Unter banalem Gebirg?

Zu gegebenem Anlass führen zwei Bücher den Gotthard als Mythos vor. Von der Politik bis zur Technik wurde er ein Symbol für Kraft, nationale Einheit, immerwährenden Fortschritt. Nun fällt mit dem klassischen Pass das überhöhte Alpenbild weg.

 

Hans Steiger

 

Leicht liesse sich eine ganze Buchbeilage mit den Publikationen zum «Jahrhundertwerk» füllen. Sach-, Bild-, Kinderbücher. Von der Post wird als «reich illustriertes Souvenir» ein Buch zur Briefmarke vorgelegt, die ihrerseits mit Pulver aus Gotthard-Gestein angereichert wurde. Ein nicht ganz unbekannter Autor lässt eine 118-Seiten-Erzählung für 24 Franken als «Basistunnel-Roman» vermarkten.

 

Reportagen-Collage mit Tiefgang

Hier aber geht es um den Kern: «Gotthard. Der Pass und sein Mythos». Dass ich mit dem Buch von Helmut Stalder die perfekte Wahl traf, zeigte sich schon auf den ersten Seiten. «Auf den alten Saumpfaden durch Uri hinauf zur Passhöhe» wäre «wohl das Richtige, um sich dem Gotthard zu nähern», bemerkt der ausgewiesene Kenner der Materie. Genau das haben wir 1993 getan. Es war der Höhepunkt unserer regionalen Kampagne für die Alpen-Initiative. Wir wählten eine Route mit historischen und aktuellen Bezügen, waren zu Fuss und ein Stück per Schiff unterwegs, zuweilen von Fachleuten begleitet, von Zürich-Enge bis zum Hospiz. Dort sassen wir am letzten Tag – müde, aber um prägende Erfahrungen und Erlebnisse reicher – sogar an jenem Stammtisch, dem eine speziell hübsche Passage in der bunten Collage aus Reportagen und Essays gewidmet ist, die der Journalist und Wissenschaftler farbig illustriert liefert. Klar, dass mich Stalder angesichts solcher Bezüge für sein Werk gewann.

Aber auch wenn ich objektiver zu sein versuche: Die farbigen Beschreibungen und Fotos sind so geschickt mit Hintergründigem verknüpft, dass sein Buch allen zu empfehlen ist, denen der gegenwärtige Rummel um das eigentlich langweilige Loch im Gebirge auf den Geist geht. Sicher können auch Geröllwüsten, wie sie sich über dem Tunnel finden, öde sein, «weiter oben ein paar Seelein, keine auffällige Felsformation», selbst beim Hospiz kein grandioser Ausblick. «Der Gotthard ist an sich eine banale Gegend, die uns von sich aus nichts zu sagen hätte.» Als mythisch aufgeladener Ort wird er von Stalder, der einst Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften studierte, recht schonungslos auseinandergenommen. Was bleibt? Jedenfalls mehr als nur ein paar mehr oder minder erfolgreich vermarktbare Tourismusattraktionen – «eine Schatzkammer der Natur und ein gewachsener Kulturraum mit einer Vielfalt, die in dieser Verdichtung nirgendwo sonst vorkommt». Gemeint ist die Passlandschaft als ganze, samt Furka, Nufenen et cetera. Als vielen bewusst wurde, dass ein «Identitätsgrund» des Landes in kurzer Zeit «buchstäblich unter die Räder gekommen war», kam es mit der Alpen-Initiative zum politischen Versuch, diesen Lebensraum zu bewahren. Zugleich will die Schweiz als modernes Transitland im Zentrum stehen. Diese zwiespältigen Wünsche haben sich «im Basistunnel materialisiert». Durchlöchern und zugleich schützen. Ist das die perfekte Vollendung eines alten und eines neuen Auftrags?

