Ungemütlich eingerichtet

Vor langer Zeit besuchte ich einmal einen Tanzkurs. Tanzen ist ja so eine klare patriarchale Sache. Der Mann führt, die Frau folgt. Man könnte denken, das würde den Männern gefallen, zumal ja das mit dem Patriarchat und dem Führen sonst nicht mehr so ganz klar ist. Das war allerdings nicht so. Mir schien, als wäre es der Mehrheit in diesem Kurs – Frauen genauso wie Männern – viel lieber, es wäre umgekehrt. Und ich fragte mich da, warum funktioniert das Patriarchat, wenn es so offensichtlich an den Bedürfnissen der Menschen vorbei geht?

 

Nun ist das natürlich eine Anekdote, die überhaupt nichts aussagt und schon gar nichts beweist. Aber in vielen Genderfragen sind wir seit Jahrzehnten und Jahrhunderten auf diesem Niveau unterwegs. Meist wird der Unsinn noch pseudowissenschaftlich ein wenig aufgepeppt, was die Geschichte aber nicht besser macht. Passend dazu ist die Geschlechterforschung massiv unter gesellschaftlichem Druck. Es scheint, dass man sich gerne mit anekdotischer Evidenz begnügt. Und vielleicht ist das eine der Antworten auf die Frage, warum das Patriarchat funktioniert. Weil sich zu viele – Männer und Frauen – darin eingerichtet haben.

 

Nehmen wir mal das Minenfeld Mutterschaft. Wer sich das, was werdenden und bestehenden Müttern von allen Seiten – inklusive medizinischem Personal – mitgegeben wird, nimmt und es wissenschaftlich überprüft, wie das beispielsweise die Ökonomin Emily Oster im Buch «Expecting Better» getan hat, stellt fest, dass hier ziemlich viel Unsinn erzählt wird. Nun ist es durchaus sinnvoll, bei einer Schwangerschaft im Zweifelsfall Vorsicht walten zu lassen. Schliesslich ist es auch nicht schlimm, mal ein paar Monate auf Sushi oder Bündnerfleisch zu verzichten. Das Problem ist ein anderes, das sich auch nach der Geburt weiterzieht: Die Mutter ist immer schuld. Freud mag aus der Mode geraten sein. Die Mutterschuld und der Mutterkult leben aber in vielen Manifestationen – einige davon auch feministisch verbrämt – weiter.

 

So finden wir die Segen der modernen Medizin grundsätzlich toll, nur bei der Geburt sollte es möglichst noch so funktionieren wie in der Steinzeit. Moderne Frauen sollen Beruf und Familie vereinen, nur kriegt das Kind eine Bindungsstörung, wenn man es in die Kita schickt. Das Kind ist ein heikler Esser? Sicher ist da auch Mutter schuld, die dem Kind Pulvermilch gab. Das Kind singt nicht gern? Mutter hat es wohl zu viel gelobt oder sonstwie erzieherisch manipuliert. Beispiele gibt es genügend. Doch warum machen so viele Frauen willig mit in diesem System von Schuld und unerfüllbaren Ansprüchen?

Die Antwort ist einfach und schwierig zugleich. Schuld hat natürlich das System. Und die Männer. Aber eben auch die Frauen selbst. «Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit», meinte schon Marie von Ebner-Eschenbach und trifft da einen wunden Punkt. Kaum ein Mann würde sich je Gedanken darüber machen, ob der Vater von Z in der Krabbelgruppe die besseren Cupcakes macht. Und sie verlangen auch kaum von ihrer Frau, die perfekte Cupcake-Bäckerin zu sein. 

 

Die französische Comiczeichnerin Emma Clit zeichnet in ihrem Comic «Du hättest doch bloss fragen müssen» die Problematik des Mental Loads anschaulich auf. Darin lädt ein Paar mit Kindern ein anderes zum Essen ein. Mutter kocht und räumt auf und hat Stress, während Vater gemütlich Wein mit den Gästen trinkt, bis Mutter einen Wutanfall hat, weil sie alles allein machen muss. Was Vater nicht versteht. «Du hättest bloss fragen müssen», meint er, dann hätte er ja geholfen. Das ist eben Teil des Problems. Denn Hausarbeit und Kindererziehung bestehen eben nicht nur aus der Arbeit, sondern auch aus Verantwortung, Planung und Organisation, die mindestens ebenso viel zu tun gibt und die häufig eben nicht von den Männern übernommen wird. Die halt zwar helfen, aber auf den Befehl warten. Auf die Führung.

Das Problem ist aber auch, dass viele Frauen sich damit arrangieren. Sie ärgern sich zwar und gehen an den Frauenstreik. Sie engagieren sich für Gleichstellungsthemen und für die Bedeutung der Care-Arbeit. Das ist alles richtig so. Nur: Wirtschaft und Gesellschaft werden auch nicht schneller gleichberechtigt, wenn es in der eigenen Beziehung schon nicht funktioniert. Eine gleichberechtigte Beziehung erfordert ein stetes Aushandeln von Aufgaben, Pflichten und Verantwortung. Das ist anstrengend und nicht immer erfolgreich. Aber es ist etwas, das man eigenverantwortlich und unverzüglich angehen kann. Im Gegenteil zum Umsturz von Kapitalismus und Patriarchat. Das aber eben auch seinen Beitrag dazu leisten kann, das System zu ändern. Wie beim Klima: Selbstverständlich ist das Klima nicht gerettet, nur weil ich ein wenig weniger fliege und Fleisch esse. Aber es ist immerhin etwas, was ich beitragen kann. Zur Veränderung braucht es beides: Eigenes und gesellschaftliches Handeln. 

 

Beim Feminismus geht es darum, Frauen eine Wahl zu ermöglichen. Selbstverständlich soll eine erwachsene Frau das Recht haben, selber zu entscheiden, ob sie wie eine Hausfrau in den 1950er-Jahren leben, ein Kopftuch tragen oder sich gegen den Vaterschaftsurlaub engagieren will. Als liberale Feministin stehe ich für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ein. Aber das heisst noch lange nicht, dass ich jede dieser Entscheidung feministisch oder gut finden muss.

Feminismus war und ist eine Bewegung mit vielen inhaltlichen Differenzen. Genauso wie es andere Bewegungen auch sind. Man kann mit guten feministischen Gründen für oder gegen ein Verbot der Prostitution sein. Aber in den Werten und Zielen sollte man sich einig sein. Der Feminismus will, dass Frauen selbstbestimmt, unabhängig und befreit sind. Wenn rechte Frauen sich antifeministisch engagieren, ist dies kein feministischer Akt, auch wenn er selbstgewählt ist. Sich vollkommen in die finanzielle Abhängigkeit eines Mannes zu begeben, mag selbstbestimmt sein, klug ist es dennoch nicht. Patriarchale religiöse Traditionen bleiben patriarchalisch, auch wenn sie von Frauen vertreten werden. 

 

Viele Feministinnen scheuen den Dissens. Zu gross ist die Angst vor dem Etikett Zickenkrieg, zu gross der Wille zur Solidarität. Nur ist eine politische Differenz noch lange kein Konflikt. Warum sollte man diese nicht auch als Feministinnen austragen können? Und: Jede politische Bewegung hat eine Idealvorstellung. Und die ist selten nur anything goes. Es braucht eine Vorstellung über feministische Mutterschaft, Beziehungen, Rollen, kurz: über eine besseres, freieres und glücklicheres Leben. Nur so können wir wirklich Gesellschaft und Wirtschaft verändern. Und uns selbst auch.

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