Unverstanden

Agnieszka Holland nähert sich dem tschechischen Nationalheiligtum auf drei Ebenen.

Leben, Werk, Attraktion. Prag muss in einer Hinsicht furchtbar sein. Die touristische Ausbeutung des Erbes seines angeblichen Vorzeigesohnes Franz Kafka lässt sich die Stadt Unsummen kosten und verwandelt sowohl sich selbst als auch das Andenken an ihn in ein nachgerade lachhaftes Disneyland. Agnieszka Holland hat darin eine heutige Entsprechung dafür gefunden, wie ohnehin befremdlich, absurd und unmenschlich der Autor zu Lebzeiten auf die angeblich einfachste Form der Organisation eines Zusammenlebens alias eines sogenannten gesellschaftlichen Funktionierens geblickt hatte, zumindest wenn seine Romane und Novellen gewordenen fantastischen Überhöhungen zum Vergleich hinzugezogen werden. Zu einem Zweifler, wie er dies bis in den Kern durchdrungen war, passt das völlige Unverständnis gegenüber einer Umgebung, die sich angeblich freudig und schmerzlos einer emotionalen, politischen und sittlichen Norm unterwirft und sich darin als einhellig zu erkennen gibt, in Summe sei es das, was ein Leben wäre. Wo doch die drängendsten Fragen jenseits praktischer Anforderungen, simpler Verrichtungen oder gar profaner Egoismen einer Entschlüsselung harren, die erst dann einem Leben die ihm gebührende Bedeutung verliehen und es deshalb als lebenswert auszeichneten. Stattdessen lauert allenthalben eine Kollision. Angeblich weil die (Über-)Anpassung raschere und grössere Befriedigung verspricht, sogar auf die Gefahr hin, das Konzept als eines sich selbst in die Tasche Lügens noch vor Reiseantritt als regelrechten Selbstbetrug zu erkennen, und es sich darob schulterzuckend anbietet, sich mit Anlauf im Fatalismus zur Ruhe zu legen. «Franz K.» beschreibt eine gradlinige Schlangenlinie rund um das Befremden, das Nichtverstandensein, ja das ureigenst Eigentümliche am Wesen des Menschseins und ebnet den gefahrenverminderten Weg für einen emotionalen wie intellektuellen Neuzugang zu einem angeblich längst bekannten ­Universum.

«Franz K.» spielt im Kino Movie.