Vom Geben

 

Von weihnachtlicher Stimmung will ich euch nun erzählen, von milden Gaben, barmherzigen Gebern, vom Betteln und Hausieren, wie es in meiner Kindheit noch per Schild an der Haustür verboten gewesen war, worum sich aber zum Glück weder der Just-Vertreter noch die jenischen Scherenschleifer einen feuchten Christstollen gekümmert haben.

 

Nur: nichts ist mehr wie früher! Die Hausierer wurden vom Internet abgelöst, die Fahrenden sind sesshaft, und die BettlerInnen haben ihre Businesspläne angepasst. Normalerweise wird man am Bahnhofquai von einer dürren Gestalt angehauen, die auf magische Weise ahnt, ob du tagesformmässig bereit bist, einen Zweier rauszurücken. Oder dann kommt so ein Fredi Hinz-Typ, der immerhin eine gute Story auf Lager hat, dich also genau genommen gar nicht anbettelt, sondern dir eine soziokulturelle Leistung verkauft. Also mache auch ich gerne mal den Zuckerberg und spende 99 Prozent meines Hosensackinhalts. So wie neulich auf dem Winterthurer Bahnhofplatz.

 

Es war Morgens vor Neun, und die Dame vor mir entsprach so gar nicht dem üblichen Typus, sondern war ganz anständig angezogen und wohl frisiert und recht deutlich im Rentenalter. Sie fragte mich, ob ich ihr nicht 5 Schtutz geben könne «für einen Kaffee».

 

Und während ich noch darüber nachsann, ob das nun die neue Armut sei, welche bereits den Mittelstand erfasst hat, und ob ein Kaffee in der Pampa wirklich nun auch schon 5 Stutz kostet, lieferte sie mir ungefragt die Erklärung für ihr Ansinnen nach: «Wüssed Si, die Bank geht nämlich erst um 10 Uhr auf.»

 

Und während ich noch darüber nachsann, ob das nun originell sei oder im Gegenteil eher von der Sorte abtörnender Ausreden, die den sich anbahnenden Akt der Nächstenliebe gleich wieder abwürgen, kramte ich schon im Hosensack nach Münzen. Ich zog eine Hampfel heraus, spürte gleichzeitig in den Fingern, dass es nie und nimmer 5 Franken waren, mich daher auch nicht zu einem Bettler machen würden, und drückte ihr das Münz mit den Worten in die Hand: «Mehr hab ich leider nicht.» Und während ich noch darüber nachsann, ob mir nun in der himmlischen Buchhaltung 15 Minuten Fegefeuer abgezogen würden oder ob Gott mir ganz im Gegenteil mein stinkiges Pharisäertum um die Ohren hauen wird, sagte die Dame nicht etwa «Schönen Dank auch der Herr» oder sonst etwas Erwartbares, nein, sie sagte laut und tröstend: «Na, das ist doch schon mal ein Anfang.»

 

Und während ich noch darüber nachsann, ob man sich eigentlich mit offenem Mund eine Erkältung holen kann, war sie schon weg.

 

Auch nicht schlecht gestaunt habe ich ein paar Wochen später am Stadelhofen. Es war schon dunkel, und eine leicht gekrümmte, sehr alte Dame, Zigarette in der Hand, Handtäschlein am Arm und ordeli gekleidet, sprach mich von schräg unten an. Ob ich ihr nicht mit etwas Geld aushelfen könne, sie habe ihr Portemonnaie verloren. Ich erschrak: So sah sie nun also aus, die Altersarmut, gebrechlich, vom Pech verfolgt, ohne Wintermantel, hungrig und in jeder Hinsicht meiner Hilfe bedürftig. Und noch bevor ich über die verschiedenen Implikationen dieses selten blöden Reflexes nachsinnen konnte, oder darüber, wie die coole Zigi in der greisen Hand zu deuten sei, griff ich in die Tasche und fand dort nur ein Nötli. Ich drückte es ihr in die Hand und fand immerhin die Sprache wieder, indem ich ihr den väterlichen Rat gab, sie solle unbedingt ihre Karten, falls vorhanden, sperren lassen. Im Abgang, über die Schulter hinweg, raubte sie mir den letzten Rest an Contenance, indem sie mir seelenruhig mitteilte: «Hani scho lang gmacht.»

Soviel im Moment zum Thema hilfsbedürftig und zerbrechlich, betteln und Advent. Eine Moral gibt’s glaubs nicht. Aber einen guten Vorsatz: Ich nehme mir fest vor, im Alter auch mal so zu werden. Schöne Festtage!

 

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