- Kultur
Verhandlungen in Echtzeit
Es kann vermessen erscheinen, «Megastructure» von Sarah Baltzinger und Isaiah Wilson eine Verwandtschaft zur Bewegungsrecherche «Körperarchive in Bewegung» des Kollektivs «dance me to the end» zu attestieren. Aber die schiere Abwesenheit von Dramaturgie während des von Chiara Corbetta und Wilchaan Roy Cantú performten heftigen akrobatischen Körpertheaters. das zwischen Augenzwinkern und Empathieschmerz changiert, legt es nahe. Denn die fünf Tänzer:innen Angelika Ächter, Anna Huber, Tina Mantel, Angela Stöcklin und Katharina Vogel verstehen in ihrer erst beginnenden Bewegungsrecherche das jeweils eigene Repertoire, das die Karriereanforderung der Entwicklung einer möglichst genuinen Tanzsprache spiegelt, zeitgleich als sowohl festes Fundament für eine Stückentwicklung als in der daraus erwachsenden Routine auch die Krux für eine komplette Neuerfindung steckt. Alles Künftige wird zur Verhandlungssache in Echtzeit. So wie das anscheinend linkische Dominanzgerangel in «Megastructure», das in Einzelszenen irgendwo zwischen der Putzigkeit eines Roboterhündchens und der Tollpatschigkeit von Kleinkindern, die sich der Folgen ihres Handelns noch nicht gewahr sind, oszillieren. Am anderen Ende der Skala eines eindeutig als in sich fertigem Kurzstück erkennbar befindet sich «Adams Apfel» von Nina Evelyn Pfüller. Einer sich vor lauter Stolz und Hochmut windenden und das Gesicht verzerrenden Hoheit auf dem Podest (Aline Gia Perino) stehen mit den virilen Tänzerinnen Rosine Ponti und Nina Evelyn Pfüller zwei angeblich niedrigrangigere Frauen entgegen, die ganz entgegen des Settings in ihrem Umgang mit der weiblichen Scham bereits einen deutlichen Schritt weiter in Richtung eines sogenannt gesunden Umgangs entwickelt sind. Ihr lustvolles Spiel ist es denn auch, das ihre Abgehobenheit letztlich in der Erwartung, von deren erlangten Lockerheit und Souveränität profitieren zu können auch dazu ermutigt, höchstselbst vom Sockel herabzusteigen und sie nachzuahmen. «Dis.tanz zwischen uns» des KlangKörper KunstKollektivs rund um Carla Battaini vermischt Text, Tanz und Ton. Maria Fidalgo liest Texte von Thomas Palzer, die sich grossmütig weitschweifend mit dem Paradox der Gleichzeitigkeit eines menschlichen Bedürfnisses nach Nähe, aber bloss des immerzu neu zu definierenden Gewünschten, also auch der Distanz behandeln. Derzweil stellt Carla Battaini als frei schwebendes Molekül eine wechselnde räumliche Entsprechung dazu her. Gleichzeitig intellektuell und emotional in verschiedene Richtungen zum freien Auslauf geladen zu werden, ist eine Herausforderung und zwingt einen nachgerade, eine Entscheidung der Hierarchisierung zu fällen. Fazil On Yus Performance «Black Skinned, White Masked» in Anlehnung an Frantz Fanons «Schwarze Haut, weisse Masken» wirkt am ehesten noch als im Stadium einer Entwicklung befindlichen Try-Outs. Rein akustisch, also aufnahmetechnisch bedingt werden etliche Textstellen (aus dem Off als auf der Bühne) nur schwerlich überhaupt verständlich. Was zu verbessern kein allzugrosses Hindernis darstellen sollte, aber für die Publikumsrezeption einen entscheidenden Unterschied macht. Die Symbolik sowohl des Tänzers im Allwetterschutzanzug als auch des afrikanisch traditionell ausgestatteten Musikers Haka Mukiga erzeugt starke Bilder und ist dem grossen Rahmen nach selbsterklärend. Es zeigt die handfeste, mitunter wütende Gegenwehr, eine allein auf die Hautfarbe fokussierte weitere Marginalisierung nicht weiter hinzunehmen bereit zu sein, und zugleich der energische Ausdruck einer zunehmenden Selbstbestimmtheit. Im Sinne der Worte eines Reformators: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Und dann das Fordern der Freiheit beginnen. Was ad infinitum ausgebaut und raffiniert werden könnte.