(Bild: Ivan Engeler)

Unverstanden

Nichts Geringeres als die Frage, was die Welt im innersten Zusammenhält, suchte Alan Turing mathematisch zu ergründen.

Keinen Stift, kein Blatt Papier währe ihm während einer zweijährigen Haftstrafe vergönnt gewesen, wozu er für sittenwidriges Verhalten verurteilt worden war, weshalb er die chemische Kastration für das geringere Übel hielt und sich insgeheim auch davon erhoffte, von seinem Begehren befreit zu werden. Dass die Hormonbehandlung in den beginnenden 1950er-Jahren eine Breitbandkeule mit weitreichenden Nebeneffekten war, hatte Alan Turing (1912-1954) nicht absehen können. Rüdiger Burbach bringt Benoît Solès Kammerstück «Die Turing-Maschine» mit Michael von Burg als Turing und Axel Julius Fündeling als sämtliche weiteren Personen als schweizerische Erstaufführung auf die Bühne des Theaters Kanton Zürich. In Einzelspots auf neuralgische Szenen eines Lebens, das bereits als Kind ausser den Zahlen keine Freunde hatte und erst in der Grundschule über diese geteilte Begabung dafür eine weit über eine Freundschaft hinausreichende Nähe zu Christopher entwickelte und nach dessen unnötigem Hinschied durch einen Infekt an dieser körperlich empfundenen emotionalen Leerstelle litt. Sein herausragend kluger Kopf machte aus ihm auch einen Sonderling. Einer, der sich lieber quasiphilosophisch, also natürlich mathematisch mit Paradoxen auseinandersetzte, als sich mit gewöhnlichen Rivalitäten he­rumzuschlagen. Seine Aufforderung, die Grenzen des damals Denkbaren grosszügig zu übergehen, weil erst dadurch ein möglicherweise noch nicht voraussehbares Potenzial überhaupt erkennbar werden kann, überforderte sein Umfeld massiv. Erst als die Bevölkerung Grossbritanniens zu verhungern drohte und die Nationalsozialisten das damalige Empire militärisch zu überrollen drohten, wurde er unter Androhung einer Höchststrafe bei Bekanntwerden seiner Geheimdiensttätigkeit geholt, um das Rätsel der Chiffriermaschine Enigma zu knacken. Davon ausgehend, dass zuletzt der Mensch auch nur eine Maschine ist, es deshalb durchaus auch denkbar sein muss, einer Maschine das Denken beizubringen, entwickelte er das Fundament für heutige Rechner. Ob ihm nicht ganz bewusst war, was er tat, als er sich vor Gericht zu seiner Homosexualität bekannte, weil er auch hier mit Logik gegen eine Unlogik vorzugehen als zielführend ansah, wirkt hier regelecht nachfühlbar, also glaubhaft. Weil nachgerade wissenschaftlich hergeleitet, bewiesen und unterfüttert kanns ja gar nicht sein, dass die Natur Unrechtes hervorgebracht haben soll. Der Mensch im Allgemeinen, die Macht im Besonderen war einfach noch nicht so weit, ihn zu verstehen.

«Die Turing-Maschine», 24.3., Theater Kanton Zürich, Winterthur.

(P.) S. O. S. !

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