Céline Widmer: «Wir haben in den letzten Jahren einen enormen reaktionären Backlash erlebt. Nun braucht es mehr denn je Städte wie Zürich, die Haltung zeigen und die Zukunft progressiv gestalten.» (Bild: Gian Hedinger)

Vom Buurezmorge in den Stadtrat

Céline Widmer ist Nationalrätin für die SP. Im März will sie in den Stadtrat einziehen. Bei einem Treffen in einem Café erzählt sie, wie sie mithalf, das Kasernenareal zu befreien, und von der Stadt Zürich als Projekt gegen den konservativen Backlash.

Wenn man Céline Widmer nach ihrer Politisierung fragt, erzählt sie von einem Buurezmorge der SVP. Widmer arbeitete dort als Tontechnikerin und während sie den fremdenfeindlichen Reden zuhörte, habe sie beschlossen, sich selbst mit politischen Inhalten zu befassen. Heute, über 20 Jahre später, ist Widmer Stadtratskandidatin für die SP.
Für das Treffen zu diesem Text schlug sie das Café SAHltimbocca in der Nähe des Bucheggplatzes vor. Das Café ist Teil des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH. Hier können Menschen Arbeitserfahrung in der Gastronomie sammeln, um so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Das SAHltimbocca habe sie ausgewählt, weil ihr das Quartiercafé architektonisch, aber vor allem auch inhaltlich gefalle. «Ich finde solche Orte in der Sozialpolitik extrem wichtig. Das SAHltimbocca zeigt, dass es auch in der reichen Stadt Zürich Angebote braucht, bei denen Menschen bei der Arbeitsintegration unterstützt werden.» Widmer bestellt sich einen Cappuccino und ein Gipfeli. Eine Angestellte des Cafés erkennt sie und sagt, dass sie schon mehrere Jahre hier arbeite und deshalb wisse, wer sie sei.
Bis vor zwei Jahren war Céline Widmer nämlich Präsidentin des SAH Zürich. Zuvor engagierte sie sich über acht Jahre lang für das Hilfswerk. Seit 2019 ist sie zudem im nationalen Vorstand des SAH. Zusätzlich ist Widmer seit knapp fünf Jahren Co-Präsidentin der «Plateforme sans-papiers Suisse». «Für mich gehört es zum Selbstverständnis einer linken Politiker:in, seine Position einzusetzen, um sich für andere Menschen zu engagieren. Dazu gehören solche ehrenamtliche Ämter.»


Ohne Planung zur Politikerin


Dass sie selbst einmal eine Politikerin werden würde, hätte sie früher nie gedacht, erzählt Céline Widmer. Sie ist in Winterthur aufgewachsen und in ihrer Familie sei Parteipolitik kein Thema gewesen. «Meine Mutter hat sich in der Kirche für Gleichstellung und Entwicklungszusammenarbeit engagiert und mein Vater hat sich für die Inhaftierten der «Winterthurer Ereignisse» eingesetzt, wo linke Aktivist:innen von den Behörden ex­trem repressiv behandelt wurden. Aber ich kannte persönlich niemanden, der sich aktiv in einer Partei engagierte.» Genau wie FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter war sie in ihrer Jugend Punk und höre die Musik auch immer noch gerne, sagt Céline Widmer. «Aber im Unterschied zu ihr bin ich links geblieben. Mein Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit ist stärker denn je!» Sie absolvierte eine Ausbildung zur Tontechnikerin. Nach dem bereits erwähnten Buurezmorge entschied sie sich, Politikwissenschaften an der Universität Zürich zu studieren. «Ich fühlte mich an diesem SVP-Anlass ohnmächtig und wollte verstehen, wie Politik auf der theoretischen Ebene funktioniert. Eine politische Karriere strebte ich aber nicht an und ich war auch nicht Mitglied einer Partei.»
Im Laufe des Studiums habe sie sich dann aber doch parteipolitisch engagieren wollen. Dabei sei sie vor der Wahl zwischen der AL, den Grünen und der SP gestanden. «Am Ende sagte mir die SP am meisten zu. Ihr Kern, die Solidarität – und zwar über die Stadt-, Kantons- und Landesgrenzen hinaus – entspricht meiner tiefen Überzeugung. Mir gefällt auch, dass wir eine grosse Partei sind, die auch Regierungsansverantwortung übernimmt.» Nach ihrem Eintritt habe sie sich dann bei der SP im Kreis 4 zu engagieren begonnen. So wurde Céline Widmer Kandidatin für die Kantonsratswahlen und wurde 2012 gewählt. Dort gelang es ihr auch immer wieder, Vorlagen durch das bürgerlich dominierte Kantonsparlament zu bringen. Etwa auf dem Kasernenareal: Entgegen dem Versprechen in der Volksabstimmung sollte ein Teil der Kantonspolizei nach dem Bau des neuen Polizei- und Justizzentrums (PJZ) nun doch weiterhin in der alten Kaserne bleiben. «Das hat mich wahnsinnig aufgeregt. Einer der Hauptgründe, weshalb wir von der SP überhaupt das PJZ unterstützt haben, war, dass danach das Kasernenareal vollständig von der Bevölkerung genutzt werden könnte», sagt Céline Widmer. Gemeinsam mit der FDP und der GLP setzte sie durch, dass die gesamte Kantonspolizei in das neue PJZ zog und das Areal nach dem Umzug öffentlich genutzt werden kann. «Ich bin stolz darauf, dass die riesige Kasernenwiese heute vollständig zugänglich ist und die Parkplätze und der Zaun weg sind. Es ist auch eine der wenigen Flächen im Quartier, die noch nicht so überlaufen sind», sagt Céline Widmer, die selbst im Kreis 4 wohnt. Am wichtigsten im Kantonsrat sei ihr aber ihr Engagement für einen gerechteren Sozialkostenausgleich gewesen. Nach jahrelanger parteiübergreifender Arbeit sagte auch die Stimmbevölkerung 2020 Ja. «Das war ein wichtiger Schritt für mehr Fairness», sagt Céline Widmer dazu.
Nach sieben Jahren als Kantonsrätin kandidiert Widmer dann für den Nationalrat. «Ich habe mich bereit gefühlt für eine Veränderung und die Wahlen 2019 kamen zum richtigen Zeitpunkt.» Widmer schaffte die Wahl und politisiert seit da in Bern.
Daniela Schneeberger, FDP-Nationalrätin aus Basel-Land, die mit Céline Widmer in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben ist, nimmt Widmer als ruhige und besonnene Person wahr. «Sie ist eher zurückhaltend und kompromissbereit in der politischen Arbeit. Wenn es gemeinsame Anliegen gibt, sucht sie jeweils das Gespräch auch über Parteigrenzen hinweg.» Sie könne sich Widmer deshalb in einem Exekutivamt vorstellen.
Auch die grüne Nationalrätin Franziska Ryser fände Céline Widmer eine geeignete Stadträtin. «Ich kann sie mir sehr gut als Stadträtin vorstellen und denke, sie würde Zürich gut tun.» Widmer sei eine «nahbare Politikerin, bei der man immer weiss, woran man ist». Sie sei immer gut vorbereitet und arbeite seriös. Auch Franziska Ryser erwähnt die gute Zusammenarbeit mit Céline Widmer. «Ich empfinde sie als pragmatisch, aber nicht opportunistisch. Ihr geht es um die Sache. Wenn sie mit einem Kompromiss einen Meter weiterkommt und dafür zehn Zentimeter abgeben muss, dann macht sie das.»


