Volkshaus sucht Zukunftsvisionen

 

Seine früheren Existenzsorgen ist das Wädenswiler Volkshaus seit ein paar Jahren zwar los. Seine einstige Bedeutung als politisch und gesellschaftlich wichtiger Treffpunkt des Volkes allerdings ebenfalls – und das schon länger. An der Generalversammlung der Genossenschaft steht daher auch die langfristige Ausrichtung des Traditionshauses zur Diskussion.

von Arthur Schäppi

 

Rund 50 000 Franken Gewinn und 94 000 Franken liquide Mittel: Walter Zeller, Kassier der Volkshausgenossenschaft Wädenswil kann an der Generalversammlung vom 6. Mai mit erfreulichen Zahlen und einem stattlichen Überschuss aufwarten. Wie praktisch immer in den letzten Jahren. Seit 2007 erwirtschaftet die Genossenschaft wieder regelmässig Überschüsse. Sie wurden einerseits dazu verwendet, die Hypothekar- und Darlehensschulden um mittlerweile rund 260 000 Franken abzubauen. Und andererseits konnte die Genossenschaft seither laufend Mittel in den Unterhalt der Liegenschaft, in der heute ein asiatisches Restaurant und zwei betreute Wohngruppen der Stiftung Bühl untergebracht sind, investieren. «Die Finanzlage der Genossenschaft ist heute kerngesund», bilanziert Zeller. Und das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

 

Am Konkurs vorbeigeschrammt
Zumindest in jüngerer Vergangenheit nämlich wurde die einstmalige Hochburg der Arbeiterbewegung aus dem Jahre 1919 mit ihrem markanten Ecktürmchen und der altrosa Fassade von akuter Existenznot geplagt. Ein Innenumbau von 1999 bescherte der Genossenschaft unerwartet hohe Mehrkosten und damit eine massive Überschuldung, von der sie sich auch in den Folgejahren kaum mehr richtig erholte. 2007 hatte sich die finanzielle Lage derart zugespitzt, dass «nur schon ein zweimonatiger Ausfall der Restaurantmiete oder etwa der Ausstieg der veralteten Heizung oder grössere Reparaturen den finanziellen Ruin für das Volkshaus und die Genossenschaft bedeutet hätten», erinnert sich Zeller. Es kam glücklicherweise nie soweit.

 

Hotel-Umnutzung brachte Wende
Der Turnaround gelang der Genossenschaft zwischen 2007 und 2009. Der wenig ertragsreiche Hotelbetrieb und die Wirtewohnung sowie die Hälfte des bloss noch sporadisch genutzten Versammlungsaals in den Stockwerken über dem Restaurant wurden in Etappen umgebaut und langfristig vermietet: an die Stiftung Bühl. Das Wädenswiler Zentrum für Heilpädagogik, das sich mit einem grösseren Darlehen und Investitionen an den damaligen Umbauten beteiligte, führt dort seither zwei betreute Aussenwohngruppen. Dank der Neuvermietung dieser Räumlichkeiten habe man etwas höhere Mieteinnahmen generieren, die Restaurantverpachtung abkoppeln und so die finanzielle Gesundung überhaupt erst ermöglichen können, betont Genossenschaftspräsidentin Regina Hartmann. Sie ist auch glücklich darüber, dass nach vormaligen Turbulenzen um die Restaurantverpachtung 2009 mit Albert Tan ein Vollblutprofi den Gastrobetrieb übernahm und daraus ein erfolgreich geführtes, asiatisches Restaurant mit preisgünstigen Thai- und Singapurer Spezialitäten und hoher Gästefrequenz machte. Die Restaurantpacht läuft noch bis 2018 – mit Option auf Verlängerung.

 

Neuorientierung in verändertem Umfeld
Trotz komfortabler Finanzlage und langfristigen Mietverträgen macht man sich bei der Genossenschaft gleichwohl Gedanken über eine spätere längerfristige Ausrichtung des Volkshauses und seiner Trägerschaft. Wie schon in den Vorjahren steht eine Diskussion mit Brainstorming-Charakter darüber auch an der diesjährigen Generalversammlung auf der Traktandenliste. Und das nicht ohne Grund. Zum einen wolle man sich rechtzeitig mit Zukunftsszenarien auseinandersetzen, um etwa im Falle einer späteren Kündigung der Restaurantpacht rechtzeitig allfällige Alternativen angehen zu können, sagt Regina Hartmann. Zum andern habe das Volkshaus seinen in den Statuten noch immer verankerten Zweck, nämlich «politischen, gewerkschaftlichen und kulturellen Vereinigungen sowie Wädenswiler Vereinen Versammlungs-, Restaurations- und Logisräume anzubieten», im heutigen, veränderten gesellschaftlichen Umfeld längst verloren. Genutzt werde der nunmehr halbierte Saal praktisch einzig noch von der SP. «Aus der Genossenschaft mit ohnehin überalterter und stetig schwindender Mitgliedschaft ist heute faktisch eine blosse Immobiliengesellschaft geworden», konstatiert Hartmann. Hinzu komme, dass die Generalversammlung jeweils gerade mal von einem knappen Dutzend von total rund 200 Genossenschaftern besucht werde. Vor diesem Hintergrund stelle sich für das Volkshaus und die Genossenschaft denn auch zwingend die Frage, ob und wie das Erbe der Gründerväter längerfristig in eine zeitgemässe Neuausrichtung von Haus und Trägerschaft eingebracht werden könnte, sagt die Präsidentin.
Von der bevorstehenden Generalversammlung darf man wohl bestenfalls Impulse und Ideen, aber kaum schon konkrete Vorschläge erwarten. Ein voreiliger und leichtsinniger Verkauf der Liegenschaft, mit dem man die Chance auf eine spätere sinnvolle Neunutzung zum Vornherein vergeben würde, sei indes an den Generalversammlungen der Vorjahre nie ein Thema gewesen, betont Regina Hartmann.

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