 

Zwiespältigkeiten des Fortschritts

Die skizzierte Zwiespältigkeit spiegelt sich im Buch. Vorn oft grundsätzliche, skeptische Betrachtungen und Fragen, die sich bei einem «Abschreiten der Geschichte» auf den alten Saumwegen entlang der Reuss aufdrängen. Sie gab eine meist enge gerade Längsachse natürlich vor. Strassen, Schienen und Autobahn haben «diese Geometrie noch einmal in die Landschaft gestanzt». Die mittelalterlichen Überbleibsel, die Bauten aller Epochen bis hin zur modernen Infrastruktur, erzählen eine immer gleiche Geschichte, «die Geschichte von Handel, Austausch, Geld und Macht.» Bei der Eröffnung des Autotunnels verkündete Bundesrat Hürlimann noch, dieser werde «kein Korridor für den Schwerverkehr.» Das sei wohl der naivste Glaube gewesen, dem 1980 gehuldigt wurde. Planer rechneten mit etwa 750 Lastwagen pro Tag. 1988 waren es jährlich schon mehr als eine halbe, ein Jahrzehnt später eine ganze Million. Der erhoffte Segen «erwies sich für die Anwohner in Uri und der Leventina als Fluch». Nichts von Austausch, Kommunikation, neuer Freiheit. «Der Traum von der freien Fahrt durch die Alpen für alle ist durch die Masse, die ihn verwirklichen will, zum Alptraum geworden.» Weil die Gotthardroute eine kontinentale ist, gibt es praktisch keine Obergrenze; die Reservoirs der Verkehrsströme sind im Zeitalter zunehmender Arbeitsteilung und Ferienbedürfnisse unerschöpflich.

«Nieder mit den Alpen», lautet die erste Überschrift im Schlussteil, der das jüngste Bauwerk als «Tunnel der Superlative» würdigt, «in jeder Hinsicht». Stets sei es um die «ideale Linie gegen die Widerstände der Natur» gegangen, um «eine Annäherung der Vertikalen an die Horizontale». Die nun nahezu gerade Linie von Ebene zu Ebene bringt dieses Prinzip zur höchsten Perfektion. «Die Flachbahn bezwingt den Gotthard nicht, sie negiert ihn.» Eine gigantische Manifestation und nicht mehr zu steigern. Was dies für die Zukunft des alpinen Lebensraumes bedeutet, bleibt trotz oder gerade wegen der Seitenblicke nach Andermatt ziemlich unklar.

 

Landschaftswahrnehmung im Wandel

Auch bei «Gotthard/Gottardo», einem 3,5-Kilo-Brocken, an dem zwei Hochschulen, die SBB sowie viele kluge Leute beteiligt waren, entschwindet das Perspektivische im Nebel. Die knappe Einführung stellt bezüglich Zukunft zwar fest, dass sich «die Wahrnehmung der Landschaft drastisch ändern» werde. Auf «immer tieferem Niveau über Meer» realisierte Anlagen scheiden das Oben und Unten zunehmend. Horizontalität überlagert Vertikalität. Wie bei Stalder, nur weniger journalistisch. Akademischer. Es würden «raumplanerische Fragen» vom Gebirge in die angrenzenden Ebenen verschoben, die Natur reduziert «auf eine dünne Landschaftshaut», welche «die Infrastrukturbauten zudeckt und die Mythologie der Alpen am Leben erhält». Weit hinten im Buch finden sich ein paar malerisch wirkende Fotos von zerfallenden Brücken und mit Gras überwachsenen Geleisen bei Göschenen. Dies in ganz anderem Zusammenhang; es wäre böswillig, sie als konkrete Illustration der konzentrierten Visionen des herausgebenden Duos zu sehen. Marianne Burkhalter und Christian Sumi setzten zudem unter ihr Vorwort eine Fussnote, die mich schon fast mit gelegentlich verblasenen Formulierungen versöhnte: «Massgebend für die Entwicklung des Gotthardraumes in der Zukunft ist die Umsetzung der vom Schweizer Volk 1994 angenommenen Alpen-Initiative.»

In der Regel sind die Beiträge des Buches gut lesbar verfasst, mehrheitlich deutsch; die Abschnittsübersichten immer. Bei den italienisch gehaltenen, wo mich insbesondere die Schlussanalysen zur ökonomischen und soziogeografischen Lage der Gotthardregion interessiert hätten, war ich leider rein sprachlich überfordert. Aber jenes Zitat, «scritta con lo spray sui muri zurighesi nel lontano 1980», habe ich als Anmerkung zum Alp-Transit-Bau schon kapiert: «Nieder mit den Alpen – freie Sicht aufs Mittelmeer!» Nicht die einzige Parole jener Jahre, deren Aussage vielseitig interpretierbar war.