Erfahrung auf allen Ebenen

Widmer kennt nicht nur die kantonale und nationale Politik. Von 2014 bis 2024 arbeitete sie im Stab der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch. Zudem forschte Widmer an der Universität Zürich zu Quartier- und Stadtpolitik und zum Föderalismus. «Mich interessiert das Verhältnis von städtischer und nationaler Politik schon lange. Die Städte sind immer wieder gefordert, um innovative Lösungen zu finden, wie etwa in den 1990er-Jahren in der Drogenpolitik. Dabei sind sie oft auf die kantonale und nationale Politik angewiesen, treiben diese als Innovatorinnen auch voran», sagt Widmer.
Wie die verschiedenen Ebenen funktionieren, konnte Céline Widmer während der Covid-Pandemie sehen. Während sie sich in der Finanzkommission des Nationalrats für die Covid-Kredite einsetzte, ging es bei ihrer Arbeit im Stab der Stadtpräsidentin darum, wie die Leute in den Altersheimen versorgt werden, was mit den Spielplätzen passiert und wie die Stadt mit Demonstrationen umgehen soll. «Das Leben der Menschen findet in den Gemeinden statt. Darum reizt mich die Aufgabe im Stadtrat auch so sehr: Man arbeitet dort, wo man das Leben der Menschen direkt verbessern kann.»
Bisher ist Céline Widmer medial vor allem in der Asylpolitik und bei der Bankenregulierung aufgefallen. Hinter den Kulissen – und das ist im bürgerlichen Parlament als linke Politikerin der gestaltungsmächtigste Ort, wie Widmer sagt – habe sie zum Beispiel massgeblich am Kompromiss für die Individualbesteuerung gearbeitet. Sowohl bei der Asylpolitik wie auch bei der Bankenregulierung werden die wichtigsten Regelungen jedoch national bestimmt, die Stadt hat hier wenig Spielraum. Darauf angesprochen widerspricht Widmer. «Die Stadt zeigt ganz praktisch, dass eine menschliche Flüchtlingspolitik möglich ist. Gute Unterbringung und frühe Integration sind der Schlüssel für ein funktionierendes Zusammenleben. Statt Angst zu schüren, setzt die Stadt auf Verantwortung und Solidarität – mit Erfolg.» Zudem könne die Stadt auch mit Projekten wie der Basishilfe, die aktuell vor Verwaltungsgericht hängig ist, selber vorangehen und Fortschritte erzielen.
Ihr sei es auch wichtig, beim Verkehr und beim Wohnen Fortschritte zu erzielen. Es dürfe nicht sein, dass Menschen aus Zürich verdrängt werden. Dafür bräuchte es endlich nationale und kantonale Änderungen, und die Stadt müsse mit allen Mitteln für mehr bezahlbare Wohnungen kämpfen, damit Zürich eine Stadt für alle sein kann. Doch Céline Widmer sieht auch Potenzial über die Stadtgrenzen hinaus: «Wir haben in den letzten Jahren einen enormen reaktionären Backlash erlebt. Nun braucht es mehr denn je Städte wie Zürich, die Haltung zeigen und die Zukunft progressiv gestalten: demokratisch, gerecht, europäisch.»

Stadtratswahlen 2026

An dieser Stelle portraitieren wir bis Ende Januar alle 16 Kandidat:innen der Gemeinderatsparteien für die Stadtratswahlen 2026. Diese Woche ist es SP-Nationalrätin Céline Widmer.

(P.) S. O. S. !

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