Verzaubern

Die Bewegungen der Gliedmassen beginnen sehr holprig und der Versuch, den Mangel an technischer Raffinesse mithilfe der Erhöhung des Tempos zu übertünchen, macht sie nicht zwingend runder. Der technischen Realität der Entwicklung entsprechend, ist auch bei Mirjam Sögner das Gesicht und dessen Mimik die am längsten unfertige Animationsbaustelle. Ihre Bewegungen sind aber dennoch fliessend genug, dass sie sich deutlich unterscheiden von der mechanischen Puppenfigur Olimpia in Christian Spucks letztjähriger «Der Sandmann»-Choreographie.

Der Ehrgeiz der Animationsstudios im Film und Computergame in frühen Jahren, die menschliche Bewegung so authentisch wie möglich abzubilden, findet in «Lara» eine eindrückliche Bühnenentsprechung. In etwa als ob hier keine reale Person auf der Bühne stünde, sondern ein Hologramm, das sich bemüht, ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern und im Resultat trotzdem nur einen schiefen Mund erreicht. Die leichte Irritation in den Bewegungen erfährt eine neue Steigerung, wenn die Körperbewegung zeitgleich mit einer Stuhldrehung auf der Bühne geschieht. Der Stuhl gehorcht den realen physischen Gesetzmässigkeiten, während die Tänzerin die Entwicklung der erst unbeholfenen und mit der Zeit immer raffinierter werdenden elektronischen Körperanimation wiedergibt. Das wirkt im Effekt wie eine Störung in den Dimensionen, die beim Zuschauen leicht vergessen lassen, dass es sich hier um eine mit barer Körperpräsenz und -beherrschung hergestellte Illusion von Computersteuerung einer Frauenfigur handelt.

Die von Mirjam Sögner gewählte Entwicklung endet aber wider Erwarten nicht in der Perfektion der menschlichen Bewegung, sondern verkehrt sich – auch dank eines sehr dehnbaren schwarzen Stoffes – in eine Skulpturensammlung von kaum mit Gewissheit feststellbarer Gliedmassenverrenkung darunter, die sie in mehreren jeweils nur für Sekunden beleuchteten Spots als Tableaux zeigt und der technischen Evolution eine amorphe Urigkeit gegenüberstellt.
«Lara», 1.10., Fabriktheater, Zürich.

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