 

Ein weites Feld und viele Krokodile

Basis für den Dokumentationsband ist ein Forschungsprojekt mit starkem Akzent auf Architektur. «Landschaft – Mythen – Technologie» umschreibt das untersuchte Dreieck. Ins «thematische Feld der Arbeit» seien über dreissig Essays «eingelagert». Sie halten sich an keine Grenzen. So eröffnet ein alter, tatsächlich «Malerischer Atlas der Eisenbahn über den Semmering» den Reigen von Bauwerken, die sich aus heutiger Sicht harmonisch in die Umgebung fügen, obwohl sie radikale Veränderungen bewirkt haben. Durch die Breite des Spektrums sowie eine zuweilen absurd anmutende Materialfülle im Einzelfall ufert das Werk derart aus, dass der Gedanke aufkommt, den Klotz in Stücke zu hacken und diese den jeweiligen Freaks weiterzureichen: Briefmärklern etwa die Analysen der unzähligen entworfenen, nur zum kleinen Teil gedruckten Sujets mit technischen Anlagen in alpinem Gelände. Karl Bickel war da Spezialist; beim breiten Publikum erntete er für seine kühlen Darstellungen reichlich Kritik. In der Technologie-Abteilung II dann wimmelt es von Loks, fast 200 Seiten en bloc! Fotos, minutiöse Montageskizzen. Wir älteren Semester erkennen mit nostalgischem Gefühl den Roten Pfeil und diverse Krokodile. Aber irgendwann reicht’s. Abgeben an Modelleisenbahner?

Auseinander nehmen könnte ich so ein Buch natürlich nie. Als monströses Unikum ist es dem Anlass, zu dem es publiziert wurde, auch angemessen. Sozusagen das Tüpfelchen auf dem «i» ist die eingelegte DVD. Sie erlaubt das digitale Durchgleiten der Landschaft samt Blicken aus real unmöglichen Positionen. Faszinierend, nicht schön; versehen mit entsprechendem Sound. Wälder, Fels, Bauten, etwa die berühmte Kirche von Wassen, sind Spielmaterial. Die an der ETH erprobten Landscape-Methoden erlauben wahrlich «revolutionäre, computergenerierte Landschaftsrepräsentationen». Ein «pragmatisches Arbeitsinstrument» sei damit geschaffen worden, das «eine völlig neue Sichtweise auf territoriale Gegebenheiten» erlaube. Menschen sah ich keine.

 

Ehrfurcht vor Natur und Technik

Vor allem der Mittelteil des Bandes, eine Sichtung sich wandelnder Mythen, ergänzt die Gesamtschau von Stalder punktuell. Typisch scheinen die Publikationen eines Hermann Alexander von Berlepsch zu sein, der von 1814 bis 1883 lebte und wiederholt über das Gotthardgebiet schrieb. Dabei richtete sich seine Aufmerksamkeit «erst ehrfürchtig auf die Natur, den Gebirgsraum als Höhepunkt der Schöpfung.» Dann jedoch verlagerte sich die Bewunderung hin zu den technischen Leistungen. «Die Genrebilder des Bannwaldes, des Gletschers oder des Dorflebens weichen nicht weniger eindrucksvollen Beschreibungen des Tunnelbaus, der Sprengungen, der Eisenbahn». Naturerfahrung war ja oft mit Angst verbunden; sie floss auch ein, wenn es um die «übermenschliche Kraft der Maschinen» ging. Dampflokomotiven waren wie Schneestürme und Gewitter wichtige Aspekte einer dynamischen Entwicklung im alpinen Gebiet. Aber der Fortschritt war im neuen Bergbild, das nicht zufällig Parallelen zum kolonialistischen Weltbild aufwies, mit dem Überwinden der Natur verbunden. Und da kamen wir sehr weit voran.

 

Helmut Stalder: Gotthard. Der Pass und sein Mythos. Orell Füssli, Zürich 2016, 296 Seiten mit vielen, meist farbigen
Fotos, 54 Franken.

 

Der Gotthard / Il Gottardo. Landscape – Myths – Technology. Herausg. von
Marianne Burkhalter und Christian Sumi. Texte in Deutsch, Englisch, Italienisch sowie DVD: The Unexpected View.
Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, 984 Seiten in grossem Querformat mit 927 Farb- und 463 s/w-Abbildungen, 99 Franken. Zürcher Buchvernissage zu «Gotthard/Gottardo» im Sphères am 16. Juni 2016, 20.30 Uhr.

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