(Bild: Eike Walkenhorst)

Verarmung

Eine Gewöhnung an Fronten­bildung verunmöglicht auf Zeit die Nuancierung.

Ein bisschen wie Fasnacht: Mit freihändigem Saublödtun überkompensieren, was übers Jahr alles tunlichst unterdrückt werden musste. Mehrheitlich Ausschweifungen der lüsternen Phantasie. Michaela Flück (Bühne) und Teresa Vergho (Kostüme) bauen Pina Karabulut eine «Alice in Wonderland»-Illusion à la Tim Burton, worüber die Regisseurin ihr Personal als einander durchwegs feindselig gegenüberstehend inszeniert. Unterwerfung wäre eine blosse Variation davon. Pinar Karabuluts «Ein Sommernachtstraum» erweckt den Eindruck einer Verheutigung, worin sich eine angewöhnte felsenfeste Eigenpositionierung alles Romantische als eine angebliche Unvernunft verbietet, was zuletzt eine rein verhärmte Gesellschaft hervorbringt. Allein im Traum lichten sich diese Schranken ein klitzekleinwenig. Die Entschuldigung für derlei Ausschweifungen ist mit unbewusster Fremdbestimmtheit rasch bei der Hand, was sehr wohl als Einladung dafür gelesen werden kann, mal wieder reiflich darüber nachzudenken, was die Begrifflichkeiten eigentlich bedeuteten. Ganz allgemein und insbesondere für ein eigenes Verhalten. Yvon Jansens Helena jedenfalls würde ihres Lebens ohnehin niemals froh werden, weil ihr Ziele und Hoffnungen komplett abhanden gekommen sind. Lena Schwarz’ Puck dürfte die Fähigkeit zum Schabernack sehr rasch einmal fad und zur Last werden, wenn die Boshaftigkeit gänzlich ohne Spieltrieb bleiben müsste. Die Figurenzeichnungen weisen durchs Band eine ausgeprägte Begabung zur sträflichen Vernachlässigung jedweder Ambivalenz auf, was als mangelhafte Nuancierung gerade den amourösen Flirt zur plumpen Annäherung macht. Woraus mangels Weitsicht respektive Offenheit sehr direkt eine Zubetonierung durch Rechthaberei werden kann. Wenn Charme und Liebreiz und Koketterie aus dem Repertoire gestrichen werden, ists halt gar nicht mehr so lustig, mit anderen in Kontakt zu treten.

«Ein Sommernachtstraum», bis 25.4., Schauspielhaus, Zürich.

(P.) S. O. S. !

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