Verblüffendes Lehrstück

Ausgehend vom dreimal erschienenen rebellischen Kunstfanzine «Provoke» zieht die gleichnamige Ausstellung im Fotomuseum Winterthur eine Tour d’horizon entlang der widerständischen Bewegungen Japans in der Nachkriegszeit.

 

Von dem bisschen Eindruck, den man hier und heute durch Kunst, Film, Musik und Theater von Japan erhalten kann, käme man als Spätgeborener nie und nimmer auf die Idee, dass ab den 1960er-Jahren menschenreiche und handfest kämpferisch ausgetragene Proteste das Land erschütterten. Mindestens Hundertschaften legten sich im direkten Strassenkampf mit der bewaffneten Polizei an, um den Bau des Flughafens Narita in Tokio zu verhindern, wie das ein Film von Shinsuke Ogawa in der Ausstellung belegt. Offenbar ging aber die Protestwelle sehr viel weiter und fusste auf grundsätzlicherem Unbehagen gegen die durch den Kriegsgewinner USA mitforcierte Veränderung. Neoliberale Umstülpung der Wirtschaft, Grossprojekte wie Olympische Spiele und die Errichtung von Militärstützpunkten wurden in grosser Eile über die Köpfe der Bevölkerung hinweg durchgesetzt. Eine Modernisierungswende, gegen die sich Künstler und Intellektuelle ebenso aktiv zur Wehr setzten wie Gewerkschafter und Studentenvereinigungen. Im Zentrum der Ausstellung stehen natürlich fotografische Zeugnisse der künstlerischen Widerstände und die sind in der Form nicht sehr verschieden von jenen, die zeitgleich in Europa und den USA stattfanden, im hiesigen Gedächtnis aber aktiv abgespeichert sind. Ganz im Gegensatz zu jenen in Japan, die mit dieser Ausstellung eine Neuentdeckung (oder für ältere, geschichtsbewusste ZeitgenossInnen ein Wiedersehen) ermöglicht, die in ihrer Präsentation die Gedanken noch weit über die Museumssituation hinaus beschäftigen. Das Bild von Japan heute ist geprägt von der Stellung als Wirtschaftsmotor, der viel höher verschuldet ist als jedes europäische Land und bodenlose Notenbankinterventionen von Shinzo Abe. Die Sitten und die Mentalität sind ein Buch mit sieben Siegeln. Neben der demonstrierten freundlichen Unterwürfigkeit mit der Bereitschaft (respektive dem Zwang) zur räumlichen Selbstbescheidung in Kombination mit nachgesagtem Fleiss und stoischer Geduld bei Technikverliebtheit und Konstumgeilheit dominiert das Japanbild nach wie vor der Kranich, der Wasserfall, die Kirschblüte – und neueren Datums natürlich die Katastrophe von Fukushima. Aber dass trotz zeitgleich mit den Pariser Unruhen 1968 und den gesellschaftlichen Folgeumwälzungen in Zürich mit den Globuskrawallen, die die Gesellschaft tatsächlich veränderten, am anderen Ende der Welt ähnliches vonstatten ging, das Bild Japans heute aber nach wie vor von stomlinienförmigem Funktionieren geprägt ist, irritiert.Die thematisierten und abgebildeten künstlerischen Widerstandsbewegungen sind in ihrer Art und Ausführung durch ihre Pendants in den USA oder Europa bekannt. Guerilla-Theateraktionen mit klandestinem Zugang, vergängliche Interventionen im Geiste der hiesigen Fluxus-Avantgarde und subversive Happenings, in denen Menschen ausgemessen wurden, um ihnen individuelle Atombunker bauen zu können, sind nur die einprägsamsten präsentierten Beispiele. Im Mittelpunkt stehen vier Fotografen, die als treibende Kräfte hinter «Provoke» genannt werden und die ihren Protest gegen Konsumismus und Verkommerzialisierung auf die Fotografie übertrugen und die bisher dominierende dokumentarische Vorgehensweise ablehnten und dafür die Unschärfe, das grobe Korn, die Fehlbelichtung und die qualitätsmindernde Wiedergabe als schlichte Papierkopie praktizierten und propagierten. Auffallend ist die gekonnte Gegenüberstellung von Unzusammengehörendem, das den Geist dahinter intuitiv erfassbar macht. Wie die oben abgebildeten zwei: Ein wütender Kraftausbruch neben futuristischer Modenschau. «Provoke» ist damit eine dieser raren Ausstellungen, die einen über die reine Verweildauer hinaus dermassen fesseln, dass man angestachtelt wird, unbedingt noch mehr wissen zu wollen. Das Textbeiheft ist dafür ein kostengünstiger erster Schritt.

 

«Provoke: Zwischen Protest und Performance. Fotografie in Japan 1960 – 1975», bis 28.8., Fotomuseum Winterthur. Katalog. Textbeiheft 5 Franken.

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