Versöhnliche Bindung

Die neuesten Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie werden einem in schöner Regelmässigkeit in Tageszeitungen und auf Social Media serviert. Dort sagt man mir und meinem Mann und allen Eltern, wie man das richtig macht, diese Erziehung. Kinder soll man nämlich ganz viel loben, steht da, einfach nicht im falschen Moment. Kinder brauchen Rituale für den stabilen Rahmen, in dem sie sich erst entfalten können. Sie müssen sehr viel frei spielen, am besten im Wald. Auf Trotzanfälle soll man gelassen reagieren, sie gehören zur gesunden Entwicklung eines Kindes.

 

Das Niederträchtige an diesen theoretisch so simplen Regeln ist, wie man bald einmal feststellt, dass einem das praktische Leben ständig dazwischenkommt. Man versagt. War es jetzt verkehrt, meinen Kleinen für den Purzelbaum zu loben, wo das ja nun wirklich keine grossartige Leistung ist? Mache ich ihn damit zum Narzissten, der für den Rest seines traurigen Lebens sich selbst für den Grössten hält? Was passiert, wenn ich das schöne Abendritual einfach schon deshalb nicht einhalten kann, weil ich beim Vorlesen regelmässig noch vor den Kindern über dem Buch einschlafe vor lauter Müdigkeit? Wenn der Wald zu weit weg ist und die Zeit zu knapp? Was, wenn ich dieses verdammte Plastikzebra für 2 Franken 90 im Franz Carl Weber dann doch kaufe, einfach damit es zu schreien aufhört, das Kind? Habe ich dem Terroristen nachgegeben und er wird zum Tyrann ohne Freunde, wie ich kürzlich im Blog eines Facebookfreundes las?

 

Meine Erziehung ist in der Realität keine ununterbrochen saubere Anwendung all dieser Ratschläge, sondern mäandriert irgendwo zwischen übermenschlicher Geduld, taktischer Schlauheit, Liebe, heftigen Drohungen und Brüllen. Das Versagen nagt an mir, oder besser nagte, denn jetzt bin ich versöhnt mit der Welt. Ich habe nämlich gelernt, dass ich als Mutter gar nie eine Chance hatte, es richtig zu machen.

 

Denn ich las das Interview im ‹Tages-Anzeiger› mit Guy Bodenmann, Lehrstuhlinhaber am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Die Bindung zwischen Kind und Bezugsperson sei in der Schweiz praktisch in jedem zweiten Fall gestört, sagt er. Dabei wären sicher gebundene Kinder sozialer, beliebter, in der Schule leistungsfähiger und in späteren Paarbeziehungen zufriedener. Und diese Bindungssicherheit hat sehr viel, wenn nicht ausschliesslich, etwas mit der Mutter zu tun. Bei Säuglingen und Kleinkindern in Naturvölkern nämlich, die bei Bedarf häufigen und engen Körperkontakt zur Mutter haben, ist später eine deutlich höhere Bindungssicherheit feststellbar. Sein Fazit: «Ideal für den Start eines Krippenbesuchs wäre das Alter von 2 bis 3 Jahren, da das Kind dann bereits eine sichere Bindung zu seinen primären Bezugspersonen aufbauen konnte.»≠ Was nachher an Erziehung noch so dazukommt, scheint vernachlässigbar, denn über 70 Prozent der Kinder, die man als Einjährige einem Bindungsstil zugeordnet hat, weisen diesen auch nach 20 Jahren noch auf.

 

Ich schliesse daraus, dass es also keine grosse Rolle mehr spielt, was ich jetzt noch tue, wo meine Kinder bald vier und sechs sind und im Alter von vier Monaten in eine Krippe kamen, dass es nicht mein Fehler ist, weil ich in einem Land lebe, das 14 Wochen Mutterschaftsurlaub für richtig und 2 Wochen Vaterschaftsurlaub für übertrieben hält und dass meine Kinder dereinst in bester Gesellschaft sein werden mit all den anderen bindungsgestörten Erwachsenen, die heute zu früh fremdbetreut wurden.

Ja, ich bin versöhnt.

 

Andrea Sprecher

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