- Kultur
Verzweiflungstat
Die Zivilgesellschaft, wie sie das Bilderbuch als kraftvoll solidarisch beschreibt, kennt das sizilianische Dorf Campobello seit Generationen nicht mehr. Eva-Maria Bertschy rekonstruiert in ihrem gleichnamigen Dokumentarstück die gegenseitige Entfremdung und Vereinzelung sämtlicher Anwohnenden: Den ursprünglich Ansässigen, den vor drei Generationen aus einem Erdbebengebiet in Italien hierhin in Sozialbauten provisorisch Untergekommenen und den verschiedenen interkontinental angekommenen Landsleute. Die in der Hauptsache einander gegenseitig verstärkenden Kräfte, deren Mélange den Zerfall eines sozialen Zusammenhalts vorantreiben sind: Die lange bestehende Strukturschwäche einer ruralen, kleinteiligen Landwirtschaft. Die Schwächung der politischen Behörden, die Abwanderung der Jungen und Arbeitskräfte. Und das sowohl wirtschaftlich wie auch politisch getriebene Interesse der Übervorteilung der Allgemeinheit durch entweder schlichtem Raub oder der zielgerichteten Vereinfachung der Narrative von Schuld alias einer Täter-Opfer-Umkehr. Sidibé Abou Baka und Daniela Macaluso versetzen sich mal spielerisch, mal regelrecht ebendem verweigernd in die Rollen der die Handlung anhand eigenen Erlebens wiedergebenden realen Personen Simona und Amadou. Beide sind aus verschiedenen Gründen an verschiedenen Enden des Randes der Gesellschaft gelandet und versuchen, bestärkt durch die Verbindung des Gerechtigkeitsgedankens mit einer profanen zwischenmenschlichen Zuneigung, einen gordischen Knoten zu durchschlagen, der sich als überhaupt nicht singuläres Phänomen erweist. Die Alteingesessenen haben sich ihrem Schicksal längst ergeben und schweigen, um nicht unter die Räder zu gelangen. Sie bieten nicht aktiv Gegenwehr, sondern lassen jede Anstrengung, und sei sie noch so gemeinsinnstiftend, ins Leere laufen. Zurück bleibt Empörung, die sich in Ernüchterung und Ermattung zu erschöpfen droht.
«Campobello», bis 10.5., Theater Winkelwiese, Zürich.