitzer passiert. Im Gegenteil: «In sehr guter Erinnerung werde ich die Arbeit mit den Sektionen behalten. Wir hatten uns bei meinem Amtsantritt das Ziel gesetzt, die Sektionen administrativ besser zu unterstützen, und das ist gut gelungen. Wir haben heute auch ein einheitliches Erscheinungsbild; das ist wichtig für die Identität unserer doch noch recht jungen Partei: Mit Gründungsjahr 1978 haben wir den 40. Geburtstag noch vor uns.» Dass auch inhaltlich «grundsätzlich alle am gleichen Strick in die gleiche Richtung ziehen», habe sie kürzlich an einer Sitzung mit allen BezirkspräsidentInnen feststellen können.

Bleibt noch die Frage, warum Ulla Blume überhaupt gekündigt hat? «In diesem Job kann man nur während einer begrenzten Zeitspanne innerhalb einer Legislatur mit gutem Gewissen gehen. Hätte ich mich fürs Bleiben entschieden, hätte das bedeutet, vier weitere Jahre anzuhängen. Ich finde aber, diesen Job sollte niemand ewig machen; das wäre auch nicht gut für die Partei. Zudem bin ich jetzt in einem guten Alter, um nochmals etwas Neues anzufangen.» Bis Ende Mai könne sie nun ohne Stress ihre Arbeit abschliessen und ihre Nachfolgerin Nadine Berthel einarbeiten. «Was danach kommt, ist noch offen – «bis auf die Ferien in Island im Juni; auf die freue ich mich jetzt schon.»

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